Credit Suisse: Schweizer Wirtschaft 2020 – Rezessionsängste übertrieben

Credit Suisse: Schweizer Wirtschaft 2020 – Rezessionsängste übertrieben

Zürich – Aufgrund des deutlich abgeschwächten Wirtschaftswachstums und dem eingetrübten Ausblick für weite Teile der Industrie revidieren die Ökonomen der Credit Suisse ihre Prognose für das Schweizer Wirtschaftswachstum. Für 2019 rechnen sie neu mit einem Wachstum von 1.1 % (bisher 1.5 %) und für 2020 von 1.4 % statt 1.8 %. Ein Abgleiten in eine Rezession zeichnet sich jedoch nicht ab, da der Konsum robust bleibt und die tiefen Zinsen die Bauinvestitionen weiter antreiben. Die heute publizierte Studie zeigt zudem auf, dass die anstehende Pensionierungswelle der Babyboomer den Fachkräftemangel in Branchen wie dem Gesundheitswesen weiter verschärfen wird.

Die Schweizer Wirtschaft kann sich der globalen Industrieschwäche nicht entziehen: Der von der Credit Suisse in Zusammenarbeit mit procure.ch erstellte Einkaufsmanagerindex (PMI) für die Industrie liegt seit bald einem halben Jahr unterhalb der Wachstumsschwelle. Gleichzeitig ist gemäss dem Credit Suisse-Exportbarometer die Industriekonjunktur in den Abnehmerländern von Schweizer Exportgütern so schwach wie zuletzt vor sieben Jahren. Erschwerend hinzu kommt die Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro. Die für die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) schwierige Situation darf gemäss Ökonomen der Credit Suisse jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass mittlerweile zwei Drittel des Schweizer Exportvolumens aus Konsumgütern bestehen, die vom nach wie vor soliden globalen Konsumwachstum profitieren. Insgesamt dürfte sich das Schweizer Exportwachstum somit zwar verlangsamen, ein eigentlicher Einbruch des Exportvolumens ist derweil nicht zu befürchten. Eine verhaltene Exportnachfrage geht in der Regel aber mit einer flauen Investitionsneigung einher, weshalb seitens der Ausrüstungsinvestitionen kaum zusätzliche Wachstumsimpulse zu erwarten sind.

Ansteckungsgefahr über den Arbeitsmarkt ist gering
Obwohl der MEM-Industrie ein Stellenabbau droht, dürfte die Arbeitslosigkeit in der Schweiz gemäss den Ökonomen der Credit Suisse nicht verbreitet ansteigen. Die robuste Arbeitsmarktlage ist denn auch ein wichtiger Grund dafür, dass der private Konsum weiter zunehmen wird. Zudem sollten die erneut steigenden Gesundheitsausgaben und die nach wie vor leicht anziehenden Ausgaben im Bereich «Wohnen» ebenso zum Konsumwachstum beitragen, wie die dank tiefer Inflation solide Kaufkraft und die nach wie vor rege Zuwanderung. Mit einem Wert von jeweils rund 1 % dürfte das Konsumwachstum in diesem und im kommenden Jahr aber vergleichsweise verhalten ausfallen. Beschleunigt zunehmen sollten 2020 dafür die Bauinvestitionen (+1.2 %), nachdem sich die Baukonjunktur dieses Jahr kurzzeitig abgeschwächt hat (+0.6 %). Die Auftragsbücher bleiben trotz weniger Baubewilligungen und regionaler Überangebote gut gefüllt, weil aufgrund der rekordtiefen Zinsen weiterhin kräftig in Bauprojekte investiert wird.

«Eine ausgewachsene Rezession, die auch den Dienstleistungssektor erfasst, ist daher trotz der Schwäche in zahlreichen Industriebranchen wenig wahrscheinlich», so Oliver Adler, Chefökonom Schweiz der Credit Suisse. «Die Schweizer Wirtschaft dürfte 2020 wie bereits 2019 mit einem Wert von etwas über 1 % wachsen».

SNB dürfte Leitzinsen vorerst unverändert belassen
Trotz der Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) gehen die Ökonomen der Credit Suisse im Vorfeld der vierteljährlichen geldpolitischen Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von Donnerstag weiterhin davon aus, dass diese ihren Leitzins unverändert bei –0.75 % belassen wird. Die SNB wird zwar am Devisenmarkt intervenieren, wenn der Aufwertungsdruck auf den Franken zu stark werden sollte. Angesichts der derzeit stark gefragten Eigenschaft des Frankens als «sicherer Hafen» ist ein zwischenzeitliches Absinken des EUR/CHF-Wechselkurses auf einen Wert von 1.05 indes realistisch.

Alterung tritt in die heisse Phase
Im Rahmen der heute veröffentlichten Studie analysieren die Ökonomen der Credit Suisse die Auswirkungen der anstehenden Pensionierungswelle der Babyboomer. Die Generation der Jahrgänger von 1946 bis 1964, welche die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte in der Schweiz geprägt haben, treten allmählich in den Ruhestand und werden am Arbeitsmarkt eine nicht unerhebliche Lücke hinterlassen. Die Ökonomen der Credit Suisse schätzen, dass in den kommenden zehn Jahren rund 1.1 Mio. Personen ins Rentenalter kommen werden. Bezogen auf die aktive Bevölkerung bedeutet dies rund 833’000 Erwerbspersonen (einschliesslich Erwerbsloser) und knapp 800’000 Erwerbstätige, die aus dem Erwerbsleben ausscheiden werden.

Bereits in 2021 werden gemäss Prognosen der Credit Suisse mehr Erwerbspersonen in den Ruhestand gehen, als 20-Jährige in den Arbeitsmarkt eintreten. Am stärksten von diesen Generationen abhängig sind die Landwirtschaft, die traditionelle Industrie, die Verkehrs- und Transportbranche sowie die administrativen und sozialen Dienste. Letztere haben aufgrund ihrer Wachstumsdynamik, insbesondere im Gesundheitswesen, und eines verhältnismässig geringen Automatisierungspotenzials eine schlechtere Ausgangslage, um die entstehende Personallücke kompensieren zu können. Deshalb dürften diese eher mit einer Verschärfung des Fachkräftemangels konfrontiert werden. (Credit Suisse/mc/ps)

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