Personenfreizügigkeit: Trotz hoher Zuwanderung kaum Verdrängungseffekte

Baustelle Kontrolle
Flankierende Massnahmen: Kontrolle auf einer Baustelle.

Baustellenkontrolle im Rahmen der Personenfreizügigkeit.

Bern – Die starke Zuwanderung aus der EU drückt weder auf die Löhne, noch verdrängt sie Schweizer Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt. Zu diesem Schluss kommt der Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).

So ist die Erwerbsquote zwischen 2003 und 2012 sowohl bei Schweizern als auch bei EU/EFTA-Angehörigen gestiegen, wie es im «9. Bericht des Observatoriums zum Freizügigkeitsabkommen Schweiz-EU» heisst. Dies trotz hoher Zuwanderung: Im letzten Jahr sind netto 73’000 Personen in die Schweiz eingewandert. Knapp drei Viertel davon aus EU/EFTA-Staaten

Gut qualifizierte unter Druck
«Der Wettbewerb um Arbeitsstellen hat sich vor allem für gut qualifizierte Arbeitskräfte erhöht», räumte Peter Gasser, Leiter Personenfreizügigkeit und Arbeitsbeziehungen beim Seco, am Dienstag bei der Präsentation des Berichts vor den Medien in Bern ein. So verfügen beispielsweise 53% der Zuwanderer aus EU-/EFTA-Staaten über einen Hochschulabschluss. In der Schweiz sind es nur 34%.

Forscher der Universitäten Lausanne und Zürich haben im Auftrag des Seco denn auch festgestellt, dass es in diesem Bereich eine «geringfügige Verdrängung» gebe. In der Schweiz geborene Personen hätten eine leicht erhöhte Arbeitslosenquote von 0,2 Prozentpunkten. «Ihre Beschäftigungsquote liegt mit 92,3% aber deutlich über dem Durchschnitt», so Gasser.

Kaum Lohndruck
Auch der befürchtete Lohndruck ist laut Seco-Bericht ausgeblieben. Auf die Löhne von Personen mit Berufslehre oder Maturität hat die Personenfreizügigkeit zum Beispiel kaum Auswirkungen. Die Reallöhne seien Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 generell gestiegen – um jährlich durchschnittlich 0,6%.

Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen. So sind die Löhne von Jungen einheimischen und ausländischen Arbeitnehmenden mit Hochschulabschluss laut einer Studie der Universität Genf unter Druck geraten. Wäre bei diesen Jungen der Ausländeranteil in der Periode 2004 bis 2010 konstant geblieben, hätten die Reallöhne 2010 um schätzungsweise 1,6% höher gelegen.

Sogar positiv ausgewirkt hat sich die Personenfreizügigkeit laut Seco auf die Löhne von niedrig qualifizierten Arbeitskräften. Ihr Einkommen liege dank der starken Zuwanderung geschätzte 1,1% höher. «Es stimmt also nicht, dass die Lohnschere aufgeht», sagte Gasser.

Zufriedenes Seco
Insgesamt ist das Fazit für das Seco somit positiv. «Die Flankierenden Massnahmen haben sich bewährt. Eine Erosion der Lohnbedingungen konnte damit verhindert werden», sagte Seco-Direktorin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch.

Die Personenfreizügigkeit habe die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in der Schweiz gestärkt und der Schweizer Wirtschaft in den letzten Jahren ein überdurchschnittliches Wachstum ermöglicht.

Gewerkschaften fordern besseren Lohnschutz
Kritischer beurteilen die Gewerkschaften die Folgen der Zuwanderung. «Gerade für junge Berufseinsteiger und ältere Arbeitslose wird die Lage auf dem Arbeitsmarkt immer schwieriger», schreibt Travail-Suisse in einer am Dienstag verschickten Mitteilung.

«In Branchen und Berufen ohne Gesamtarbeitsverträge werden verstärkt Arbeitskräfte aus der EU eingestellt», sagte Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) an der Medienorientierung. Dies betreffe fast die Hälfte aller Arbeitnehmenden. SGB und Travail-Suisse fordern deshalb, dass der Lohnschutz über verbindliche Mindestlöhne verbessert werden soll.

«Kleiner Schritt Richtung normale Arbeitsmarktverhältnisse»
Arbeitgeberverbands-Direktor Thomas Daum hingegen sieht die Kritik an der Personenfreizügigkeit in wesentlichen Punkten entkräftet. Wenn die Erwerbsbeteiligung der hochqualifizierten Arbeitskräfte leicht gesunken sei, «dann kann man wohl weniger von Verdrängung als von einem kleinen Schritt in Richtung normaler Arbeitsmarktverhältnisse sprechen», sagte Daum.

Er betonte die Wichtigkeit der Personenfreizügigkeit für die Schweizer Wirtschaft. So hätten etwa in der Finanzbranche 45% der Unternehmen Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von qualifiziertem Personal. Dieser Bedarf könne mit einheimischen Fachkräften nicht abgedeckt werden. (awp/mc/upd/ps)

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