Europa Forum Luzern: Fachkräftemangel in Österreich aus Sicht von KMUs

Jürgen Rainalter
Jürgen Rainalter, CEO Getzner Werkstoffe. (Foto: Getzner)

pd. Ein funktionierender Arbeitsmarkt ist das Herz einer Volkswirtschaft. Andererseits stösst die unbeschränkte Zuwanderung schweiz- und europaweit zunehmend auf politischen Widerstand. Dies trifft auch in Österreich zu. Namentlich KMUs, die auf spezialisierte Fachkräfte angewiesen sind, müssen sich was einfallen lassen.

Der CEO von Getzner, Jürgen Rainalter, geht auf diese Situation näher ein. Das Unternehmen stellt Werkstoffe zur Dämmung und Isolierung von Vibrationen und Körperschall her und gehört zu den weltweit führenden Firmen in diesem Segment. Unter anderem hat die Firma Dämmmaterial für die NEAT geliefert.

Europa Forum Luzern: Wie würden Sie den Fachkräftemangel in Österreich charakterisieren?

Jürgen Rainalter: Generell nimmt die Anzahl der Lehrlinge in Österreich ab, d.h. die sehr wertvolle duale Basisausbildung nimmt ab, da von Seiten der Jugendlichen das Interesse sinkt. Umso massiver müssen die Unternehmen in die Ausbildung der Mitarbeiter investieren. „Fertig ausgebildete“ Fachexperten mit Getzner Werkstoffe Know-how gab es auch bislang nicht auf dem Arbeitsmarkt, daher war und ist der interne Ausbildungsaufwand schon immer sehr hoch.

Wie sind Konzerne, wie KMUs davon betroffen?

Mein persönlicher Eindruck: es gibt vor allem jüngere Menschen, die lieber in einem grossen Konzern arbeiten, weil er mehr Optionen bietet. Andere, jedoch auch ältere Personen bevorzugen die familiärere Atmosphäre eines KMUs. Wir erleben häufiger, dass Mitarbeiter nach den ersten Berufsjahren von einem Konzern zu uns wechseln, weil sie sich weniger Bürokratismus und mehr persönlichen Handlungsspielraum wünschen.

Wo orten Sie seitens Bildungssystem Nachholbedarf, um den Fachkräftebedarf besser abdecken zu können?

Die Grundqualifikationen von Schulabgängern werden schwächer (sinnerfassendes Lesen/Schreiben, Mathematik, naturwissenschaftliche Fächer), das verhindert manchmal die Anstellung oder erschwert ihre weitere Ausbildung. Eine praxisnahe Ausbildung, durch die Verknüpfung des Schulwesens mit der Industrie wäre zielführend.

Wie wichtig sind für Österreich die Arbeitsmärkte der Nachbarstaaten für Personalrekrutierung, dabei auch jener der Schweiz?

Der grösste Teil der Mitarbeiter für die Zentrale wird nach wie vor aus (West-)Österreich und Süddeutschland rekrutiert (internationale Vertriebsstandorte rekrutieren direkt vor Ort in den jeweiligen Ländern). Allerdings ist insbesondere im Vertrieb und in speziellen technischen Funktionen ein grösserer Radius sinnvoll. Hier sind insbesondere Spanien, Portugal und Italien für uns von Bedeutung. Der Arbeitsmarkt Schweiz/Liechtenstein ist weniger relevant, da immer noch deutliche Gehaltsunterschiede bestehen. Gleichzeitig wechseln aktuell immer mehr Vorarlberger wieder zu einem österr. Arbeitgeber, da sie auf Dauer kürzere Fahrtwege, weniger Wochenarbeitsstunden etc. mehr schätzen (gilt vor allem für Produktionsmitarbeiter).

Was würde eine Einschränkung der Personenfreizügigkeit in Europa für Ihr Unternehmen bedeuten?

Für die Unterstützung unserer Vertriebsstandorte bauen wir zunehmend internationale „Brückenköpfe“ in der Zentrale in Vorarlberg auf. Sie kommen aus dem Land, das sie als Support unterstützen (Indien, China, Italien, Mexiko, USA, Frankreich,…), sprechen dessen Sprache und kennen dessen (Geschäfts-)Kultur. Damit sind sie eine grosse Hilfe für den Vertrieb. Das Recruiting und die Anstellung dieser Mitarbeiter würden durch die Einschränkung der Personenfreizügigkeit beschnitten.

Sind für österreichische Unternehmen Produktionsverlagerung in den Osten (Europa, Asien) ein Thema, bei welchen Konstellationen?

Das zentrale Know-how bleibt am Hauptsitz, damit auch der Grossteil der Produktion sowie die Forschung & Entwicklung. Wo es aufgrund der Auftragslage (USA – Buy American Act, China – Staatsaufträge) und langfristig zu erwartenden Marktentwicklung sinnvoll ist, werden nebst Österreich, China und Deutschland künftig aber auch weitere Produktionsstätten angedacht, jedoch nur für Teilbereiche der Produktpalette.

Grundsätzlich steht Getzner Werkstoffe für sehr hochwertige und damit auch hochpreisige Produkte; Minderqualität für günstigere Produktionskosten wäre langfristig keine erfolgreiche Strategie. (Europa Forum Luzern/mc/ps)

Zur Person:
Jürgen Rainalter ist seit 2011 Geschäftsführer von Getzner Werkstoffe. Er war zuvor Leiter Marketing und Vertrieb sowie externer Strategieberater der Firma. Seine früheren beruflichen Stationen waren das Management Zentrum (MCI) der Universität Innsbruck, Norks Hydro, Hilti und Lafarge Zement Deutschland. Jürgen Rainalter ist Ingenieur mit Ausbildung in Bautechnik / Tiefbau und zertifizierter Marketingplaner.
Jürgen Rainalter referiert am Europa Forum Luzern und beleuchtet dabei vor allem den Arbeitsmarkt in Österreich vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels bei KMUs.

Veranstaltungsinformationen
31. internationales Europa Forum Luzern
Spannungsfeld Arbeitsmarkt und Zuwanderung
14. November 2016 | KKL Luzern

Programm:
11.30 Uhr Lunch Cruise auf dem Vierwaldstättersee: Blockchain & Bitcoin – um was geht es? Lunch, Networking
13.00 Uhr Wirtschafts-Symposium
18.45 Uhr Öffentliche Abendveranstaltung
20.30 Uhr VIP-Networking

Information und Anmeldung: www.europaforum.ch

Über das Europa Forum Luzern
Das Europa Forum Luzern ist die führende nationale Veranstaltung zu Fragen über Europa und die Schweiz. Namhafte Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland tauschen im KKL Luzern ihre Meinungen und Standpunkte aus. Das Europa Forum Luzern informiert unabhängig und neutral über die neusten Entwicklungen in Europa und deren Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft und Politik. Die Veranstaltungen stehen unter dem Motto Wirtschaft, Wissenschaft und Politik im Dialog und finden jährlich zweimal im Frühjahr und Herbst statt.

20 Jahre Europa Forum Luzern
2016 feiert das Europa Forum Luzern sein 20-jähriges Bestehen.

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