Wie sicher sind unsere Renten nach der Krise?

Hans Groth

Dr. Hans Groth, Lehrbeauftragter Demografie und gesellschaftliche Entwicklung Universität St. Gallen (HSG) (Bildmontage Moneycab)

Fachbeitrag Dr. Hans Groth, Lehrbeauftragter Demografie und gesellschaftliche Entwicklung Universität St. Gallen (HSG)*

Der demografische Wandel ist neben dem Umgang mit natürlichen Ressourcen mit Abstand die bedeutendste Herausforderung in den kommenden Jahrzehnten für die Schweiz, für Europa und für die ganze Welt. Beschleunigt durch die Staatsschuldenkrise vieler Industrienationen werden uns die kommenden Jahre mit bisher nicht vorstellbaren Reformen des Sozialstaats und seiner umfangreichen Sicherungssysteme konfrontieren. In einigen EU Staaten hat dieser Umbau bereits begonnen und zwar mit Geschwindigkeit und einem Umfang wie er vor der Finanzkrise noch völlig undenkbar gewesen wäre. Für diese Bewältigung können wir auf keine historischen Erfahrungen zurückgreifen. Umso mehr ist ein ausreichendes Mass an Wissen und Verständnis unabdingbare Voraussetzung, um mit diesem unausweichlichen und einschneidenden Wandel umgehen zu können.

Wer finanziert künftig AHV und IV?
Die Geburtenrate ist in der Schweiz seit Ende der 80er-Jahre mehr oder weniger konstant bei 1.4 Geburten pro Frau. Um die Bevölkerung ohne Einwanderung konstant zu halten, müsste sie bei 2.1 liegen. Gleichzeitig hat die Lebenserwartung allein in den letzten 30 Jahren in der Schweiz für Männer um 6,5 Jahre und für Frauen um 6,2 Jahre zugenommen. Experten gehen davon aus, dass dieser Trend für eine gewisse Phase ungebrochen anhalten wird. Aber wer kann sich überhaupt heute die praktischen Konsequenzen für die Schweiz und das persönliche Leben jedes Einzelnen vorstellen, wenn im Jahr 2050 zwei Erwerbstätige für einen Rentner aufkommen müssen?

Da der demografische Wandel in der menschlichen Wahrnehmung langsam abläuft, ist es nötig, einen genaueren Blick nicht nur auf die unmittelbare Zukunft, sondern auch auf die kommenden 20 Jahre zu richten. Die Prognosen für die Schweiz und ihre Nachbarländer sind eine nicht länger zu leugnende Herausforderung: viele Zusagen von Pensionskassen und sozialstaatlichen Transferleistungen sind allein aus demografischer Sicht mittelfristig nicht mehr solide zu finanzieren. Die neuesten Vorhersagen des Bundesamts für Statistik (BfS) für 2010 bis 2030 prognostizieren, dass die Schweizer Wohnbevölkerung langsam auf über 8 Millionen wachsen wird. Dies trotz anhaltend niedriger Geburtenraten, die aber als Folge einer aktiven Zuwanderungspolitik, zum Beispiel durch hochqualifizierte und produktive Arbeitskräfte aus dem EU-Raum, kompensiert werden. Keines der umliegenden Nachbarländer wird ein solches Bevölkerungswachstum verzeichnen können – Deutschland und Italien weisen sogar ein Minus von 4.5 Prozent (= 3.6 Millionen) beziehungsweise 1.3 Prozent (= 800 000) aus.

Auswirkungen auf die Volkswirtschaft
Bei der UN Population Division geht man davon aus, dass die verfügbaren Arbeitskräfte zwischen 2010 und 2030 In Europa abnehmen werden: z.B. Schweiz – 4,7, Deutschland – 12,9, Italien – 7,2, und Österreich – 4,6 Prozent. Zeitgleich wachsen die 65plus- und 80plus-Altersgruppen um 30 bis 60 Prozent. In der Schweiz wächst bis 2030 die 65plus-Altersgruppe auf 24 und die 80plus-Altersgruppe auf über 7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das sind etwa 2 Millionen Menschen im Pensionsalter gegenüber heute 1,3 Millionen beziehungsweise 611 000 gegenüber 374 000 im Alter von 80 Jahren und älter. Trotz relativ günstiger Gesundheitsprofile und eines vergleichsweise hohen Renteneintrittsalters, im Schnitt über 65 für Männer und 64 für Frauen, ist ein zunehmender Druck auf AHV und IV sowie steigende Staatssubventionen für das Gesundheitswesen unausweichlich. Bleibt alles gleich, muss die Schweiz entweder neue Steuereinnahmen für ihre Sozialwerke erschliessen oder diese mit Krediten finanzieren.

Dies wird mit Sicherheit nicht ohne Folgen für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft bleiben. Momentan weist die Schweiz eine der geringsten OECD-Schuldenraten auf, nur ca. 45 Prozent des BIP. Der Staatshaushalt ist – trotz der europaweiten Staatsschuldenkrise – mehr oder weniger ausgeglichen. Dies bedeutet aber nicht automatisch, dass die derzeit von vielen bewunderte Stellung ewig gehalten werden kann. Die Schweiz ist ein Exportland mit einem Handelsumsatz deutlich grösser als sein BIP. Selbst wenn die Schweiz die Herausforderungen seiner Demografie und Staatsverschuldung infolge Transferleistungen und Einsparungen erfolgreich bewältigt, werden die mittel- und langfristigen Aussichten in hohem Masse auch von externen Kräften gesteuert: von der Weltwirtschaft sowie den wichtigsten Handelspartnern und deren Fähigkeit, ihre Herausforderungen in Sachen Demografie und Schuldenlast erfolgreich anzugehen.

Was ist zu tun?
In Kenntnis der absehbaren demografischen Entwicklung geht es letztlich darum, nachhaltige Optionen für folgendes Szenario zu erarbeiten: «Wie kann die Schweiz eine Steigerung des Lebensstandards und des wirtschaftlichen Wohlergehens gewährleisten?» Japan ist bereits heute mit dieser Situation konfrontiert – mit der weltweit höchsten Überalterung und der weltweit höchsten Staatsverschuldung mit aktuell 193 Prozent des BIP. Die Resultate der Bemühungen der japanischen Politik werden wir bereits in den kommenden Jahren „live“ beobachten können. Die Schweiz hat es in der Hand, dieses Thema „aktiv“ oder gar „proaktiv“ anzugehen.

Drei Handlungsfelder stehen im Vordergrund:

  1. Thematisierung der Problematik und ihre Konsequenzen
    Was geschieht mit der Schweiz, wenn sie sich der Herausforderung Demografie nicht stellt? Welche Verantwortung hat die heute ältere Generation für die Lebensbedingungen nachfolgender Generationen? Ist es verantwortbar, dass die heute jungen Generationen die Altlasten einmal nicht mehr lebender Generationen zu bezahlen haben?
  2. Erhalt der volkswirtschaftlichen Produktivität
    Wenn der Anteil der produktiv tätigen Menschen in einer Bevölkerung zurückgeht und die technologischen Produktivitätsfortschritte weitgehend ausgereizt sind, schrumpft eine Volkswirtschaft zwangsläufig. Abhilfe können hier nur noch zusätzliche produktive Jahre schaffen. Doch woher sollen kommen? Mögliche Szenarien sind:
    – Erhöhung der produktiven Jahre der arbeitenden Bevölkerung.
    – Eine Flexibilisierung der Pensionen. Es kann nicht sein, dass wir immer länger in guter Gesundheit leben und diese zusätzlichen goldenen Jahre als reine Freizeit und Belohnung selbstverständlich konsumieren.
    – Eine Verbesserung der sozialen Strukturen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die die Nutzung der Ressource «Frauen und Berufsleben» ermöglichen.
  3. Anpassung und Ergänzung der Renten- und Pensionssysteme
    Renten- und Pensionssysteme wurden zu einer Zeit konzipiert, als das Verhältnis von produktiver zu pensionierter Bevölkerung noch völlig anders als heute war. Eine kreative und intelligente Anpassung oder Ergänzung der Rentensysteme wird unerlässlich. Wir alle haben es in der Hand zu bestimmen, ob demografische Alterung für uns und unsere Nachkommen ein „Stressfaktor“ wird oder eine „Errungenschaft“ bleibt. Aufgrund der relativen Trägheit unseres politischen Systems und benötigter Dauer für strukturelle Anpassungen unserer Sozialsysteme gilt es jetzt zu handeln.
20. internat. Europa Forum Luzern vom 9. Mai 2011
Wie sicher sind unsere Renten?


Das 20. internationale Europa Forum Luzern stellt vor diesem Hintergrund folgende Fragen in den Mittelpunkt:
  • Welche wirtschaftlichen und demografischen Faktoren sind für die Finanzierung der Altersvorsorge ausschlaggebend?
  • Können der bestehende Generationenvertrag und die gesetzlich verankerten Rentenversprechen längerfristig eingehalten werden? Oder
  • braucht es neue Finanzierungansätze, ein höheres Rentenalter oder gar neue Rentenmodelle? Müssen die Rahmenbedingungen für den Arbeitsmarkt in einer alternden Gesellschaft angepasst werden?
  • Welche Schlüsse gilt es für die Schweiz zu ziehen?
Wie beurteilen nationale und internationale Experten wie

  • Georg Fischer, Europäische Kommission,
  • Hans Groth, Universität St. Gallen,
  • Prof. Bert Rürup, MaschmeyerRürup,
  • Timo Baas, Deutsche Bundesagentur für Arbeit (BA),
  • Willi Turnherr, Mercer Schweiz,
  • Yves Rossier, Bundesamt für Sozialversicherung,
  • Thomas Daum, Schweizerischer Arbeitgeberverband,
  • Martin Flügel, Travail Suisse,
  • Bundesrat Johann N. Schneider Ammann

und viele weitere die Aussichten?

Die ersten vier Anmeldungen per Mail an [email protected] (Stichwort «Europa-Forum») können für 90 CHF (statt 190 CHF) am Anlass teilnehmen. Programm und weitere Informationen: www.europa-forum-luzern.ch

*in Zusammenarbeit mit Mark Trippel, Masterstudent Banking & Financing, Universität St. Gallen (HSG)

id=5]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.