Coronawelle an Schulen – Zertifikatsausdehnung trifft Minderheit – Lage in Spitälern spitzt sich zu

Schule
(Unsplash)

Bern – Die Schulen sind nach den Sommerferien von einer starken Ansteckungswelle mit dem Coronavirus erfasst worden. In Lenzburg AG mussten über 600 Primarschulkinder in Quarantäne. Auch andernorts müssen Klassen zuhause bleiben. Eine Ausweitung der Zertifikats-Pflicht würde einen Viertel der Bevölkerung treffen.

«Dass das Virus zu Beginn des Schuljahres ohne Schutzkonzepte stark zirkuliert, ist nicht überraschend», erklärte Tanja Stadler, Präsidentin der wissenschaftlichen Task Force des Bundes, am Dienstag in Bern vor den Medien. Kinder würden jedoch nicht nur durch Schutzmassnahmen belastet, sondern auch durch Massnahmen, die nach einem Ausbruch an einer Schule getroffen werden müssten.

Wie das Virus an den Schulen grassiert, beweist Lenzburg. Dort mussten wegen Covid-19-Ansteckungen 607 Primarschülerinnen und -schüler für zehn Tage in die Quarantäne. Betroffen sind alle 29 Klassen am Schulstandort Angelrain mit drei Schulhäusern. In der kleinen Gemeinde Uerkheim AG bleiben der Kindergarten und die Schule gemäss einer Anordnung des Kantons bis am kommenden Sonntag geschlossen. Auch in anderen Kantonen gab es Schulen, die Klassen in die Quarantäne schicken mussten.

Zertifikats-Erweiterung trifft Minderheit
Die vom Bundesrat am Mittwoch erwartete Ausweitung der Zertifikats-Pflicht auf Restaurants, Fitnesszentren und kleine Veranstaltungen würde laut der Task Force des Bundes nur einen Viertel der Bevölkerung betreffen.

Marius Brülhart, Wirtschaftsexperte in dem Gremium, erklärte, Personen, die geimpft, genesen oder unter 16 Jahre alt seien, seien nicht betroffen von der Ausweitung der Zertifikats-Pflicht. Sie machten in der Schweiz drei Viertel der Bevölkerung aus. Diese grosse Gruppe würde von mehr Sicherheit profitieren. Werde die Zertifikats-Pflicht nicht ausgeweitet, setzte sich diese Mehrheit hingegen einem grösseren Risiko aus.

Lage in Spitälern spitzt sich zu
Zur allgemeinen Lage erklärte Task-Force-Präsidentin Stadler, dass die Ansteckungszahlen zwar stagnierten, aber die Lage in den Spitälern sich zuspitze. Landesweit sind 84 Prozent der zertifizierten Intensivbetten belegt.

Laut Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrates für den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD), ist das eine «hohe Auslastung». Covid-Patienten belegen demnach 42 Prozent der Intensivbetten.

Der Anteil der Covid-Patienten und -Patientinnen habe in den vergangenen fünf Tagen um 2 Prozentpunkte zugenommen. Insgesamt seien 857 Covid-Patienten hospitalisiert, 534 auf Akutstationen, 291 auf Intensivstationen.

My-Dominanz nicht in Sicht
Task-Force-Präsidentin Tanja Stadler ging nicht davon aus, dass die neue My-Variante des Coronavirus die in der Schweiz dominante Delta-Variante verdrängen wird. Unterdessen gab es 34 Fälle der My-Variante. «Die Herausforderung ist Delta», erklärte sie.

Vor einigen Tagen hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO die My-Variante zu einer «Variante von Interesse» eingestuft. Diese Variante wurde erstmals im Januar in Kolumbien identifiziert.

Allgemein stagniert seit rund vier Wochen die Zahl der am Coronavirus erkrankten Personen. Laut Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), bleibt die Situation «angespannt».

Höchste Rate hinter Grossbritannien
Masserey hielt fest, dass die Schweiz noch immer die höchste Inzidenz in Europa hinter Grossbritannien verzeichne. Bei den doppelt gegen das Coronavirus geimpften Personen zeigte sich kein Anstieg der Spitaleinweisungen. Das deutet gemäss Masserey darauf hin, dass der Impfschutz auch bei bereits seit längeren Geimpften noch anhält.

Die dritte Impfung zum Auffrischen der Abwehrkräfte, der Booster, sei in der Schweiz noch nicht zugelassen. Das Heilmittelinstitut Swissmedic warte noch auf ausreichende Daten. Liege die Zulassung vor, würden die zuständigen Behörden Impfempfehlungen herausgeben.

80 Covid-Kranke wollen heim
Im Ausland warten rund 80 Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf ihre Rückführung in die Schweiz. Da die Intensivstationen stark ausgelastet sind und die Patienten unterschiedliche Pflegebedürfnisse haben, wird ihr Empfang in der Heimat zentral koordiniert. Etwa ein Zehntel der Fälle sind gemäss Stettbacher dringend.

Dem BAG wurden am Dienstag in der Schweiz und Liechtenstein innerhalb von 24 Stunden 2835 neue Coronavirus-Ansteckungen gemeldet. Gleichzeitig registrierte das Amt neun neue Todesfälle und 80 Spitaleinweisungen. (awp/mc/pg)

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