Swissgrid wappnet sich mit Hochdruck gegen mögliche Strommangellage

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Swissgrid-Netzleitstelle in Aarau. (Foto: Swissgrid)

Zürich – Der nationale Stromnetzbetreiber Swissgrid bereitet sich auf einen aussergewöhnlichen Winter vor. Angesichts einer drohenden Mangellage hat er einige zusätzliche Aufgaben zu bewältigen.

Im Kampf gegen einen möglichen Strommangel im Winter arbeite Swissgrid eng mit Partnern im In- und Ausland zusammen, um zu einer zuverlässigen Stromversorgung der Schweiz beizutragen, heisst es vom Schweizer Übertragungsnetzbetreiber. Vergleichbar sei die Situation mit der Feuerwehr, sagte Maurice Dierick, Leiter Market und stellvertretender CEO, am Freitag vor Journalisten.

Eine Feuerwehr wisse auch nicht, wo und wann das nächste Feuer ausbreche. Aber man könne planen, dass man genug Material und genug Leute zur Verfügung habe, die wüssten, was zu tun sei. Auch Swissgrid konzentriere sich darauf, so gut wie möglich auf verschiedene Szenarien vorbereitet zu sein.

Für die verschiedenen neuen Aufgaben seien jedoch erst einmal nicht gross neue Ressourcen aufgebaut worden. Für diesen Winter arbeite Swissgrid mit bestehenden Systemen, sonst wäre die Umsetzung zeitlich nicht machbar gewesen, sagte Dierick. Im Frühjahr 2023 könne man dann genauer analysieren, ob man allenfalls organisatorisch aufstocken sollte.

Wasserkraftreserve notfalls erzwingen
Der Bundesrat plant einen ganzen Strauss an Massnahmen, um die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Energieversorgung zu minimieren. Eine davon ist die Wasserkraftreserve. Ab Oktober können Speicherkraftwerksbetreiber Offerten zum Halten der Wasserreserven gegen Entgelt einreichen. Die Reserve dient zur Sicherung der Stromversorgung in der kritischen Phase gegen Ende des Winters.

Die operative Abwicklung der Wasserkraftreserve hat der Bundesrat Swissgrid übertragen. Man übernehme damit eine neue Rolle, die über den bisherigen gesetzlichen Auftrag hinausgehe, sagte Dierick.

Die Reserve kommt dann zum Einsatz, wenn das Angebot am Markt am Tag vor der Lieferung die Nachfrage nicht mehr decken kann. Der Marktakteur, dessen Nachfrage nicht gedeckt werden kann, meldet seinen Bedarf an Swissgrid. Der Netzbetreiber ruft dann bei den Reserveanbietern die notwendige Reserveenergie ab.

Ob sich genügend Stromproduzenten an der Ausschreibung beteiligen werden, darüber wolle er nicht spekulieren, sagte Dierick auf eine entsprechende Frage. Dass es jetzt regnet und schneit, helfe. Und im Extremfall sehe die entsprechende Verordnung des Bundesrats vor, noch weiter zu gehen. Denn unter bestimmten Umständen gibt es die Möglichkeit, die Kraftwerke zur Reservehaltung zu verpflichten.

Mehr Importe aus Deutschland
Geplant ist auch, dass Swissgrid im Falle einer kritischen Versorgungslage die Kapazität des Übertragungsnetzes erhöht, damit mehr Strom aus dem Norden importiert werden kann. Der Bundesrat hatte bereits im August über diese Option informiert: Die Spannung der Leitungen Bickigen-Chippis und Bassecourt-Mühleberg könnte dann von Januar bis April 2023 vorübergehend von 220 auf 380 Kilovolt erhöht werden.

Swissgrid bereite sich jetzt technisch darauf vor, bei einer drohenden Mangellage die Höchstspannungsleitung Bickigen-Chippis zeitweise mit 380 Kilovolt zu betreiben. Im Dezember soll ein Testbetrieb stattfinden. Die Leitung Bassecourt-Mühleberg habe Swissgrid bereits im Herbst 2021 temporär zu Testzwecken mit einer Spannung von 380 Kilovolt betrieben. Im Falle einer kritischen Versorgungslage sei man daher technisch bereit.

Ausserdem plant der Bund, eine strategische Reserve in Form eines Back-up-Kraftwerks ans Netz zu bringen. Im aargauischen Birr sollen acht mobile Turbinen auf dem Betriebsgelände von GE Gas Power, welche mit Gas, Öl oder Wasserstoff betrieben werden können, ab Februar 2023 einsatzbereit sein. Heute könne er noch nicht sagen, bis wann der Anschluss an das Übertragungsnetz fertig gebaut ist, sagte Dierick.

Netzanschluss in Rekordzeit
Normalerweise dauere ein Netzanschluss mehrere Jahre – auch wegen allfälliger Verfahren im Bewilligungsprozess. Ein solches Projekt in nur wenigen Monaten umzusetzen, ist laut Swissgrid eine enorme Herausforderung. Derzeit müsse etwa bestimmtes Material noch aus dem Ausland geliefert werden, sagte Dierick. Man arbeite aber mit Hochdruck daran, das Reservekraftwerk rechtzeitig ans Übertragungsnetz anschliessen zu können.

Swissgrid ist verantwortlich für die überregionalen Stromtrassen, das so genannte Übertragungsnetz. Die 380-Kilovolt-Leitungen werden grösstenteils für den Import und Export von Strom genutzt; die hohe Spannung ist nötig, um Energie möglichst ohne grosse Verluste über weite Strecken zu transportieren. In das 220-Kilovolt-Netz speisen die grossen Kraftwerke mehrheitlich ihre Energie ein.

Swissgrid muss dafür sorgen, dass das Übertragungsnetz zu jeder Zeit stabil ist, also Produktion und Verbrauch immer im Gleichgewicht sind. (awp/mc/pg)

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