Viviana Buchmann, Geschäftsführerin Mobility

von Jolanda Lucchini


Frau Buchmann, Mobility ist in Europa die Nummer 1 punkto CarSharing. 2007 hatten Sie 77100 Kunden. Konnten Sie den Kundenstamm weiter ausbauen?


Ja, 2008 war wiederum ein sehr erfolgreiches Jahr für die Genossenschaft. Mobility verzeichnet in den letzten Jahren ein kontinuierliches Kundenwachstum von ca. 10 % pro Jahr, derzeitig liegen wir bei 85’000 Mobility-CarSharing-Kundinnen- und Kunden. Dieses Wachstum ist aufgrund verstärkter Marktbearbeitung und den Investitionen in technologische Innovation (Bordcomputer-Technologie, neues Reservationsportal) eingetreten. Es ist uns damit gelungen, das Angebot für unsere Kunden noch weiter zu optimieren.


2007 wies Mobility im Bereich Business CarSharing ein Kundenwachstum von 21 Prozent aus, was über 2100 Firmen entspricht. Rechnen Sie damit, dass aufgrund der Wirtschaftskrise Unternehmen vermehrt auf die Miet-Variante umsteigen?


Der Business-Bereich erwirtschaftet inzwischen ein Fünftel des gesamten Mobility-Fahrtenumsatzes, Tendenz weiter steigend. Die Vorteile liegen auf der Hand: Ein schlecht ausgelasteter Fuhrpark ist unnötig teuer und verursacht viel Aufwand. Mit unseren Business-CarSharing-Dienstleistungen können viele Unternehmen ihren Fuhrpark verkleinern oder ihren Bedarf punktuell mit Mobility-Fahrzeugen ergänzen. Die gesamte Wartung, von der Reinigung über Reifenwechsel, die Fahrt in den Service und was alles sonst noch anfällt, erledigen die ServiceMobiler von Mobility.


Und wie sieht die Entwicklung im Bereich der Privatnutzer aus? Der Sparfaktor spielt dort offenbar keine so grosse Rolle. Nur für etwas mehr als 20 Prozent der Kunden sind finanzielle Erwägungen ausschlaggebend für eine Mobility-Mitgliedschaft.

Die Beweggründe liegen gemäss der Studie «Wirkungsanalyse CarSharing» des Bundesamtes für Energie aus dem Jahr 2006 in erster Linie beim Umweltbewusstsein (29.6 %), gefolgt von klaren finanziellen Vorteilen (21.4 %). Die ursprüngliche sehr homogene Zielgruppe ist heute aber zunehmend heterogen. Für Nutzergruppen wie etwa Studierende spielen die finanziellen Vorteile sicher eine grosse Rolle. Mit Mobility CarSharing lässt sich viel Geld sparen. Bei einer jährlichen Fahrleistung von 15’000 km mit dem Privatauto kann bei einem Umstieg auf den öffentlichen Verkehr und CarSharing CHF 4’250 pro Jahr eingespart werden.


«Für unsere Kunden steht ein bewusster Umgang mit der eigenen Mobilität im Vordergrund.»


Erstaunlicherweise sind viele Mobility-Nutzer Besserverdienende. Die Hälfte Ihrer Kunden verfügen über ein Haushaltseinkommen von brutto 8500 Franken oder mehr im Monat und könnte sich ein eigenes Auto leisten. Was gibt bei diesen Kunden den Ausschlag, sich für Mobility zu entscheiden?


Für sie steht ein bewusster Umgang mit der eigenen Mobilität im Vordergrund. Sie wollen eine intelligente Art von Mobilität nutzen und im Rahmen der Kombinierten Mobilität je nach Situation zu Fuss gehen oder verschiedenste Verkehrsmittel nutzen: das Velo, den Zug, das Auto. Diese Kunden legen zudem sehr viel Wert auf Lebensqualität; sie wollen nichts mit den lästigen Pflichten zu tun haben, die ein Autobesitz mit sich bringt, etwa den Abschluss einer Motorfahrzeugversicherung. Und auch nichts mit Service, Reifenwechsel und Parkplatzkosten.


Ist der hohe Anteil an Besserverdienenden mit ein Grund, dass Mobility nach vier Jahren in der «Günstig-Kategorie» die Kooperation mit der Migros beendet und im Februar das optisch klar als Spar-Produkt erkennbare M-Budgetauto durch den vom Erscheinungsbild her weitaus attraktiveren Citroën C 1 ersetzt hat?


Nein. Die gemeinsame Fahrzeug-Kategorie M-Budget mit der Migros wurde 2005 lanciert und endet nun vertragsgemäss und wie geplant nach vier erfolgreichen Jahren. Mobility hat sich nach einer fundierten Evaluation verschiedener möglicher Werbepartner dafür entschieden, eine eigene Budget-Kategorie zu lancieren. Ohne Werbepartner und der dazugehörigen Beschriftung sind wir flexibler und nicht über mehrere Jahre an einen Vertrag gebunden. Dies ermöglicht uns auf veränderte Rahmenbedingungen im Marktumfeld zu reagieren sowie allfällige Neuentwicklung betreffend Fahrzeugmodelle berücksichtigen zu können. Auch nach der Ablösung der M-Budget-Kategorie bleibt die strategische Kooperation zwischen Mobility und der Migros aber bestehen. Wir arbeiten im Bereich des Cumulus-Angebotes, bei den Micasa-Mitnahmetransportern sowie im Business CarSharing weiterhin eng zusammen.


Weiter geführt wird die Zusammenarbeit mit der SBB. Wie sieht hier die Entwicklung aus?


Die intensive Aufbauarbeit für das im Juni 2006 gemeinsam mit den SBB entwickelte Angebot «Click & Drive. Ihr Mietauto am Bahnhof» hat sich 2008 ausgezahlt. 2’800 neue Kunden haben eine Mobility-Card für das Angebot «Click & Drive» am SBB Schalter abgeholt, insgesamt wurden 6’100 Fahrten generiert und der Umsatz hat sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt.


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Mobility expandierte Anfang 2008 ins nahe Ausland. Sie gründete mit der Wolfgang Denzel AG, dem grössten CarSharing-Anbieter Österreichs (Jahresumsatz 750 Mio. Franken), die DENZEL Mobility CarSharing GmbH mit einer Beteiligung von je 50 %. Wie zufrieden sind Sie mit dieser Kooperation?


Mittlerweile werden 200 Fahrzeuge auf 100 Standorte in ganz Österreich verteilte Fahrzeuge von 11?000 Kunden benutzt. Das Jahr eins der gemeinsamen Geschäftstätigkeit stand vor allem im Zeichen der Konsolidierung. Seit November 2008 läuft nun die gesamte technische Abwicklung der DENZEL Mobility CarSharing GmbH auf der Plattform der Mobility Genossenschaft in Luzern. Diese Massnahme in der Internationalisierung bedeutet, dass DENZEL Mobility und Mobility Schweiz noch enger zusammenrücken und die Marktbearbeitung in Österreich intensiviert wird.


Sind weitere Kooperationen im Ausland geplant?


Unsere Tochtergesellschaft «Mobility International AG» bearbeitet den ausländischen Markt und vertreibt das Mobility-Lizenzsystem. Wir verfolgen auch dieses Jahr die Auslandexpansion weiter, mit dem klaren Ziel, weitere Mandanten für das Mobility-Lizenzsystem gewinnen zu können.


Die letzten Jahre verzeichnete Mobility einen steten Zuwachs von ca. 7’000 Kunden pro Jahr. Trotzdem hat 2007 das konsolidierte Betriebsergebnis (EBIT) gegenüber dem Vorjahr um 49.3 % auf 1?067 036 Fr. abgenommen, was auf grosse Investitionen in Kundengewinnung und Flottenausbau zurückzuführen war. Konnte sich Mobility 2008 wieder ins Plus steigern?


Ja. Die Mobility Genossenschaft schliesst das Jahr 2008 mit einem Plus im zweistelligen Prozentbereich ab. Dies ist auf die Optimierung unseres Angebotes sowie auf eine sehr intensive regionale und nationale Marktbearbeitung zurück zu führen.


«Wir verfolgen auch dieses Jahr die Auslandexpansion weiter, mit dem klaren Ziel, weitere Mandanten für das Mobility-Lizenzsystem gewinnen zu können.»


Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Energie sind 82 Prozent der Mobility-Kunden zwischen 26- und 55-jährig. Spricht das Geschäfts-Modell ältere Kunden nicht an?


Mobility führt derzeit Gespräche über Kooperationen im Bereich von Business CarSharing-Lösungen und CarSharing-Dienstleistungen für die private Nutzung mit Anbietern von Alterswohnsiedlungen. Aus unserer Sicht bestehen Potential und Möglichkeiten zur Bedürfnisabdeckung von Menschen in der zweiten oder dritten Lebenshälfte. Dieser Bereich gilt es aber noch verstärkt zu bearbeiten.


Mobility steht für ökologische Mobilitätslösungen. Welche Kriterien muss ein Auto erfüllen, dass es in Ihre Flotte aufgenommen wird?


Die Systematik des CarSharing ist anerkannt nachhaltig, da jede Fahrt im Voraus bewusst geplant und reserviert werden muss. Die periodische Abrechnung zeigt zudem die Vollkosten der Automobilität auf. Dieser Effekt wird durch die rigorosen Einkaufskriterien für die Mobility-Flotte potenziert, die Mobility insbesondere für die Sicherheit und Umweltbelastung vorschreibt. So sparen die Mobility-Fahrzeuge jährlich 1?458 Tonnen CO2 gegenüber dem durchschnittlichen CO2-Ausstoss der Schweizer-Neuwagen 2007 nach VSAI (Verband Schweizerischer Automobil-importeure). Im Durchschnitt verfügen unsere Fahrzeuge über 4 von 5 möglichen EuroNCAP-Sterne (Insassenschutz). Zudem müssen die Fahrzeuge mindestens EnergieEtikette «C» haben. 2007 verbrauchten unsere Autos durchschnittlich 7.19 Liter Benzin auf 100 Kilometer, während der entsprechende Wert der Schweizer-Neuwagen (VSAI 2007) bei 7.62 Liter pro 100 Kilometer liegt. Somit werden durch die überdurchschnittliche Effizienz jährlich über eine halbe Million Liter Treibstoff eingespart.


Die Mobility-Flotte umfasst auch Cabriolets, die man mehr mit Vergnügen verbindet als mit umweltfreundlichem Fahrzeug. Weshalb bieten Sie auch solche Autos an?

Wir stellen unseren Kunden eine Palette an ganz unterschiedlichen Fahrzeugen zur Verfügung. So können sie je nach Bedürfnis und Situation das geeignetste Modell auswählen. Autofahren mit Mobility CarSharing soll auch Spass machen dürfen. Die Cabriolets machen ca. 1 % der Gesamtflotte aus und passen mit ihrer tiefen Motorisierung und der EnergieEtikette «B» ideal in die Mobility-Flotte.


Frau Buchmann, besten Dank für das Interview.





Die Gesprächspartnerin
Viviana Buchmann, 55, ist seit September 2008 Geschäftsführerin der Mobility Genossenschaft und Leiterin Profit Center Mobility CarSharing Schweiz.
Die gelernte Kauffrau absolvierte an der Hochschule Luzern einen Executive MBA. Sie war fast 30 Jahre in der Reisebranche tätig: Im Management der Imbach Reisen AG und beim Touristikunternehmen Hapimag. Danach arbeitete sie bei Engel & Völkers in Zug als Immobilien-Maklerin. 2006 wurde sie Geschäftsleitungsmitglied der Mobility Genossenschaft und Leiterin Angebot und Kundenservice.


 


 

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