Trinkgeld: So spendabel sind Herr und Frau Schweizer

Trinkgeld
(Photo by Sam Dan Truong on Unsplash)

Diese Frage kennt jede Schweizer Tischrunde. Wie viel Trinkgeld soll es sein? Dabei lautet die Antwort eigentlich: gar keins. Denn seit 1974 gilt hierzulande gesetzlich «Service inbegriffen». Trotzdem zeigen sich die Schweizerinnen und Schweizer mit Trinkgeld spendabel. Schliesslich gilt das Geben von Trinkgeld generell als anständig, insbesondere angesichts der als tief wahrgenommenen Löhne der Dienstleister sowie als Honorierung eines Service, der den Erwartungen entspricht oder diese übertrifft. Wie viel Trinkgeld also kann es sein? Antworten darauf gibt die im Auftrag der Bank Cler durch das Marktforschungsinstitut gfs.bern durchgeführte, repräsentative Umfrage zu Trinkgeld. Die Angaben beziehen sich auf die Spendierfreudigkeit im Inland, aber auch im Ausland, wo oft eben nicht «Service inbegriffen» gilt.

Wer profitiert am meisten vom Trinkgeld?
Hier steht mit Abstand die Gastronomie an der Spitze. Im Restaurant oder in der Bar geben mit 95 % fast alle Schweizerinnen und Schweizer Trinkgeld. Bereits deutlich weniger Trinkgeld wird in der Hotellerie gegeben, die mit 56% Platz zwei der Branchen belegt. Auf Platz drei kommen Dienstleistungen im Bereich Transport mit 55%. Ebenfalls grundsätzlich in den Genuss von Trinkgeldern kommen Dienstleistungen im Bereich Beauty & Wellness (50%), aber auch Dienstleistungen im Bereich Kultur & Kunst (33%). In anderen Situationen geben Herr und Frau Schweizer mit 10% kaum Trinkgeld.

Und bei wem sitzt das Portemonnaie besonders locker?
Spitzenreiter beim Trinkgeldgeben sind Frauen, ältere Personen sowie generell Deutschschweizerinnen und -schweizer. Insbesondere für Dienstleistungen im Bereich Beauty und Wellness, für Kunst und Kultur sowie in der Hotellerie sind Frauen grundsätzlich spendabler als Männer. Dies gilt generell aber auch für Einwohner der Deutschschweiz. Romands zeigen sich in der Hotellerie, beim Transport und bei der Schönheitspflege deutlich zurückhaltender. Am Alter und Einkommen gemessen, wird die Grosszügigkeitsskala branchenübergreifend von Personen ab 65 Jahren angeführt. Generell gilt: Wer mehr verdient – konkret: über 7 000 CHF im Monat –, gibt auch mehr Trinkgeld.

Nur ein geringer Teil der Befragten gibt aus Prinzip kein Trinkgeld
Aufs Prinzip «Service inbegriffen» beruft sich in der Schweiz nur ein geringer Teil der Befragten. Bei den Männern sind es aber doch 4%, die komplett auf das Geben von Trinkgeld verzichten. Bei Frauen ist es nur 1%, das aus Prinzip kein Trinkgeld gibt. Auch hier zeigen sich deutliche Unterschiede in den Sprachregionen: Während es in der Romandie insgesamt 5% der Befragten sind, die partout kein Trinkgeld geben möchten, sind es in der Deutschschweiz nur 2%.

Die Zauberformel: Wie viel Trinkgeld die Schweizerinnen und Schweizer geben
Wie viel Trinkgeld aber gibt man, wenn der Service eigentlich inklusive ist? Die Einwohner der Schweiz wenden hierbei kein einheitliches System zur Bestimmung der Trinkgeldhöhe an. Etwas mehr als die Hälfte gibt an, im Normalfall einen prozentualen Anteil des Preises zusätzlich als Trinkgeld zu geben, am häufigsten sind dies 10%. Rund ein Drittel der Befragten hält es so. Manchmal wird weniger gegeben – knapp ein Fünftel gibt ca. 5% mehr –, aber nur selten wird mehr gegeben. Mehr als 10% Trinkgeld gibt nur ein ganz kleiner Teil der Befragten für Dienstleistungen aus. Interessant ist auch hier die unterschiedliche Kultur in den Sprachregionen: Die Deutschschweizer runden Beträge am liebsten um einen Zehntel auf, die Romands hingegen nur um einen Zwanzigstel.

Welche Dienstleistungen aber werden letztlich mit einem Zustupf honoriert? Die Antwort für fast die Hälfte der Befragten lautet: Der tiefe Lohn der Dienstleister ist für das Trinkgeldgeben entscheidend. Hinzu kommt, dass gut ein Viertel aller Befragten das Geben von Trinkgeld als anständig empfindet. Das Argument des tiefen Branchenlohns ist übrigens für Frauen deutlich entscheidender als für Männer: Hierbei liegt gemäss Befragung der Unterschied zwischen den Geschlechtern bei 12 Prozentpunkten.

Erwartungen müssen nicht übertroffen werden – aber erfüllt
Dass der Service stimmt, ist vielen wichtig. Aber ob der Service die Erwartungen nur erfüllt oder sogar übertrifft, macht für das Trinkgeldverhalten keinen grossen Unterschied: Für 61% der Befragten ist vor allem die Erfüllung der Erwartungen entscheidend. Übertroffene Erwartungen werden von 57% der Befragten mit Grosszügigkeit honoriert. Die Sympathie spielt zudem in der Westschweiz eine grosse Rolle. Für 73% der befragten Romands ist es wichtig, ob ihnen die Dienstleister sympathisch sind oder nicht.

Ein entscheidender Faktor bleibt, dass das Geben von Trinkgeld in der Schweiz einfach zum guten Ton gehört. Vor allem die jüngeren Befragten zwischen 18 und 39 Jahre gaben an, allein aus Anstand ein Trinkgeld zu geben – und dies tun sie nach eigener Aussage vor allem in der Gastronomie. Natürlich ist aber auch wichtig, dass es einem während des Dienstleistungsbezugs gut geht. 60% aller Befragten geben an, dass für sie ausschlaggebend ist, ob sie sich während der Dienstleistung wohl gefühlt haben.

Trinkgeld im Ausland: Ferienluft macht uns nicht spendabler
Ferien wirken sich nicht merklich positiv auf die Spendierfreudigkeit aus. Deutschschweizer geben zu über zwei Dritteln (69%) an, zuhause in der Schweiz und in den Ferien gleich viel Trinkgeld zu geben. In der Romandie geben 70% an, in beiden Situationen gleich spendabel zu sein. Knapp ein Viertel der Romands allerdings gibt lieber zuhause mehr Trinkgeld als im Ausland.

In einem Land, das den «Service inklusive» kennt, ist man dennoch gut im Bild, wie die Trinkgeldregelungen im Ausland aussehen. Über die Hälfte (53%) der Befragten zeigt sich ziemlich bzw. sehr gut informiert. Nur ein knappes Viertel (24%) informiert sich gar nicht über den Umgang mit Trinkgeld in der Feriendestination.

Details zur Umfrage
Die Umfrage ist repräsentativ und wurde vom Marktforschungsinstitut gfs.bern durchgeführt. Erhoben wurden die Branchen Gastronomie, Hotellerie, Transport, Beauty & Wellness sowie Kultur & Kunst. Dabei wurden 501 Einwohner der deutsch- und französischsprachigen Schweiz in den Alterskategorien 18 bis 39, 40 bis 64 und 65+ befragt. Die Befragung fand online über das Online-Panel «polittrends.ch» statt. Alle Angaben gelten bei einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit mit einem Unsicherheitsbereich von ±4,4 Prozentpunkten.

Trinkgeld-Studie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.