EY: Unternehmenskäufe chinesischer Investoren auf Rekordhoch

Ronald Sauser
Ronald Sauser, Leiter M&A Advisory bei EY Schweiz. (Foto: EY)

Zürich – Chinesische Investoren drängen weiter mit Macht auf den europäischen Markt. Im vergangenen Jahr haben sie in der Schweiz sowie in ganz Europa jeweils so viele Akquisitionen getätigt wie nie zuvor, wie die jährliche Auswertung des Beratungsunternehmens EY zeigt. In Europa kauften oder beteiligten sie sich an 309 Unternehmen, in der Schweiz gab es elf Zukäufe beziehungsweise Beteiligungen. Damit stieg die Zahl der Akquisitionen in Europa um knapp die Hälfte, in der Schweiz hat sich die Zahl mehr als verdoppelt.

Auch das Transaktionsvolumen ist sprunghaft gestiegen: In Europa tätigten chinesische Unternehmen im vergangenen Jahr Zukäufe im Wert von 85,8 Milliarden US-Dollar nach einem Volumen von 30,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015. In der Schweiz entfallen über 44 Milliarden auf die Syngenta-Transaktion wodurch das Transaktionsvolumen auf 45,8 Milliarden im Gesamtjahr stieg, im 2015 waren es noch 4,0 Milliarden US-Dollar gewesen.

Schweiz auf Rang sechs der beliebtesten Investitionsziele
Mit 68 getätigten Akquisitionen bleibt Deutschland in Europa das bevorzugte Investitionsziel chinesischer Unternehmen. Auf dem zweiten Platz steht Grossbritannien mit 47 Akquisitionen, gefolgt von Frankreich, Italien und den Niederlanden. Dahinter auf Rang sechs folgt bereits die Schweiz, drei Plätze weiter vorne als im Vorjahr. Aufgrund der Syngenta/ChemChina-Transaktion liegt das Zielland Schweiz bei der Transaktionssumme klar vorn. Deutschland folgt mit 12,6 Milliarden US-Dollar auf dem zweiten Rang, Grossbritannien mit 9,6 Milliarden US-Dollar auf dem dritten.

Wie stark das Interesse chinesischer Unternehmen an Europa gestiegen ist, zeigt der Zehn-Jahres-Vergleich: Im Jahr 2007 wurden europaweit nur 51 Transaktionen gezählt – seitdem haben sich die Aktivitäten chinesischer Unternehmen in Europa vervielfacht. «Das Interesse chinesischer Unternehmen an Zukäufen in Europa ist weiter enorm. Die chinesischen Investoren sind bereit, auch hohe Summen zu bezahlen, um auf diesem Weg neue Geschäftsfelder zu erschliessen und sich stärker im High-Tech Segment zu positionieren», beobachtet Ronald Sauser, Leiter M&A bei EY Schweiz.

Politischer Gegenwind – Transaktionen werden schwieriger
Allerdings hat die starke Transaktionstätigkeit chinesischer Unternehmen in der Zwischenzeit für Bedenken bei Verbänden und in der Politik geführt. Wiederholt wurde kritisiert, dass vor allem chinesische Staatsunternehmen im Ausland zukaufen und dass europäischen Unternehmen auf dem chinesischen Markt nicht dieselben Rechte zustehen würden.

«Es ist verständlich, dass Verbände oder die Politik bestimmte Schlüsselindustrien schützen wollen und eine gewisse Verunsicherung herrscht angesichts der schnell wachsenden Investitionstätigkeit. Andererseits stehen zumindest bis heute viele Schweizer Unternehmen einem möglichen chinesischen Investor positiv gegenüber,  man vermutet in der Regel  hohe Finanzressourcen, einen besseren Zugang zum chinesischen Markt und damit entsprechende  zusätzliche Zukunftsperspektiven. Mögliche Entscheide zu Verboten von Übernahmen – wie in Deutschland geschehen – sollten daher zumindest sehr gut abgewogen werden. Der Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Bern und sein Auftritt am World Economic Forum in Davos haben sicher diese Einschätzungen eher verstärkt», schätzt Sauser die Lage ein.

Übernahmen werden schwieriger
In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres zeigt sich ein Rückgang der Transaktionsaktivität in Europa und auch in der Schweiz: So ging die Zahl der Deals in Europa im zweiten Halbjahr um knapp ein Viertel auf 133 Transaktionen zurück. In der Schweiz wurden im zweiten Halbjahr lediglich vier Transaktionen getätigt. «Das Umfeld für chinesische Übernahmen ist etwas schwieriger geworden», stellt Fabian Denneborg, M&A-Fachmann bei EY Schweiz fest. Darauf müssten sich potenzielle chinesische Käufer einrichten: «Es wird immer wichtiger, die unternehmerischen Ziele einer Transaktion zu erklären, transparent zu kommunizieren und der Sorge vor Abwanderung der Arbeitsplätze und von Know-how mit guten Argumenten zu begegnen.» Zudem waren fast die Hälfte der Transaktionen in der Schweiz im vergangenen Jahr strategischer Natur mit Beteiligungen zwischen 10 und 50 Prozent. Solche Investitionen werden als weniger bedrohlich eingeschätzt.

Weiter steht die chinesische Regierung grossen Übernahmen im Ausland – etwa im Immobiliensektor oder in der Unterhaltungsindustrie – inzwischen kritischer gegenüber. «Seit Ende November 2016 kontrolliert die chinesische Regierung die Devisenausfuhr strenger. Sie schaut genau hin, ob grenzüberschreitende Akquisitionen den chinesischen Renminbi schwächen. Peking möchte einen zu grossen Kapitalabfluss und eine Abwertung der Währung verhindern. Das führt dazu, dass viele chinesische Unternehmen, besonders die privaten, derzeit auf Beobachtungsmodus geschaltet haben», beobachtet Denneborg.

Schweiz bietet nach wie vor attraktive Übernahmeziele
Dennoch rechnet EY mit einer weiterhin regen Transaktionstätigkeit: «Die Schweiz bietet nach wie vor einige attraktive Übernahmeziele für chinesische Unternehmen. Im Fokus sind auch grosse Unternehmen, die derzeit im Besitz von Finanzinvestoren sind, oder Teilbereiche von Grosskonzernen», führt Ronald Sauser aus.

Der mit Abstand grösste Deal des vergangenen Jahres ist die – noch nicht abgeschlossene – Übernahme des schweizerischen Chemieunternehmens Syngenta durch ChemChina für 44 Milliarden US-Dollar. Auf Platz zwei steht die Übernahme des finnischen Onlinespiele-Entwicklers Supercell durch Tencent für 8,6 Milliarden US-Dollar. Die europaweit drittgrösste Transaktion ist die Übernahme des deutschen Roboterherstellers Kuka durch Midea für 4,7 Milliarden US-Dollar. (EY/mc/ps)

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