Krisen, Kriege, Revolution – WEF in unsicherer Zeit

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Davos – Die Schweiz geht auf Nummer sicher und macht Davos zur Festung: 5000 Soldaten, 1000 Polizisten, Sprengstoffexperten mit Spürhunden, Scharfschützen, Strassensperren, Hubschrauber-Patrouillen, Kampfjets zum Schutz des Luftraums über den Alpen. Nach den jüngsten Terroranschlägen sowie angesichts immer neuer Warnungen vor Selbstmordattentätern des Islamischen Staats (IS) gebe es «eine neue Art von Bedrohung», sagt Kommandant Walter Schlegel, der Sicherheitschef für das Weltwirtschaftsforum (WEF), dessen nächste Jahrestagung am 20. Januar beginnt. In der «Neuen Zürcher Zeitung» räumt er ein: «Wir sind vom Sicherheitsaufwand her an der Obergrenze angelangt.»

Das dürfte 2500 Prominente kaum davon abhalten, wie angekündigt zum Stelldichein der Welteliten in den Luftkurort Davos zu reisen – unter ihnen Regierungschefs, Lenker von Weltkonzernen, Top-Wissenschaftler, Hollywood-Promis wie Leonardo DiCaprio und Kevin Spacey und «Blaublütige» wie der König der Niederlande Willem-Alexander oder Norwegens Thronfolger Prinz Haakon. Aus Deutschland kommen Bundespräsident Joachim Gauck, Vizekanzler Sigmar Gabriel, Finanzminister Wolfgang Schäuble und weitere Kabinettsmitglieder. Nicht dabei sein wird hingegen «Stammgast» Angela Merkel.

Die Flüchtlingskrise im Fokus
Merkel hatte die Einladung von WEF-Gründer Klaus Schwab für die 46. Jahrestagung des Forums schon im Herbst dankend abgelehnt. Damals war bereits absehbar, dass Deutschland auch im Januar mit im Fokus der Flüchtlingskrise stehen wird. Sie ist zwar nicht das Hauptthema, doch sie wird prominent in Davos präsent sein – in Reden und Diskussionsforen sowie bei Demonstrationen am Rande des Treffens. Und bei den täglich von Nichtregierungsorganisationen veranstalteten persönlichen Begegnungen mit Asylsuchenden zum Thema «Ein Tag im Leben eines Flüchtlings».

Nur zwei G7-Regierungschefs in Davos
Neben Merkel fehlen auch Frankreichs Präsident François Hollande und Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi, wie aus der Liste bestätigter Teilnehmer hervorgeht, die das WEF am Mittwoch in Cologny GE veröffentlichte. Auch die Staatschef von China, Russland und Japan werden in Davos abwesend sein. Von den G7-Staaten entsenden kommende Woche einzig Grossbritannien und Kanada ihre Regierungsschefs nach Davos.

Dass US-Präsident Barack Obama kommende Woche nicht in die Schweiz reisen würde, war erwartet worden. Dennoch werden die USA eine hochrangige Delegation nach Davos schicken: Bereits bestätigt ist Aussenminister John Kerry, zudem dürfte nach Angaben der US-Botschaft in Bern auch Vizepräsident Joe Biden zugegen sein.

Nordkorea ausgeladen
Entgegen ersten Meldungen wird keine nordkoreanische Delegation am WEF teilnehmen. Nach einem Atomtest im Januar lud das WEF das kommunistisch regierte Land wieder aus.

Umfangreiche globale Problempalette
Seit gut 45 Jahren verfolgt das Weltwirtschaftsforum das erklärte Ziel, «den Zustand der Welt zu verbessern». Dringlicher als heute war das in dieser Zeit wohl nur selten, wenn überhaupt. Beim letzten Tête-à-tête der Einflussreichen im Alpenschnee im Januar 2015 spielte die Flucht von Menschen aus Syrien noch keine so grosse Rolle. Doch seitdem sind mehr als eine Millionen Flüchtlinge nach Europa gekommen. Und der Krieg in Syrien, Hauptursache der Massenflucht, geht unvermindert weiter. Dass dafür bei Davoser Kamingesprächen eine Lösung gefunden wird, glaubt niemand. Immerhin soll es gleich nach Davos in Genf neue Verhandlungen zwischen dem Assad-Regime und Oppositionsgruppen geben, für die am rande der WEF-Treffens letzte interne Absprachen beteiligter Regierungen denkbar wären.

Doch die globale Problempalette ist noch weit umfangreicher. Zu Syrienkrieg, Flüchtlingskrise und Terrorgefahr kommen Themen wie der Atomstreit mit Nordkorea, der Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, der bewaffnete Konflikt in der Ukraine und die Rolle Russlands, die von China ausgehenden Börsenturbulenzen, der Klimawandel, der lahmende Welthande oder die Euro-Geldschwemme.

Schwab fordert dazu auf, über den Tellerrand zu blicken
Halt, sagt da Klaus Schwab und fordert die Eliten auf, über den Tellerrand der aktuellen Problemlagen zu schauen: «Wir stehen am Anfang einer Revolution, durch die sich die Art, wie wir leben, arbeiten und miteinander umgehen, fundamental verändern wird», mahnt Schwab in einem eigens zum übergreifenden Motto des diesjährigen Weltwirtschaftsforums vorgelegten Buch: «Die Meisterung der vierten industriellen Revolution».

Die rasant voranschreitende Digitalisierung der «Industrie 4.0», der absehbare massenweise Einsatz von Robotern in Produktion und Verwaltung – und die damit verbundene Ablösung menschlicher Arbeitskraft in erheblichen Grössenordnungen – werde für nicht weniger, als «eine Transformation der Menschheit» sorgen.

Krisen bewegen die Menschen heute, denke Roboter wohl erst morgen
Sicher werden diese Themen eine Rolle spielen und hinsichtlich Chancen und Risiken wohl auch kontrovers diskutiert werden. So fordern Gewerkschaften von Wirtschaftslenkern und Regierungen längst Garantien, dass nicht im Zuge der vierten industrielle Revolution «Beschäftigte zu Sklaven der Technologie und der Roboter werden».

Doch die grösste mediale Aufmerksamkeit finden in Davos stets brennende aktuelle Probleme, zumal den dort agierenden Politikern meist das Hemd näher als der Rock ist. Anders gesagt: Krisen und Konflikte bewegen die Menschen heute. Heute schlagen Terroristen zu wie gerade erst in Istanbul. Und heute kommen auch die Kriegsflüchtlinge. Die denkenden Roboter hingegen wohl erst morgen. (awp/mc/pg)

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