Eine Rezession ist nicht vermeidbar

Eine Rezession ist nicht vermeidbar
(Bild: Schlierner / Adobe Stock)

Zürich – In der heute publizierten Ausgabe der Quartalspublikation «Monitor Schweiz» geben die Ökonomen der Credit Suisse – im Bewusstsein der vielen Unwägbarkeiten – eine Einschätzung der Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Schweizer Wirtschaft ab. Auch wenn es gelingt, die Infektionsrate mittels der bis heute ergriffenen Massnahmen des Bundesrats und deren disziplinierten Umsetzung durch die Bevölkerung und Unternehmen abzudämpfen, erscheint den Ökonomen eine Rezession in der Schweiz nicht zu vermeiden. Allerdings sollte der Grossteil des Abschwungs vor allem dank der beschlossenen Stützungsmassnahmen durch die Geld- und Fiskalbehörden im Ausland sowie in der Schweiz auf zwei bis drei Monate beschränkt bleiben und danach in eine graduelle Erholung übergehen. Der Rückgang des BIPs sollte sich in diesem moderat positiven Szenario im Jahresdurchschnitt auf etwa -0.5 % begrenzen lassen. Insbesondere erwarten die Ökonomen der Credit Suisse weder bei den Unternehmensinvestitionen noch am Immobilienmarkt einen ernsthaften Rückschlag.

Die Entwicklung der Pandemie ist ausschlaggebend
Der ausschlaggebende Faktor nicht nur für die gesundheitlichen Folgen, sondern auch für die wirtschaftliche Entwicklung ist der Verlauf der Pandemie selbst. Die in den verschiedenen Ländern ergriffenen Massnahmen zur Eindämmung verursachen mit wenigen Ausnahmen einen starken Einbruch der Wirtschaftsaktivität. Dies gilt auch für die Haupthandelspartner der Schweiz. Wenn jedoch der Verlauf der Pandemie abgeschwächt werden kann, so sollten die teils drastischen gesundheitspolitischen Vorkehrungen graduell gelockert werden können. Dies wird sich in einem allmählichen Anziehen der Wirtschaftsaktivität niederschlagen. Damit die Phase des Lockdown nur geringe mittel- bis langfristige Folgen zeitigt, ist es zentral, dass die Finanzpolitik rasch, unbürokratisch und in grossem Umfang Gegensteuer gibt. Dies scheint sich in den wichtigsten Handelspartnerländern und in der Schweiz selbst abzuzeichnen. In Deutschland ist zum Beispiel ein Fiskalimpuls im Umfang von über 10 % des BIP zu erwarten, in den USA und der Schweiz basierend auf derzeitigen Ankündigungen je ca. 6 %. Entscheidend ist, dass diese Krise nicht zu einer Welle von Zahlungsausfällen von ansonsten gesunden Unternehmen führt und gleichzeitig die Einkommen der Beschäftigten stützt, die wegen der Auftragsrückgänge wegfallen. Das System der Kurzarbeit, welches in der Schweiz und in Deutschland zur Anwendung gelangt, ist dazu optimal geeignet.

Stabilisierung des Finanzsystems essentiell
Damit diese Massnahmen den gewünschten Effekt erzielen können, ist vorab eine Stabilisierung des Finanzsystems essentiell. In den vergangenen Wochen hat die Hektik an den Finanzmärkten teilweise ähnliche Dimensionen angenommen wie während der Finanzkrise 2008/09, trotz der wesentlich stärkeren Kapitalisierung der Banken. Grund war primär die intensive Flucht diverser Anleger in die Liquidität, welche sogar den Markt für länger laufende Staatsanleihen unter Druck setzte. Inzwischen haben jedoch die Notmassnahmen vor allem der US-Notenbank Fed eine Beruhigung eingeleitet, die hoffentlich anhält. Auch die Massnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie der
Schweizerischen Nationalbank (SNB) selbst tragen zur Linderung der Liquiditätsengpässe von Unternehmen bei. Bürgschaften für Unternehmenskredite sind ebenfalls ein sehr geeignetes Mittel um den Kreditfluss aufrechtzuerhalten.

Rezessionen bei vielen Handelspartnern
Trotz all dieser Massnahmen wird sich bei den wichtigsten Handelspartnern der Schweiz eine Rezession nicht vermeiden lassen. Die Ökonomen der Credit Suisse rechnen über die kommenden ca. drei Monate bei den meisten europäischen Ländern mit einem Rückgang der Wirtschaftsaktivität um 10 bis 20%. Auch in den USA wird der Rückgang nicht wesentlich geringer ausfallen. Hingegen ist in China und einigen anderen asiatischen Ländern wie Südkorea der Tiefpunkt der Rezession bereits erreicht. Dort hat eine zaghafte Erholung eingesetzt, welche den globalen Abschwung teilweise dämpft. Anderseits hat in Schwellenländern wie Indien und Brasilien der Abschwung erst gerade begonnen. Insgesamt rechnen die Ökonomen der Credit Suisse für die Weltwirtschaft 2020 mit einem leicht negativen Wachstum – im Februar 2020 stand diese Prognose noch bei 2.6 %.

Auch in der Schweiz ist eine Rezession kaum vermeidbar
Auch das Schweizer Wirtschaftswachstum wird als Folge der Entwicklung bei den Handelspartnern und in der Binnenwirtschaft 2020 deutlich schwächer ausfallen als bis vor Kurzem erwartet. Besonders in der kurzen Frist kann ein heftiger Einbruch nicht vermieden werden. Im Jahresdurchschnitt gehen die Ökonomen der Credit Suisse jedoch von einem begrenzteren Rückgang des BIP um 0.5 % aus. Der Prognose basiert auf der Annahme, dass die aktuelle Ausnahmesituation bis Mitte Mai dieses Jahres andauert, sich danach aber allmählich entspannen wird. Sollte die Pandemie länger andauern, müsste demzufolge mit einer länger anhaltenden Wachstumsschwäche gerechnet werden.

Rückschlag bei den Exporten
Die Folgen der Krise dürfte in den nächsten Monaten die Schweizer Exportwirtschaft unmittelbar treffen. Vor allem die erwartete Rezession in Europa beeinträchtigt die Nachfrage nach Schweizer Gütern stark. Insgesamt dürften die Gesamtexporte der Schweizer Unternehmen in diesem Jahr aber weniger stark abnehmen als in der globalen Rezession im Jahr 2009. Das liegt unter anderem daran, dass die Pharmaexporte mittlerweile einen wesentlich grösseren Anteil an den Warenexporten ausmachen. Sie reagieren kaum auf kurzfristige konjunkturelle Schwankungen im Ausland und tragen so zu einer gewissen Stabilität bei. Dennoch wird alleine die absehbare Abkühlung der Weltwirtschaft das Schweizer BIP-Wachstum deutlich verringern.

MEM- und Uhren-Branchen besonders von der Abschwächung im Ausland betroffen
Wie die heute publizierte Studie zeigt, waren für den Exporterfolg der vergangenen 20 Jahre insbesondere das starke Wachstum in China und den USA sowie die Zunahme der globalen Nachfrage nach Pharmaprodukte verantwortlich. Für die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) dürfte der derzeitige Wachstumseinbruch in Europa und den USA besonders schmerzvoll sein. Die Berechnungen der Ökonomen der Credit Suisse lassen darauf schliessen, dass MEM-Exporte stark auf Konjunkturentwicklungen sowie auch auf Wechselkursschwankungen reagieren. Die generell als Luxusgut angesehenen Schweizer Uhren dürften den Rückgang des Konsums ebenfalls zu spüren bekommen. Auch sie weisen eine hohe Sensitivität gegenüber BIPWachstumsveränderungen im Ausland auf. Von der erneuten Aufwertung des Schweizer Frankens sollten sie gemäss der Analyse der Credit Suisse indessen weniger tangiert sein. Ebenfalls zeigen die Analysen der Credit Suisse Ökonomen, dass die Pharmaexporte gegenüber kurzfristigen Dämpfern im Wirtschaftswachstum sowie gegen negative Effekte einer Frankenaufwertung weitgehend immun sind. Besonders in diesen turbulenten Zeiten ist diese Branche von hoher Wichtigkeit, da sie für fast 40 % der gesamten Schweizer Warenexporte aufkommt.

Konsum vorübergehend rückläufig, gefolgt von teilweisen Aufholeffekten
Noch stärker dürfte in den nächsten Monaten der private Konsum innerhalb der Schweiz betroffen sein. Rund ein Drittel der durchschnittlichen Konsumausgaben fliessen schätzungsweise in Güter und Dienstleistungen, die derzeit weniger nachgefragt oder deren Konsum gar nicht mehr möglich ist. Zudem dürfte sich angesichts der geschlossenen Grenzen und weniger Neueinstellungen die Nettozuwanderung deutlich verlangsamen. Die Ökonomen der Credit Suisse rechnen mit einer Nettozuwanderung von noch 35’000 bis 40’000 Personen für das Gesamtjahr 2020 (nach 53’000 im Vorjahr). Der Konsum könnte sich aber zumindest teilweise wieder normalisieren, sobald der Lockdown aufgehoben werden kann. Denn einerseits erhöht die negative Inflation (Prognose: -0.3 %) die Kaufkraft. Anderseits dürfte sich die für die Konsumentenstimmung wichtige Arbeitsmarktlage als relativ stabil erweisen. Dank dem Instrument der Kurzarbeit sollte die Arbeitslosenquote nur moderat ansteigen. Die Ökonomen der Credit Suisse rechnen mit einem nur graduellen Anstieg von heute 2.3 % bis Ende Jahr auf 2.9 %.

Stützung der hohen Zahl Selbständigerwerbender ebenfalls sehr wichtig
Der Einsatz der Kurzarbeit wird denjenigen von 2009 massiv übersteigen: Gemäss Schätzungen der Credit Suisse Ökonomen sind alleine in den von der bundesrätlichen Coronavirus-Sperre direkt betroffenen Branchen mehr als eine halbe Million Personen beschäftigt, das sind 10 % aller Beschäftigten. Hinzu kommt, dass in diesen Branchen überdurchschnittlich viele Selbständige tätig sind: Gemäss Schätzungen der Credit Suisse Ökonomen kommen so mehr als 100’000 Betroffene dazu. Die zu erwartenden Ausgaben für Kurzarbeit von geschätzten rund 3 Mrd. CHF je Monat sind für die Arbeitslosenkasse und den Bund jedoch sicherlich tragbar. Trotz aller Massnahmen dürfte der private Konsum im Jahresdurchschnitt zum ersten Mal seit 1993 wieder sinken. Damit entfällt zumindest vorübergehend ein wichtiger Puffer für das Wachstum in der Schweiz.

Investitionsausgaben temporär zurückgeschraubt
Angesichts der weltweit schwächeren Nachfrage, der hohen Unsicherheiten und der konkreten Schwierigkeiten infolge des Coronavirus-Ausbruchs werden die Unternehmen ihre Investitionstätigkeit zumindest vorübergehend zurückschrauben. Die Ökonomen der Credit Suisse rechnen über das ganze Jahr betrachtet jedoch nicht mit einem eigentlichen Einbruch der Investitionstätigkeit in der Schweiz. Dies zumindest dann, wenn ein Ende der Ausnahmesituation absehbar wird. Zudem herrscht in der Politik mittlerweile Konsens darüber, dass Unterbrüche in Lieferketten und Unternehmenskonkurse möglichst verhindert werden müssen. Eine tiefere Rezession kann insgesamt aber nur dann abgewendet werden, wenn die Coronavirus-Pandemie rasch unter Kontrolle gebracht wird und die negativen Auswirkungen des dafür notwendigen, staatlich verordneten Lockdowns abgefedert werden können.

Coronavirus zwingt den Immobilienmarkt nicht in die Knie
Im Fahrwasser der Turbulenzen an den Aktienmärkten und der rapiden Ausbreitung der Krise über den ganzen Globus sind auch Befürchtungen aufgekommen, die Coronavirus-Krise könnte den Schweizer Immobilienmarkt aus den Angeln heben und die Schweiz in eine Immobilienkrise stürzen.
Flächendeckende Wertverluste im zweistelligen Prozentbereich wurden bereits als wahrscheinliches Szenario bezeichnet. Gemäss den Ökonomen der Credit Suisse sind derartige Prognosen bei einer sachlichen Überprüfung sehr unwahrscheinlich. Es wird zwar nicht zu verhindern sein, dass der Schweizer Immobilienmarkt auch Schaden nimmt, doch die Coronavirus-Krise wird den Schweizer Immobilienmarkt nicht in die Knie zwingen.

Wohnungsmarkt bleibt Rückgrat des Immobilienmarktes
Der Wohnungsmarkt bildet als Rückgrat des Schweizer Immobilienmarktes ein verlässlicher Anker. So ist im Wohneigentumsmarkt in keiner Weise mit einer Verkaufswelle zu rechnen. Wohneigentum stellt derzeit im direkten Vergleich mit Mietwohnungen die kostengünstigere Wohnform dar. Aufgrund der tiefen Hypothekarzinsbelastung, den Milliarden, die Wohneigentümer in den letzten Jahren an Zinskosten einsparen konnten, und der mehrmals verschärften Regulierungen, die nur noch wohlhabenden Schichten den Zugang zu Wohneigentum ermöglichten, rechnen die Credit Suisse Ökonomen nicht mit einem grösseren Anstieg von Zahlungsausfällen im Hypothekarbereich. Stützend wirken zudem nicht nur die sehr tiefen Zinsen, sondern auch die geringe Neuproduktion von Wohneigentum (40 % unter lfr. Mittel).

Wohnrenditeliegenschaften: Eher Zukäufe denn Verkäufe
Bei den Wohnrenditeliegenschaften werden sich die Investoren aufgrund der höheren Sicherheit der Mietzinseinnahmen im Vergleich zu anderen Cashflows davor hüten, dem Immobilienmarkt den Rücken zu kehren. Im Gegenteil kann nach Abklingen der heftigsten Schockwellen auf den Kapitalmärkten eher mit einer verstärkten Investorennachfrage gerechnet werden, zumal ein Ende der
Negativzinsphase nun noch weiter in die Zukunft verschoben wurde. Zwar wird als Folge einer tieferen Zuwanderung (Prognosekorrektur um 10’000 bis 15’000 Nettoeinwanderer für das Jahr 2020) und einer geringeren Inlandsnachfrage die Zahl der leerstehenden Mietwohnungen um 7000 bis 8000 Einheiten ansteigen (+ 3000 im Vorjahr), doch das dürfte die Nettocashflow-Rendite auf der Nachkommastelle nur minim reduzieren. Die Probleme auf dem Wohnungsmarkt beschränken sich weitgehend auf das Luxussegment, auf stark vom Geschäftstourismus abhängige Serviced Apartments und bei längerdauernder Krise auf die Promotoren von Wohneigentum.

Rückschläge bei den Gewerbeflächen
Grösser werden dagegen die Rückschläge bei den Gewerbeflächen ausfallen. Insbesondere im stationären Detailhandel und im Hotelmarkt erwarten die Ökonomen der Credit Suisse eine Reihe von Insolvenzen, Geschäftsaufgaben und Gesundschrumpfungen. Beide Sektoren gelten aufgrund eines harten Strukturwandels (Onlinehandel und Frankenstärke) als geschwächt. Der Einnahmeausfall bei den Mietern dürfte daher auch auf Seiten der Eigentümer von Retailflächen und Hotels zu
Ertragsrückgängen führen, zumal den Vermietern allein schon über die in diesem Sektor verbreiteten Umsatzmietverträgen Einnahmen wegbrechen. Der Anteil des Retailsektors und der Hotellerie am Gesamtbestand des Schweizer Immobilienmarktes beträgt allerdings nur rund 5 % bis 6 %, womit sich der Rückschlag für den Immobiliensektor in klaren Grenzen halten dürfte. Auf dem Büroflächenmarkt wird die Nachfrage nach Zusatzflächen aufgrund der enormen Unsicherheit der Marktteilnehmer in sich zusammenfallen. In der Folge dürfte sich der Trend sinkender Leerstände umkehren und das Mietpreiswachstum abrupt abgewürgt werden. Trotz der für die zweite Jahreshälfte erwarteten Erholung der Konjunktur, dürfte der Büroflächenmarkt mehr als ein Jahr brauchen, bis er sich von diesem Rückschlag erholt haben wird.

Die Publikation «Monitor Schweiz» wird quartalsweise publiziert und ist im Internet in Deutsch, Französisch und Englisch verfügbar unter:
www.credit-suisse.com/monitorschweiz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.