Urs Rüegsegger, CEO SIX Group

Von Radovan Milanovic


Moneycab: Per 1.1.2008 haben sich die Schweizer Börse SWX, die SIS, welche die Abwicklung und die Verwahrung schweizerischer und ausländischer Abwicklung durchführt, sowie die Telekurs zusammengeschlossen. Welche Vorteile haben sich durch die Fusion für die Gruppe ergeben?


Urs Rüegsegger: Durch den Zusammenschluss der Infrastrukturbetreiber im schweizerischen Finanzdienstleistungssektor haben wir einfachere Governance-Strukturen, was kürzere Entscheidungswege und eine schnellere Umsetzung erlaubt. Insbesondere Projekte mit divisionsübergreifendem Charakter können wir heute wesentlich effizienter vorantreiben als in der alten Welt. Darüber hinaus sind wir für den Krisenfall sicher besser gerüstet.



«Gemessen an der enormen Vielfalt und Komplexität unserer vier grossen Geschäftsfelder (Wertpapierhandel, Clearing/Settlemlent/Custody, Zahlungsverkehr und Finanzinformationen) haben wir eine Gruppenleitung gesucht, die den Divisionen Freiheiten bietet und damit Marktnähe ermöglicht.» Urs Rüegsegger, CEO SIX Group


Welches sind Kosten der Zusammenlegung der drei Gesellschaften und welches die geplanten Einsparungen?


Über Fusionskosten und bereits realisierte oder geplante Möglichkeiten für Einsparungen machen wir keine detaillierten Angaben. Synergiepotential gibt es etwa im Bereich der zentralen Dienstleistungen sowohl auf Stabsebene wie auch beim Betrieb der IT-Infrastruktur sowie der zentralen Anwendungen. Hingegen muss betont werden, dass SWX Group, SIS Group und Telekurs Group nur geringe überlappende Aktivitätsfelder hatten. Insofern war unsere Fusion strategisch bedingt und weniger aus Kostenüberlegungen wie in jenen Fällen, wo ein Unternehmen einen Konkurrenten aus dem gleichen Sektor übernimmt.


Bleiben Sie mit Ihren Bemühungen im gesteckten Zeitrahmen? Welche Etappen sind erreicht und welche stehen Ihnen noch bevor?


Die Integration von SIX Group schreitet planmässig voran. Wir haben seit unserem Zusammenschluss einen neuen Brand-Namen mit eigener Identität, eine Mission und Vision und die zugehörigen Unternehmenswerte entwickelt und implementiert. Per 1. Januar 2010 harmonisieren wir gruppenweit die Anstellungsbedingungen. Sodann integrieren wir die SAP-Umgebung. Hingegen ist klar, dass es eine Obergrenze von Projekten gibt, welche man sinnvollerweise gleichzeitig vorantreiben kann. Insofern ist die Integration noch nicht abgeschlossen. Das Gröbste liegt jedoch sicher hinter uns.


Die Organisation SIX-Group, ist in sieben Geschäftsbereiche mit je einem CEO unterteilt, die Ihnen als Group CEO unterstellt sind. Wieso ist die Gruppe in so viele Teilbereiche unterteilt?


Gemessen an der enormen Vielfalt und Komplexität unserer vier grossen Geschäftsfelder (Wertpapierhandel, Clearing/Settlemlent/Custody, Zahlungsverkehr und Finanzinformationen) haben wir eine Gruppenleitung gesucht, die den Divisionen Freiheiten bietet und damit Marktnähe ermöglicht. Heterogene Geschäfte nur aus Gründen einer schmäleren Führungsspanne zusammen zu legen macht wenig Sinn. Zudem sollen die Ressorts Finance & Risk bzw. IT & Logistics über eine Vereinheitlichung der Prozesse Einsparungen ermöglichen.



«Die Finanzkrise mit ihren gigantischen Verwerfungen namentlich im September und Oktober 2008 war für mehrere Gesellschaften innerhalb unserer Gruppe ein Stresstest, dessen Ausmass wir nicht für möglich gehalten hätten. Wir haben diese Belastungsprobe aber mit Bravour bestanden»


Was sind Ihre konkreten Aufgaben bei der SIX-Group?


Ich führe das Management unseres Unternehmens und vertrete es gegenüber dem Verwaltungsrat, leite in dessen Auftrag die Strategieentwicklung und überwache deren zeitgemässe und budgetkonforme Umsetzung in allen Geschäftsbereichen. Sodann vertrete ich die Organisation gegenüber den Regulatoren, Joint-Venture-Partnern und den grössten Kunden bei Kontakten auf der höchsten Ebene. Wichtig scheint mir auch zusammen mit den Division CEOs ein Beziehungsnetz aufzubauen und zu pflegen, das uns neue Optionen eröffnet und in der Beurteilung der Umweltveränderungen hilft.


Von Zeit zu Zeit tauchen Gerüchte einer Fusion der Schweizer Börse mit der Deutschen Börse auf. Sie beteuern jedes Mal, unabhängig bleiben zu wollen. Können Sie sich auch langfristige gegenüber der Deutschen und der London Stock Exchange behaupten?


Wir sind überzeugt, dass wir durch den Zusammenschluss zur SIX Group auch auf der internationalen Ebene die Marktposition verbessert haben. Bei dieser Gelegenheit sollten wir uns daran erinnern, dass unsere Organisation gegründet wurde, damit die schweizerische Finanzplatz-Infrastruktur – im besten Interesse unseres Finanzplatzes als Ganzes – unter mehrheitlich schweizerischer Kontrolle bleibt. Dass darüber hinaus die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen sinnvoll sein kann zeigen die drei sehr erfolgreichen Joint-ventures mit der Deutschen Börse (Eurex, Scoach und STOXX). Eurex hat sich immerhin zu einer der weltweit grössten Derivate-Börsen entwickelt.


Ist die First Data aus Österreich, deren Teile Sie kürzlich übernommen haben, mit der Schweizerischen Telekurs vergleichbar? Was ist das Ziel dieser Transaktion? 


Wenn Sie unter «Telekurs» die frühere Telekurs Group meinen, die als Organisationseinheit nicht existiert, so ist dies nicht der Fall. First Data, deren Kartengeschäft wir in Österreich übernommen haben, ist als Kartenverarbeiter im gleichen Sektor tätig wie SIX Card Solutions.


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Haben sich seit der Börsenkrise von 2008/09 Konsequenzen hinsichtlich neuer Vorschriften oder Arbeitsabläufe für die SIX ergeben? Falls ja, welche?


Die Finanzkrise mit ihren gigantischen Verwerfungen namentlich im September und Oktober 2008 war für mehrere Gesellschaften innerhalb unserer Gruppe ein Stresstest, dessen Ausmass wir nicht für möglich gehalten hätten. Wir haben diese Belastungsprobe aber mit Bravour bestanden und sahen uns folglich nicht veranlasst unsere interne Organisation in wesentlichen Punkten zu modifizieren. Veränderte Vorschriften seitens der Regulatoren gab es nur wenige – etwa zum Thema des Leerverkaufsverbots an der Börse. Wir beobachten vielmehr, dass der regulatorische Druck dort ansetzt, wo die Finanzkrise ausgelöst wurde: bei den Banken. Stichworte sind unter anderem Eigenmittelminima, Neuausrichtung der Anreizsysteme für das Bankmanagement oder Regulierung der Ratingagenturen.


Zur Zeit hat der hohe Druck der EU auf die Schweiz in Bezug auf das Bankgeheimnis und der Steuerhoheit nachgelassen. Ist die SIX bei politischen Bereinigungsverfahren eingebunden?


SIX Group ist in der Arbeitsgruppe für die Weiterentwicklung der schweizerischen Finanzplatzstrategie eingebunden. Insofern beschäftigen wir uns natürlich mit diesem Thema. Der Lead in dieser Frage ist aber klar bei der Schweizerischen Bankiervereinigung bzw. beim Eidgenössischen Finanzdepartement, welche ja in diesem Gremium ebenfalls mitwirken. Darüber stehen wir in regelmässigem und engem Kontakt zur FINMA und zur SNB, was eine laufende Abstimmung ermöglicht.


Welche Auswirkungen haben die höheren Eigenmittelunterlegungen der Banken für die SIX-Gruppe?


Keine, die wir feststellen könnten.



«Unsere Börse unternimmt massive Anstrengungen zur Optimierung ihrer Dienstleistungen. Dazu gehört die Überprüfung der Gebühren genauso wie das Erschliessen neuer Kundengruppen (unter anderem bei High-Frequency-Tradern).»


Werden in Zukunft bei Eintritt ähnlicher Fälle Mechanismen oder Notbremsen zur Stabilisierung des Handels und der Kursfindungen in Kraft gesetzt wie etwa die Einstellung von Short-Trades für gewisse Branchen wie Banken, Versicherungen…?


Leerverkäufe sind vor Jahresfrist massiv unter Beschuss geraten, weshalb sie in verschiedenen führenden Finanzmärkten (USA, England, Frankreich, Deutschland) auch temporär verboten wurden. Die Tatsache, dass diese Verbote befristen waren, sind indes ein Hinweis darauf, dass Short selling in normalen Zeiten legitimer Teil einer Handelsstrategie sein kann. Was das Funktionieren des Marktes angeht, so gehören Kursstürze – leider – ebenso zu einer langfristigen Entwicklung einer Börse wie Haussen oder Überhitzungen. Von zentraler Bedeutung ist jedoch, dass ein Markt immer offen bleibt. Wenn nämlich ein Akteur unter dringlichem Verkaufszwang steht und der Markt geschlossen wäre, so ist dies ein Horrorszenario.


Zu Beginn des Jahres sind Sie davon ausgegangen, dass die Erträge in diesem Jahr im «einstelligen Prozentbereich» fallen würden? Wie sieht Ihre aktuelle Prognose für 2009 aus?


Diese Aussage kann ich bestätigen, ohne dass ich sie derzeit präzisieren möchte oder darf.


Welche Bemühungen unternehmen Sie, um eine Abwanderung des Wertschriftengeschäftes ins Ausland zu verhindern?


Unsere Börse unternimmt massive Anstrengungen zur Optimierung ihrer Dienstleistungen. Dazu gehört die Überprüfung der Gebühren genauso wie das Erschliessen neuer Kundengruppen (unter anderem bei High-Frequency-Tradern). Darüber hinaus wird versucht, die Durchgängigkeit der Swiss Value Chain (Handel, Clearing, Settlement) als Wettbewerbsvorteil stärker ins Spiel zu bringen.


Gebührensenkungen bleiben ein wichtiges Thema. Wie gross ist das Potential weiterer Gebührenreduktionen?


Die Überprüfung der Gebühren (nicht nur im Handel) sowohl was Höhe und Struktur angeht, ist eine Daueraufgabe des Managements. Per 1.12.2009 senken wir beispielsweise die Gebühren im Handel mit den schweizerischen Blue-chips.





Der Gesprächspartner
Dr. Urs Rüegsegger Group CEO


Dr. Urs Rüegsegger ist seit Anfang 2008 CEO der SIX Group. Zuvor bekleidete er die Funktion des Präsidenten der Geschäftsleitung der St. Galler Kantonalbank, zu welcher er 1993 als Verantwortlicher für Controlling, Rechnungswesen und Risiko-Management stiess. 1997 wurde er in die Geschäftsleitung berufen. Im Jahr 2000 übernahm er die Projektleitung des 2001 erfolgreich durchgeführten Börsengangs. Als Präsident der Geschäftsleitung bekleidete er ab 2001 zudem verschiedene Funktionen im Rahmen des Verbands der Schweizer Kantonalbanken. Nach Abschluss des betriebswirtschaftlichen Studiums an der Universität St. Gallen startete Urs Rüegsegger seine berufliche Tätigkeit bei der Swiss Re im Bereich Informatik. Neben der Entwicklung kommerzieller Applikationen war er massgeblich in die Restrukturierung des Dienstleistungsbereichs der Swiss Re involviert. Nach Übernahme der finanziellen Verantwortung für die international tätige Tochtergruppe Audatex stiess er Ende 1993 zur St. Galler Kantonalbank.


SIX Group
Die SIX Group erbringt Infrastrukturdienstleistungen für nationale und internationale Teilnehmer des Schweizer Finanzplatzes. Die Geschäftsfelder des Unternehmens decken den Wertschriftenhandel, die Wertschriftendienstleistungen, das Finanzinformationsgeschäft und den Zahlungsverkehr ab. Die SIX Group ist Anfang 2008 aus dem Zusammenschluss von SWX Group, SIS Group und Telekurs Group hervorgegangen und repräsentiert als Infrastrukturunternehmen mit internationaler Geschäftstätigkeit einen tragenden Pfeiler des Finanzplatzes Schweiz. Das Unternehmen befindet sich im Eigentum von rund 160 in- und ausländischen Aktionären, die auch Nutzer der Infrastruktur sind. Diese breit abgestützte Eigentümerschaft und die mittels eines Aktionärsbindungsvertrags auf langfristige Stabilität ausgerichtete Eigentümerstruktur stellen sicher, dass das Unternehmen den Interessen seiner Kunden und der Akteure des Finanzplatzes Schweiz verpflichtet ist.

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