Credit Suisse Sorgenbarometer 2021: Corona-Pandemie, Klima, AHV dominieren die Rangliste

Credit Suisse Sorgenbarometer 2021: Corona-Pandemie, Klima, AHV dominieren die Rangliste
2021 ist – wie bereits im Vorjahr – die Corona-Pandemie und ihre Folgen die Top-Sorge der Schweizerinnen und Schweizer. (Photo by Paul Siewert on Unsplash)

Zürich – Die Corona-Pandemie und ihre Folgen stehen auch 2021 an erster Stelle der Sorgen der Schweizerinnen und Schweizer – dicht gefolgt vom Thema Umweltschutz und Klimawandel und der Sorge um die AHV/Altersvorsorge. Nur noch 14 Prozent erachten die Arbeitslosigkeit als Problem. Dazu passt, dass zwei Drittel der Befragten wie im Vorjahr ihre persönliche wirtschaftliche Situation trotz der Pandemie als gut oder sehr gut bezeichnen. Zu diesen Erkenntnissen kommt die neue Ausgabe des Credit Suisse Sorgenbarometer.

Das Forschungsinstitut gfs.bern hat auch dieses Jahr im Auftrag der Credit Suisse die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger nach ihren Sorgen und nach wesentlichen Identitätsmerkmalen des Landes befragt. 2021 ist – wie bereits im Vorjahr – die Corona-Pandemie und ihre Folgen die Top-Sorge (die Befragten konnten jeweils fünf Top-Sorgen nennen). Jedoch hat sich das Problem dieses Jahr etwas entschärft. Statt einer Mehrheit (51%) wie im letzten Jahr, zählen nun noch 40 Prozent die Pandemie zu den fünf Hauptsorgen. Für jeweils 39 Prozent der Befragten sind der Klimawandel (+10 Prozentpunkte, pp) und die Altersvorsorge (+2 pp) ebenfalls Hauptsorgen, womit sich erstmals ein Sorgen-Trio an der Spitze der Sorgenrangliste festsetzt.

Ebenfalls unter den fünf dringlichsten Themen für das Jahr 2021 findet sich die Ausgestaltung der Beziehungen zu Europa (33%) und die Entwicklung (der Kosten) im Gesundheitswesen und bei Krankenkassen (25%). Auf Platz sechs und sieben liegen die beiden Sorgen mit Bezug zur Migrationsthematik (Ausländer/innen/Zuwanderung resp. Flüchtlinge/Asylfragen) und immerhin 17 Prozent der Stimmberechtigten zählen dieses Jahr erhöhte Wohnkosten und den Anstieg der Mietpreise zu den zehn grössten Herausforderungen. Die Arbeitslosigkeit und die Versorgungssicherheit im Bereich der Energie bereiten je 14 Prozent Sorgen. Fragt man die Schweizerinnen und Schweizer nach dem am dringendsten zu lösenden Problem, ist die häufigste Antwort ebenfalls die Corona-Pandemie und ihre Folgen (20%), gefolgt vom Thema Umweltschutz/Klimawandel (18%).

Manuel Rybach, Global Head of Public Policy and Regulatory Affairs bei der Credit Suisse, sagt dazu: «Die Covid-19-Pandemie, welche letztes Jahr direkt auf Platz 1 im Sorgenbarometer eingestiegen ist, muss sich die Spitze neu mit zwei weiteren Sorgen teilen. Dies reflektiert wohl nicht zuletzt das Vertrauen der Bevölkerung in die Widerstandsfähigkeit der Schweiz und ihrer Akteure, was sich auch in der Entwicklung der Sorge Arbeitslosigkeit zeigt: Obwohl zuweilen über eine Million Arbeitnehmende in der Schweiz von Kurzarbeit betroffen waren, verliert die einstige Top-Sorge auch in diesen ökonomisch wenig vorhersehbaren Zeiten weiterhin an Bedeutung und kommt dieses Jahr auf einen historischen Tiefstand in der Sorgenwahrnehmung.»

«Klassische Sorgenthemen wie Arbeitslosigkeit oder Migration scheinen langsam in den Hintergrund zu treten. Themen, die eher postmateriellen Charakter haben und die gesellschaftliche Gerechtigkeit als Anliegen verfolgen, haben Aufwind. Es stellt sich die Frage, ob dies der Beginn einer sukzessiven und langfristigen Neuordnung der Sorgenwahrnehmung ist – oder ob es sich bloss um ein Phänomen des Zeitgeistes handelt. Angesichts von Themen wie Umwelt oder Gleichstellung, die – gerade für jüngere Generationen – nicht nur einem temporären Trend entsprechen, sondern tief in ihrer Wertelandschaft verankert sind, dürfte sich diese Entwicklung wohl auch in Zukunft so fortsetzen», sagt Cloé Jans, Leiterin operatives Geschäft von gfs.bern, welches das Credit Suisse Sorgenbarometer seit 1995 erhebt.

Resilienz in der zweiten Phase der Pandemie
Zum Zeitpunkt der Befragung im Juli und August 2021 gab – genau gleich wie im letzten Jahr – eine Mehrheit von 65 Prozent der Stimmberechtigten an, dass es ihnen zum aktuellen Zeitpunkt wirtschaftlich gesehen sehr oder eher gut ging. In den letzten 25 Jahren sind es nur 2016 (68%) mehr gewesen. Auch auf die Zukunft angesprochen bleibt eine klare Mehrheit der Stimmberechtigten optimistisch, dass sie ihren aktuellen Wohlstand mindestens halten (75%) oder sogar verbessern (12%) kann. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil Stimmberechtigter, die von einer Verschlechterung der eigenen Wirtschaftslage ausgehen, wieder auf das Niveau vor der Pandemie gesunken (10%). Die Zuversicht über die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes steigt im Vergleich zum Vorjahr erneut an. Aktuell sind 87 Prozent der berufstätigen Stimmberechtigten überzeugt, ihr Arbeitsplatz sei sicher – 34 Prozent davon empfinden ihn sogar als sehr sicher.

Manuel Rybach sagt dazu: «Die jüngere Vergangenheit zeigt, dass die Schweiz insgesamt relativ krisenresistent ist und eine hohe Resilienz aufweist – zumindest, wenn man sich an den Einschätzungen der Stimmberechtigten orientiert. Bei der Frage nach ihrem aktuellen wirtschaftlichen Wohlbefinden oder der Einschätzung der wirtschaftlichen Situation in der Zukunft etwa, schlagen sich Krisen wie die Finanzkrise (ab 2008), die Euro-Krise (ab 2010), der Frankenschock (2015) und nun auch die Corona-Pandemie im Sorgenbarometer kaum in schlechteren Werten nieder. Während die Krisen seit Ende der 1990er-Jahre primär ökonomischer Natur waren, was mit den sehr soliden Staatsfinanzen der Schweiz einigermassen abgefedert werden konnte, geht die aktuelle Corona-Krise jedoch über rein wirtschaftliche Aspekte hinaus und schafft auch Unsicherheit was das gesellschaftliche Leben und das politische Funktionieren des Landes betrifft.»

Auch in der Krise soweit gute Noten für die Schweiz – aber keine Profilierung
Nach einer deutlichen Zunahme des Vertrauens in praktisch alle Akteure im Bereich Behörden und Politik im letzten Jahr, nimmt das Vertrauen 2021 wieder etwas ab. Das grösste Vertrauen von allen abgefragten Akteuren geniesst zum vierten Mal in Folge die Polizei (63% der Befragten äussern ihr Vertrauen; -7 pp), neu gleichauf mit dem Bundesrat (-5 pp). Dahinter folgt das Bundesgericht (60%) und die Schweizerische Nationalbank (51%). Neben dem Vertrauen in den Bundesrat nimmt auch jenes in das eidgenössische Parlament (Ständerat: 42%, -9 pp; Nationalrat: 42%, -6 pp) sowie in die staatliche Verwaltung (39%, -9 pp) deutlich ab. Sehr wenig Vertrauen geniessen nach wie vor die Kirchen und die EU (beide 19%).

Dennoch: Die Eidgenossenschaft erhält selbst in dieser fundamentalen Krise noch recht gute Noten. 57 Prozent der Stimmberechtigten sind der Meinung, dass es die Schweiz während der Pandemie besser macht als alle anderen Staaten. Und 69 Prozent finden, die Schweiz sei in der Krise solidarisch zusammengestanden. Zweifel herrscht jedoch darüber, inwiefern der Föderalismus in Zeiten von Krisen und Unsicherheit die richtige Organisationsform ist. Immerhin 63 Prozent wünschen sich unter solchen Umständen mehr Kompetenzen beim Bund und weniger bei den Kantonen. Auch beurteilt eine Mehrheit von 55 Prozent das staatliche Krisenmanagement beim Ausbruch der zweiten Welle im Herbst 2020 als ungenügend. Und gar 79 Prozent sind der Meinung, die Pandemie habe gezeigt, dass die Digitalisierung in der Politik vorangetrieben werden muss.

Gelassenheit und Selbstsicherheit gegenüber Europa
Im Mai 2021 erklärte der Bundesrat die ins Jahr 2014 zurückgehenden Gespräche über ein institutionelles Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU einseitig als beendet. Die grosse Mehrheit glaubt deswegen jedoch nicht an tiefgreifende Ressentiments gegenüber der Schweiz: Nicht weniger als 90 Prozent der Bevölkerung stuft das Schweizer Image im Ausland als eher/sehr gut ein. 35 Prozent (-1 pp) sind sogar der Meinung, das Image habe sich in den letzten zwölf Monaten eher/viel verbessert. Konkret auf den Verhandlungsabbruch bezogen, können die Resultate des Sorgenbarometer als Rückendeckung für die schweizerische Aussenpolitik interpretiert werden: Einer knappen Mehrheit von 51 Prozent, für welche der Entscheid sehr richtig (21%) oder eher richtig (30%) ist, steht eine Minderheit von 40 Prozent gegenüber, welche das Vorgehen des Bundesrats als sehr falsch (16%) oder eher falsch (24%) beurteilen.

Der Verhandlungsabbruch wird von den Befragten jedoch nicht als offensiver Akt eingestuft: 66 Prozent (-3 pp) der Stimmbürger taxieren die Schweizer Aussenpolitik als eher oder sehr defensiv, wobei sich dies natürlich nicht nur auf die Verhandlungen mit der EU bezieht. Generell wünschen sich 75 Prozent (+2 pp) der Schweizerinnen und Schweizer eine offensivere Aussenpolitik. In den letzten zwölf Jahren ergab die Sorgenbarometerumfrage diesbezüglich nur 2014 einen höheren Wert. Der Abbruch der Verhandlungen hat an der Grundkonstellation jedoch nichts verändert: Nach wie vor eine deutliche Mehrheit von 76 Prozent (-1 pp) erachtet eine stabile Beziehung der Schweiz zur EU als eher oder sehr wichtig.

Das Ziel der nächsten Gesprächsrunde mit der EU ist für die Bevölkerung klar: Das Institutionelle Rahmenabkommen muss erneut verhandelt werden. Bei sieben zur Auswahl stehenden Optionen bezeichnen 33 Prozent das Institutionelle Rahmenabkommen als bevorzugte Variante. Nimmt man die ersten drei präferierten Optionen zusammen, votieren sogar drei Viertel der Schweizer (74%) für diese Lösung. Denkbar wären für eine Mehrheit auch die Fortführung der Bilateralen Verträge ohne Weiterentwicklung (63%) oder der Beitritt zum EWR (52%). Kein Thema ist zurzeit der Beitritt zur EU
(20%) sowie der Alleingang unter Kündigung der Bilateralen Verträge (22%).

Übersicht: Die wichtigsten Erkenntnisse des Credit Suisse Sorgenbarometer 2021

  1. Top-Sorgen: Zum zweiten Mal in Folge bezeichnen die Schweizerinnen und Schweizer die Corona-Pandemie als ihre Hauptsorge (40%), doch praktisch im gleichen Atemzug nennen sie dieses Jahr auch den Klimawandel und die Altersvorsorge (je 39%).
  2. Sorge um Arbeitslosigkeit nimmt ab: Das Thema EU/Bilaterale/Integration liegt vor dem Hintergrund des Abbruchs der Verhandlungen über ein institutionelles Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU mit 33 Prozent auf Platz vier der Sorgenrangliste. Dahinter folgt mit einigem Abstand das Thema Gesundheit/Krankenkassen (25%). Die einstige Top-Sorge Arbeitslosigkeit liegt mit 14 Prozent neu auf Rang 9 – ein historischer Tiefstand trotz der Pandemie.
  3. Schweizer Resilienz: Die Stimmberechtigten zeigen sich auch im zweiten Jahr der Pandemie krisenresistent. 65 Prozent geben an, dass es ihnen zum Zeitpunkt der Befragung wirtschaftlich gesehen sehr oder eher gut gehe und 87 Prozent der berufstätigen Stimmberechtigten sind überzeugt, ihr Arbeitsplatz sei sicher. Auch sind 57 Prozent der Meinung, dass es die Schweiz während der Pandemie besser macht als alle anderen Staaten. Und 69 Prozent finden, die Schweiz sei in der Krise solidarisch zusammengestanden. Auch auf die Zukunft angesprochen bleibt eine klare Mehrheit optimistisch, dass sie ihren aktuellen Wohlstand mindestens halten (75%) oder sogar verbessern (12%) kann.
  4. Verbesserungspotential erkannt: Das mangelhafte Krisenmanagement (55%) und die hinterherhinkende Digitalisierung (79%) werden von den Befragten als Hindernisse bei der Bewältigung der Pandemie betrachtet. Auch der Föderalismus wird zuweilen als hinderlich gesehen: 63 Prozent wünschen sich unter solchen Umständen mehr Kompetenzen beim Bund und weniger bei den Kantonen.
  5. Vertrauen in Institutionen: Sowohl der Bundesrat (63% der Befragten äussern ihr Vertrauen, -5 pp) als auch das eidgenössische Parlament (Ständerat: 42%, -9 pp; Nationalrat: 42%, -6 pp) und die staatliche Verwaltung (39%, -9 pp) verlieren ihren im letzten Jahr gewonnenen Vertrauenszuwachs in diesem Jahr wieder. Das grösste Vertrauen von allen abgefragten Akteuren geniesst zum vierten Mal in Folge die Polizei (63%, -7 pp), neu gleichauf mit dem Bundesrat, der vergleichsweise immer noch viel Vertrauen geniesst.
  6. Selbstsicherheit gegenüber Europa: 51 Prozent der Stimmberechtigten bewerten den Verhandlungsabbruch des Bundesrats über ein institutionelles Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU als richtig (21%) oder eher richtig (30%). Für die Zukunft hätte man am liebsten ein neues Rahmenabkommen. Eine Mehrheit von 75 Prozent wünscht sich generell eine offensivere Schweizer Aussenpolitik.

(Credit Suisse/mc/ps)

Credit Suisse Sorgenbarometer: repräsentative Umfrage
Welches sind die grössten Sorgen der Schweizerinnen und Schweizer? Und wie steht es um das Vertrauen in die Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft? Diesen Fragen geht die Credit Suisse seit nunmehr 45 Jahren in ihrer jährlichen Sorgenbarometer-Umfrage nach. Mit dem Sorgenbarometer will die Credit Suisse einen Beitrag zur öffentlichen Diskussion zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen leisten. Im Jahr 2021 befragte das Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag der Credit Suisse 1‘722 Stimmberechtigte in der ganzen Schweiz zwischen Juli und August. Der statistische Stichprobenfehler liegt bei ±2,3 Prozentpunkten.

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