Segantini, der grosse Maler der Berge

Wenn die Augen zu flimmern beginnen und sich Rot mit Grün zu einem schwebenden Gelb vermischen, dann ist es der Pinselstrich Segantinis. Eine Augenweide im buchstäblichen Sinne.

Giovanni Segantini (1858–1899) ist als grosser Maler der Berge und des naturnahen Lebens von Bauern mit ihren Tieren bekannt. In seinem Werk strebte der in Arco am Gardasee geborene und zeitlebens staatenlos gebliebene Künstler immer weiter hinauf in die Höhen. Ein aussergewöhnliches Leben führte ihn von Mailand und der Brianza über Savognin ins Engadin nach Maloja. Sein künstlerisches Wirken ist von der Verehrung der Bergwelt und der Natur bestimmt: »Die Kunst ist die Liebe in Schönheit gehüllt«, lautete sein Credo. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler zeigt Segantini als Wegbereiter der Moderne. In der Nachbarschaft der Sammlungswerke van Goghs, Cézannes und Monets kann sein Œuvre mit den Augen des 21. Jahrhunderts und den Seherfahrungen der Moderne betrachtet und seine Position innerhalb der Kunst des Fin de Siècle neu verortet werden. Zu Lebzeiten ein gefeierter Malerfürst, war Segantini in allen »Secessionen« von Wien über München bis Berlin vertreten wie auch auf der Pariser Weltausstellung (1889) und der ersten Biennale in Venedig (1895). Nach einer Retrospektive im Kunsthaus Zürich (1990) und einer Präsentation zu seinem 100. Todestag in St. Gallen 1999 soll nun ein frischer Blick auf den Maler der Bergwelt geworfen und so sein wertvoller Beitrag zur Entwicklung der modernen Kunst vergegenwärtigt werden.

Farbe so weit das Auge reicht
Die Ausstellung umfasst rund 45 Gemälde und 30 Zeichnungen aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Darunter sind viele selten oder bisher nie öffentlich gezeigte Werke. Sie berücksichtigt die Breite der Motivwelt, alle Bildgattungen und Techniken, die meisterhaften Zeichnungen ebenso wie die panoramaartigen Riesengemälde und nicht zuletzt auch eine Reihe ausdrucksstarker Selbstporträts des Künstlers. Die offenen, lichtdurchfluteten Räume des Museumsbaus von Renzo Piano mit ihren Ausblicken in die reale Landschaft gestatten zudem, Segantinis Naturverehrung Rechnung zu tragen, die in vielerlei Facetten der heutigen Sehnsucht nach reinen »Natur-Räumen« entsprechen. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler setzt mit den beiden Werkgruppen seiner Jugendzeit ein, den während der Ausbildung an der Mailänder Kunstakademie Brera entstandenen Grossstadtszenen und Porträts. Von 1881 bis 1886 lebte Segantini mit seiner Lebensgefährtin Bice Bugatti – der Schwester seines Studienfreundes, des Möbeldesigners Carlo Bugatti – in der norditalienischen Seenlandschaft der Brianza. Hier schuf er in einem an Jean-François Millet geschulten Realismus seine ersten Meisterwerke, so das berühmte Gemälde Ave Maria a trasbordo (Ave Maria bei der Überfahrt, 1886), in dem Religiosität und ländlicher Alltag in Einklang gebracht werden.

Aus der alten Welt
Die nächste Lebensetappe führte die Familie mit ihren gemeinsamen vier Kindern aus der Ebene in die Berge, nach Savognin (1886–1894), wo Segantini die Beschäftigung mit der Kultur des bäuerlichen Lebens weiterentwickelte. Dort entstanden auch die ersten in der Technik des Divisionismus geschaffenen grossformatigen Gemälde der Schweizer Bergwelt.


Costume grigionese, 1887. Öl auf Leinwand, 54 x 79 cm; Segantini Museum, St. Moritz.

Diesen entscheidenden geografischen und künstlerischen Aufbruch belegt die Ausstellung anhand mehrerer Werke, etwa den Gemälden Ritorno dal bosco (Rückkehr aus dem Wald, 1890) und Mezzogiorno sulle Alpi (Mittag in den Alpen, 1891). In Savognin findet Segantini aus einem dunkeltonigen Frühwerk zur Farbe und durch Farbzerlegung von reinen, meist horizontal geschichteten, komplementären Farbstreifen zu einer ungeheuren Lichtintensität. 1894 ist er mit seiner Familie in das noch höher gelegene Dorf Maloja im Engadin weitergezogen. Fasziniert vom ungebrochenen Licht der Hochgebirgswelt und der grossartigen Landschaft, gelangt Segantini im Spätwerk zu neuen Ausdrucksformen für das Wesen der Dinge und für seine Ehrfurcht vor der Schöpfung und der Natur. Zu den bedeutenden Gemälden dieser Zeit zählt Primavera sulle Alpi (Raffigurazione della Primavera) (Frühling in den Alpen [Allegorie des Frühlings], 1897).

»voglio vedere le mie montagne!«
(Ich möchte meine Berge sehen!) Segantinis letzte Worte.

 Beim Malen seiner riesigen Leinwände (bis 235 x 403 Meter) im Freien wird er oft von dem zehn Jahre jüngeren Freund und Schüler Giovanni Giacometti begleitet. Den Höhepunkt im Schaffen Segantinis bildet das berühmte Alpentriptychon (1896–1899), das mit seinen programmatischen Titeln »Werden – Sein – Vergehen« die Menschen und Tiere in den harmonischen Kreislauf der Natur eingebettet zeigt. In der Ausstellung sind spektakulär gezeichnete Versionen des Triptychons zu sehen. Gegen Ende seines Lebens wird Segantini auch durch seine symbolistischen Werke weltberühmt, darunter La Vanità(Die Eitelkeit, 1897). Immer wieder erfuhr der Maler die Bergwelt als irdisches Paradies, und seine Malerei wurdezunehmend lichterfüllter und abstrakter. Die Ausstellung zeigt das Gemälde Paesaggio alpino (Berglandschaft, 1898/99) als eindrückliches Beispiel hierfür. Segantini stirbt 41-jährigund auf dem Zenit seines Erfolges 1899 während der Arbeit am Alpentriptychon auf dem 2731 Meter hohen, verschneiten Schafberg oberhalb von Pontresina im Engadin.


Mezzogiorno sulle Alpi, 1891. Öl auf Leinwand, 77,5 x 71,5 cm; Segantini Museum, St. Moritz.

Herausragende Leihgaben stammen aus der Otto Fischbacher Giovanni Segantini Stiftung, dem Segantini Museum, St. Moritz, der Schweizerischen Gottfried Keller-Stiftung, dem Kunsthaus Zürich und dem Bündner Kunstmuseum, Chur, sowie anderen Museen aus Mailand und den USA sowie zahlreichen Privatsammlungen.

Kuratiert wird die Ausstellung von Diana Segantini, der Urenkelin des Künstlers, Guido Magnaguagno und Ulf Küster.
(fb/mc/th)

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