Sika-Führung droht wegen Saint-Gobain-Einstieg mit Rücktritt

Jan Jenisch
Jan Jenisch, ehemaliger Sika-CEO. (Foto: Sika)

Sika-CEO Jan Jenisch. (Foto: Sika)

Zürich – Paukenschlag bei Sika: Die Erben des Firmengründers Kaspar Winkler ziehen sich kurz nach dem 100-Jahre-Jubiläum aus dem Unternehmen zurück und verkaufen ihre Stimmenmehrheit an den französischen Bauriesen Saint-Gobain. Die Drittaktionäre gehen leer aus, entsprechend befinden sich die Papiere an der Schweizer Börse auf Talfahrt. Der unabhängige Verwaltungsrat und das Management des Bauchemie- und Klebestoffherstellers drohen mit dem Rücktritt.

Saint-Gobain lässt sich den Einstieg bei Sika 2,75 Mrd CHF kosten. So viel bezahlt der Konzern für die bislang von der Gründerfamilie Burkard gehaltene Kontrollmehrheit. Mit deren privilegierten Aktien kontrollieren die Franzosen mit 16,1% des Aktienkapitals 52,4% der Stimmrechte. Die Transaktion soll spätestens in der zweiten Jahreshälfte 2015 abgeschlossen sein.

Kurzlebiges Commitment
So schnell kann es sich ändern. «Das Commitment der Familie zum Unternehmen bleibt ungebrochen.» So liess sich Urs Burkard, er vertritt die Familie im Verwaltungsrat von Sika, in der «goldenen Bilanz» zitieren. Das alljährlich vom Wirtschaftsmagazin «Bilanz» erhobene Ranking der 300 reichsten Schweizer wurde gerade mal vor zehn Tagen publiziert.

«Seit Freitagabend, 18.30 Uhr weiss ich Bescheid», erklärte Sika-Chef Jan Jenisch am Montag vor den Medien. Vor zwei Wochen habe man sich letztmals mit Vertretern der Familie Burkard zum einem «Investor Update» getroffen. «Es gab gar keine Anzeichen», erklärte VR-Präsident Paul Hälg. Ausserhalb der Familie sei gar niemand informiert worden – nicht einmal die Schenker-Winkler Holding, über die die Familie ihre Sika-Anteile hält.

Gernerationenwechsel bei Burkard
Die Familie Burkard verkauft ihre Anteile, weil sie für das Unternehmen bei Saint-Gobain die bessere Zukunft sieht. Der Verkauf sei eine logische Folge aus dem Generationenwechsel bei der Gründerfamilie, sagte der Sprecher der Familie auf Anfrage.

Doch die nächste Generation sei in ihrem Alter und ihren Ansichten sehr unterschiedlich. Eine nachhaltige Nachfolgeplanung sei aber allen wichtig, darum hätten sie sich für den Verkauf entschieden. Sie wollten im Vorfeld keine Interessenkonflikte provozieren und hätten sich darum für Diskretion entschieden, sagte der Sprecher weiter.

Sika verliert Unabhängigkeit
Doch nicht mit dem heutigen Management: Sika riskiert, zum Spielball von Saint-Gobain zu werden, begründeten Hälg und Jenisch ihre abwehrende Haltung. Als unabhängiger Konzern habe sich Sika in den letzten Jahren sehr erfolgreich entwickelt. Unter dem Regime von Saint-Gobain werde Sika ihr über viele Jahre erfolgreiches Geschäftsmodell nicht weiterführen können.

«Als Vertreter einer Minderheit im künftigen Sika-VR kann ich die Interessen der Drittaktionäre nicht zur Geltung bringen», so Hälg mit Blick auf seine Rücktrittsdrohung. Die Liste der von Sika ausgemachten Mängel im Deal mit Saint-Gobain ist lang, angefangen bei den zu hoch angesetzten und ungleich verteilten Synergien, bis hin zum scharfen Wettbewerb der beiden Unternehmen in den wichtigsten Wachstumssegmenten Sikas. Und falls sich Sika und Saint-Gobain beide für die gleiche Gesellschaft interessieren: «Wer entscheidet, wer mitbieten darf?», stellte CEO Jenisch in den Raum.

Zug schon angefahren
Eine andere Situation würde sich aus Sicht der Sika-Führung ergeben, wenn Saint-Gobain eine Komplettübernahme anpeilen würde. «Dann würde sich eine industrielle Logik ergeben», so Hälg und Jenisch übereinstimmend. Und auf ihre Rücktrittsdrohung würden sie auch zurückkommen, sagte beide.

Doch dieser Zug ist offenbar schon abgefahren. «Der Verkauf ist gemachte Sache», erklärte Pierre-André de Chalendar, CEO des französischen Bauriesen, an einer anderen Medienkonferenz. Er bekräftigte die bereits am Morgen geäusserte Absicht, keine Übernahmeofferte für die Inhaberaktien zu lancieren, also zu Gunsten der Drittaktionäre, die immerhin 84% des Kapitals halten. Die Aktien von Sika bleiben nach dem Willen von Saint-Gobain an der Schweizer Börse kotiert.

Doch dort hat man sich seine Meinung schon gemacht: Die Sika-Aktien befanden sich im freien Fall und schlossen 22% tiefer bei 3’033 CHF.

Sika sei ein gutes Beispiel dafür, wie wenig kleinere Aktionäre bei Unternehmen mit einem Mehrheitsaktionär eigentlich zu sagen hätten, hiess es im Berufshandel. Und ein Rücktritt, wie es die bislang sehr erfolgreiche Geschäftsleitung androhe, könnte ausserdem zu einer Beeinträchtigung des Tagesgeschäfts führen. (awp/mc/upd/ps)

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