Corona-Taskforce gibt Durchhalteparolen aus – Westschweiz zeigt sich empört

Patrick Mathys
Patrick Mathys, stellvertretender Leiter Übertragbare Krankheiten im BAG.(Screenshot)

Bern – «Wir müssen uns noch einmal am Riemen reissen», ist die Aufforderung von Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Weil die Corona-Fallzahlen nicht schnell genug gesunken seien, bestehe die Gefahr, dass im Januar zu noch drastischeren Massnahmen gegriffen werden müsse, sagte Mathys am Mittwoch vor den Bundeshausmedien in Bern.

Die Ansteckungszahlen stagnierten «auf viel zu hohem Niveau». 600 Fälle pro 100’000 Einwohner seien viel zu viele, sagte Mathys, stellvertretende Leiter Übertragbare Krankheiten im BAG. Allerdings habe sich die Spannbreite zwischen den Kantonen verkleinert von gut 400 bis knapp 900 Fällen pro 100’000 Einwohner.

In keiner Region der Schweiz zeige die Tendenz nach unten, warnte Mathys. Es gehe weiterhin darum, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Derzeit seien gut drei Viertel der Intensivbetten in der Schweiz belegt, die Hälfte von Covid-19-Patienten. Trotz «Corona-Müdigkeit» sei dringend geraten, Disziplin aufzubringen, Kontakte möglichst zu vermeiden und sie – wenn unbedingt nötig – so sicher wie möglich zu gestalten.

Für einheitliche Massnahmen
Die unkooperative Form des Schweizer Föderalismus verhindert nach Meinung von Forschern eine wirksame Bekämpfung der Pandemie. Diese Erkenntnis präsentierten Experten während einer Medienkonferenz der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF).

Auch der Präsident der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes, Martin Ackermann, plädierte am Mittwoch im Bundesmedienhaus für einheitliche und strenge Massnahmen zur Senkung der hohen Corona-Fallzahlen. Das dies sinnvoll sei, habe der Kanton Genf bewiesen.

Die Reproduktionszahl liege in allen sieben Schweizer Grossregionen deutlich über dem festgelegten Zielwert von 0,78. Die Schweiz befinde sich wieder in einer heiklen Situation. Die Gefahr für ein exponentielles Wachstum der Fälle sei gross, so Ackermann. «Eine Verdoppelung hätte verheerende Folgen.» Drei zusätzlich erschwerende Faktoren seien im Moment die sinkenden Temperaturen, die bevorstehenden Festtage mit dem Bedürfnis der Menschen nach Nähe und der Wintertourismus, der die Menschen mobiler mache.

Über 600 Armeeangehörige in Einsatz
Derzeit sind 630 Armeeangehörige in fünf Kantonen im Einsatz, um die Zivilbehörden zu unterstützen, wie Brigadier Raymond Droz, Stabschef Kommando Operationen der Armee, sagte. Die Stabilisierung der Lage in der Romandie habe es erlaubt, die Sanitätskompanie 1 zu entlassen.

Am Montag werde auch die Sanitätskompanie 2 entlassen werden können. Das bedeute, dass nur noch ein Bataillon im Einsatz in der Deutschschweiz, in der Nähe von Basel, behalten werde sowie die Freiwilligen. Seit dem 4. November habe die Koordinationszentrale 53 Gesuche erhalten, davon seien 23 bewilligt worden.

Verärgerung in der Westschweiz
Die Westschweizer Kantone machten derweil keinen Hehl aus ihrer Verärgerung über die geplanten Massnahmen des Bundesrates. Der Unmut über die Ankündigungen des Bundesrates sei ein Gefühl, das von allen Westschweizer Kantonsregierungen geteilt werde, sagte der jurassische Gesundheits- und Wirtschaftsminister Jacques Gerber.

Die sechs Westschweizer Kantone Freiburg, Waadt, Neuenburg, Wallis, Jura und Bern veröffentlichten am Mittwochabend ein gemeinsames Positionspapier aller Kantonsregierungen der Westschweiz. Sie drückten darin ihr Missfallen aus. In Teilen der Romandie waren Lockerungen in Kürze geplant.

Das Tessin bereitet unterdessen die Impfaktion vor, und St. Gallen wartet ab erst einmal ab. Im Glarnerland hingegen wird die Schraube angezogen. Dort will die Regierung nun vor allem «Kontakte reduzieren». Demnach dürfen an öffentlichen oder privaten Veranstaltungen nur noch maximal zehn Personen teilnehmen.

Für den Kanton Bern sind einzelne geplante Massnahmen «zu scharf». So plädiert die Berner Regierung dafür, die Restaurants ab Samstag nicht schon um 19 Uhr zu schliessen, wie das der Bundesrat am Dienstag vorgeschlagen hat. Die Berner Regierung hält 21 Uhr für angemessen. An privaten Veranstaltungen sollten nach Ansicht des Berner Regierungsrates bis Anfang Januar 2021 nicht nur fünf, sondern weiterhin zehn Personen teilnehmen können. (awp/mc/pg)

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