Situation kritisch: Bundesrat verschärft Corona-Massnahmen dennoch nicht

Alain Berset
Gesundheitsminister Alain Berset. (Screenshot)

Bern – Trotz kritischer Lage, verschiedener Appelle aus der Wissenschaft und Lockdowns im Ausland will der Bundesrat weiterhin nichts von einer schweizweiten Verschärfung der Corona-Massnahmen wissen. Er nimmt dafür erneut die Kantone in die Verantwortung.

Der Tenor in der Landesregierung lautete am Mittwoch weiterhin: Keine neuen Massnahmen, stattdessen soll die Katastrophe mit Selbstverantwortung und schnellem Handeln der Kantone verhindert werden. Gleichzeitig schreibt der Bundesrat, dass er die epidemische Situation als «kritisch» einschätzt.

Kantone sollen handeln
Dass er dennoch mit schärferen nationalen Corona-Massnahmen zuwartet, begründet der Bundesrat mit «der aktuell relativ tiefen Belastung der Intensivpflegestationen mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten und den grossen regionalen Unterschieden». Er halte an der mit den Kantonen vereinbarten Zusammenarbeit fest, wonach bei regional unterschiedlicher Entwicklung der Pandemie die Kantone die notwendigen Massnahmen ergreifen müssten.

Zeitpunkt für nationale Massnahmen laut Berset noch nicht gekommen
Der Bundesrat habe sich eingehend mit der aktuellen Lage befasst, sagte Gesundheitsminister Alain Berset am Mittwoch vor den Medien. «Der Zeitpunkt ist noch nicht gekommen, um die Massnahmen zu ändern.» Der Bundesrat halte an seinem liberalen Kurs fest.

«Wir haben in 21 Monaten Pandemie sehr viel erreicht», sagte Berset. Die Schweiz sei eines der offensten Länder auf dem Kontinent, was die Corona-Massnahmen betreffe. «Wir müssen auf dieser Linie weiterarbeiten.»

Damit das klappe, müssten aber alle mitmachen, hielt Berset fest. «Wir können das nur gemeinsam erreichen.» Bis anhin hätten sich viele stark engagiert, «um eine gewisse Ruhe zu bewahren».

Appell an die Bevölkerung
An die Bevölkerung appelliert der Bundesrat, sich an die Basismassnahmen wie Abstand halten, Maske tragen, Lüften und Testen zu halten. Mit der konsequenten Umsetzung der Regeln könne eine Überlastung der Spitäler verhindert werden.

Situation wird sich verschärfen
Laut dem Bundesrat wird sich die Situation in den kommenden Wochen weiter verschärfen. «Die erhöhte Viruszirkulation bei den jüngeren Altersgruppen dürfte zu einer erhöhten Übertragung des Virus auf die Risikogruppen und einem – möglicherweise sehr raschen – Anstieg der Hospitalisierungen führen.» Die Regierung hält es aber für möglich, dass sich diese Entwicklung mit einer Verhaltensänderung der Bevölkerung und regionalen Verschärfungen der Massnahmen abwenden lässt.

Aus den Kantonen ertönten in den vergangenen Tagen angesichts der wieder stark steigenden Fallzahlen, mehr Covid-Patienten in den Spitälern und der teils dramatischen Lage in Österreich und Deutschland Rufe nach landesweiten Massnahmen – darunter eine Ausweitung der Maskenpflicht und vermehrtes Homeoffice. Für den Bundesrat stehen jedoch regionale Ausweitungen der Maskenpflicht, namentlich auch in Schulen, der Homeoffice-Pflicht oder der Kapazitätsbeschränkungen im Vordergrund.

Über 8500 neue Infektionen
In der Schweiz und in Liechtenstein wurden 8585 neue Coronavirus-Ansteckungen innerhalb eines Tages registriert. Damit liegt der 7-Tages-Durchschnitt der bestätigten Infektionen neu bei 5959. Gestern lag dieser Schnitt noch bei 5587, vor einer Woche bei 3970.

Zudem wurden 103 neue Spitaleinweisungen und 17 neue Todesfälle gemeldet. Der 14-Tage-Schnitt liegt bei 55 Spitaleinweisungen pro Tag, 22 Prozent mehr als in der Vorwoche. Aktuell werden 1011 Personen wegen Covid-19 in einem Spital behandelt, 41 Prozent mehr als in der Vorwoche. 172 Covid-19-Patienten befinden sich in Intensivbehandlung (+ 22 Prozent zur Vorwoche). Die Intensivbetten sind zu 80 Prozent ausgelastet. 20 Prozent der Intensivbetten sind von Covid-19-Erkrankten belegt.

Bislang sind 65,40 Prozent der Schweizer Bevölkerung vollständig geimpft. (awp/mc/pg)

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