Governance von Schweizer Unternehmen zunehmend durch internationale Investoren geprägt

Verwaltungsrat Sitzung

Zürich – Ein Grossteil der Schweizer Investoren sieht in der Stimmrechtsausübung nur wenig Wert und nimmt nicht am direkten Austausch mit Unternehmen teil – im Gegenteil zu internationalen Investoren, welche die Governance in  Schweizer Unternehmen zunehmend beeinflussen. Dies ist eine der zentralen Erkenntnisse der von SWIPRA durchgeführten Corporate Governance-­Umfrage 2016. Zudem stehen für die Mehrheit der Investoren Managementvergütungen weiterhin in keinem vernünftigen Verhältnis zur erbrachten Leistung. Ein möglicher Grund liegt in der Kommunikation:   Weniger als ein Zehntel  der  Investoren ist mit der Offenlegung   zur  Pay-­for-Performance zufrieden. Darüber hinaus empfinden viele institutionelle Anleger die Vergütungs-­Offenlegung von Unternehmen im Ausland als gehaltvoller als in der Schweiz, wogegen sich eine Mehrheit der Schweizer Unternehmen diesbezüglich in einer Vorreiterrolle sieht.

Gelebte Governance im Unternehmen: Wer stellt die Weichen?
Rund die Hälfte der an der SWIPRA-­Umfrage teilnehmenden Schweizer Vermögensverwalter  (41,7%) sowie 75,8% der teilnehmenden Pensionskassen stehen nicht im direkten Austausch mit den Emittenten. Hingegen  suchen 100% der befragten internationalen institutionellen Vermögensverwalter den bilateralen Austausch mit den Unternehmen. Die Grösse der Investoren erklärt diesen markanten Unterschied nur teilweise. Alexander Wagner, Professor am Swiss Finance Institute und der Universität Zürich sowie Stiftungsratspräsident von SWIPRA: „Nur wer mitredet, kann mitbestimmen. Durch das grössere Engagement der internationalen Investoren wächst ihr Einfluss auf die Corporate Governance-­Landschaft in der Schweiz und die Ergebnisse an den Generalversammlungen weiter.“

Hinzu kommt, dass im Gegensatz zu 72,2% der internationalen Investoren lediglich die Hälfte der Schweizer Vermögensverwalter sowie nur 22,6% der Pensionskassen ihre Stimmrechte mit der Überzeugung ausüben, dadurch im Unternehmen Wert zu schaffen. Barbara Heller, Geschäftsführerin von SWIPRA: „Der aktuell diskutierte Vorschlag einer Abstimmungspflicht für Schweizer Vermögensverwalter  ist vor diesem  Hintergrund  als kritisch  zu beurteilen.  Ein Stimmzwang  birgt die Gefahr, dass Investoren die Traktanden an Generalversammlungen auf möglichst einfache Art und Weise beurteilen werden. Die gewünschte objektive Auseinandersetzung  mit der langfristigen Wertschaffung und der individuellen Situation von Unternehmen könnte dadurch erst recht auf der Strecke bleiben.“

Unverstandene Pay-­for-­Performance
Für die Mehrheit der Vermögensverwalter, Fondsgesellschaften und Pensionskassen (53,6%) steht die Vergütung des Managements von kotierten Schweizer Unternehmen in keinem vernünftigen Verhältnis zur ausgewiesenen Leistung. Eine Erklärung liegt in einer möglicherweise unzureichenden Offenlegung zur Pay-­for-­Performance. So zeigen sich lediglich 8,9% der Investoren klar zufrieden mit den dazu verfügbaren Informationen. Gleichzeitig gaben nur 17,7% der Unternehmen an, für die Vorbereitung vergütungsrelevanter  Themen im Hinblick auf Generalversammlungen  die meiste Zeit für die Erklärung der Pay-­for-­Performance aufgewendet zu haben. Dabei sollte insbesondere der Zusammenhang zwischen Leistung und Vergütung jährlich evaluiert und erläutert werden. Erschwerend wirkt, dass eine deutliche Mehrheit der Marktteilnehmer (67,3% der Investoren und 74,7% der Unternehmen) die Thematik der variablen Vergütung als zunehmend komplex empfindet.

Ein internationaler Vergleich zeigt eine bemerkenswerte Diskrepanz in der Wahrnehmung der Qualität der Offenlegung: 66,7  aller Investoren mit Vergleichsmöglichkeiten (und gar 100% der internationalen Vermögensverwalter) beurteilen die verfügbaren Informationen zur Pay-­for-­Performance im Ausland als gehaltvoller als in der Schweiz. Dagegen sieht mehr als die Hälfte der Schweizer Unternehmen mit Vergleichsmöglichkeiten (61.2%) die Vergütungs-­Offenlegung in der Schweiz als Vorbild für das Ausland.

Corporate Social Responsibility ist laut Investoren Sache des Verwaltungsrats
Corporate Social Responsibility (CSR) spielt eine zunehmend wichtige Rolle in allen Bereichen unternehmerischer Tätigkeit. Nahezu alle Befragten sind sich einig, dass das Thema CSR auf den höchsten Unternehmensebenen gesteuert werden sollte. Im Vergleich zu 55,6% der Unternehmen sieht eine überwältigende Mehrheit der Investoren (91,5%) den Verwaltungsrat in der Pflicht, die strategische Ausgestaltung der CSR zu definieren und damit verbundene Reputationsrisiken zu adressieren. Weitere 35,8%  der Unternehmen sind der Ansicht, dass diese Aufgabe eher der Geschäftsleitung zukommt, während nur 3,4% der Investoren diese Meinung teilen.

Aktionärsrechte
Eine knappe Mehrheit der institutionellen Anleger (52,0%) attestiert den Kleinaktionären in der Schweiz einen zu geringen Schutz. Die Unternehmen hingegen empfinden mit 83,8% den Schutz der Kleinaktionäre als klar angemessen.

Im Zusammenhang mit Aktionärsrechten hat SWIPRA die Frage aufgeworfen, ob Beteiligungspapiere mit einer vom Prinzip „one share one vote“ abweichenden  Aktienstruktur  weiterhin  in  einen  Leitindex gehören oder nicht. 64,0% der Vermögensverwalter  sind der Meinung, dass solche Titel nicht in einem Leitindex vertreten sein sollten, insbesondere wenn die frei handelbaren Aktien weniger als 50% der Stimmrechte vertreten. Bei den Unternehmen stösst eine allfällige Praxisänderung mehrheitlich auf Ablehnung (51,3%).

Angesichts der Wahrnehmung, institutionelle Aktionäre würden sich nur an kurzfristigen Interessen orientieren, wurde der Vorschlag einer Loyalitätsdividende in die laufende Revision des Schweizerischen Aktienrechts eingebracht. Diese soll die Möglichkeit schaffen, Aktionären mit längeren Haltefristen zusätzliche Dividenden zu zahlen. Dieser Ansatz wird nur von einer Minderheit der Investoren (21,8%) und Unternehmen (21,3%) unterstützt.

Barbara Heller, Geschäftsführerin von SWIPRA: „Wir stellen fest, dass es bei wichtigen Themen der Corporate Governance und deren Offenlegungen nach wie vor markante Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen Unternehmen und Investoren gibt. Der laufende Austausch und ein hoher Grad an Kommunikation zwischen Verwaltungsrat un   Aktionären gewinnen deshalb weiterhin an Bedeutung. Nur so können Unternehmen verhindern, dass sie nach zu starren Standards beurteilt werden.“

Eine Zusammenfassung der Studienergebnisse ist unter http://swipra.ch/umfrage/ verfügbar. (SWIPRA/mc/ps)

Über SWIPRA
SWIPRA ist ein unabhängiger Schweizer Stimmrechtsberater und Corporate-­‐Governance-­‐Spezialist. Basierend auf Prinzipien der wertorientierten Unternehmensführung, verbunden mit dem Ziel der langfristigen Steigerung des Unternehmenswerts, bietet SWIPRA Unternehmensanalysen und Abstimmungsempfehlungen  zu  ausgewählten  an  der  SIX  Swiss  Exchange  kotierten  Schweizer Unternehmen an.  www.swipra.ch

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