Elba bewegt

Elba bewegt

Napoleon’s Lebensrhythmus scheint gut zu Elba gepasst zu haben. Immer in Bewegung, aber nie sinnlos hektisch. Die Insel entschleunigt seine Besucher durch Aktivitäten, die Aufmerksamkeit und Ausdauer erfordern. Zu Fuss, mit dem Mountainbike oder tauchend lässt sich der Zauber der Insel bestens entdecken.

Von Helmuth Fuchs

Eines gleich vorneweg: Rennvelos können getrost zu Hause gelassen werden. Die schmalen, kurvenreichen Strassen bieten knapp genügend Raum für den Autoverkehr. Zudem will die Insel nicht durchrast, sondern erfahren werden. Das Mountainbike enthüllt auf schmalen Pfaden und Naturstrassen Szenerien, die existentiell berühren. Manchmal ist sogar das gemächliche Tempo des Wanderers zu schnell, um den Mikrokosmos voll überbordender Farben, Formen und Gerüche gebührend zu würdigen. Was an Land begeistert, setzt sich unter Wasser fort. Um Elba wurde der grösste Unterwasserpark Europas errichtet. Kein Rudeltauchen, sondern einsames Schweben im Reich farbiger Korallen, scheuer Muränen, filigraner Langusten, imposanter Barsche und Millionen von Schwarmfischen.

Eine Grotte für Verliebte, ein Paradies für Lepidopterologen
Die Insel bewegt sich im Rhythmus des Meeres und der Sonne. Schnell wechselnde Winde aus allen Himmelsrichtungen sorgen auch an heissen Tagen meist für etwas Abkühlung (Libeccio aus SW, Scirocco aus SO, Maestrale aus NW, Tramontana aus N). Während unseres Aufenthaltes zeigt sich das Wetter von seiner besten Seite und auch die Tagestemperaturen erreichen Mitte Mai schon 20 Grad und mehr. Beste Bedingungen für Wander- und Mountainbike-Touren. Jeanette und Gabriele vom Camping Valle Santa Maria (Lacona) kennen die schönsten und geheimsten Ecken der Insel. Von Procchio wandern wir nach Biodola durch dichte Macchia, Pinienwälder, Kastanien- und Olivenhaine, Eichenbestände, an stillen Buchten, hellen Sandstränden vorbei, durch eine Grotte mit einer speziellen Terrasse (wie sollte es anders sein) für Verliebte. Elba fordert fast an jeder Biegung, an jeder Ecke ein kurzes Innehalten. Immer gibt es etwas Spezielles zu entdecken, bestaunen, beschnuppern. So dauert die gemütliche Wanderung gute drei Stunden.

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Obschon die Hauptblütezeit für die über fünfzig verschiedenen Orchideenarten auf Elba schon vorüber ist, kommen die Sinne nicht zu kurz. Zistrosen, Ginster, Seidelbast, Lavendel, Mastix, Lorbeer oder Myrte sorgen abwechselnd für Farb- und Geruchsexplosionen am Wegrand. Elba ist zudem ein Paradies für Lepidopterologen (Schmetterlingsforscher). Die Vielfalt ist in Europa einzigartig und zahlreiche Arten existieren nur auf Elba oder den umliegenden Inseln. Ein anderer prominenter Bewohner der Macchia ist das Wildschwein, das wir aber ebenso wenig zu Gesicht bekommen wie die Wildschafe und Wildziegen. Dafür entschädigt uns die ständig wechselnde Szenerie mit Meer, Macchia und Wäldern. Vorbei am einzigen Fünfsterne-Hotel der Insel, dem Hermitage in Biodola, führt uns der Weg ans andere Ende der Bucht, wo wir direkt am Strand die Wanderung mit einem kleinen Imbiss beenden.

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Überbordende Vielfalt in stiller Schwerelosigkeit
Der nächste Morgen gehört dem Meer und der Luft aus der Flasche. Mit Flavio Crivellaro und seinem eleganten Holzboot „Baiarda“ schippern wir zur Isola Corbella die am Südende des Capo di Stella liegt. Eigentlich sind es nur einige karge Felsblöcke, die einem Schiff genügend Schutz vor Wind und Wellen bieten. Zudem dienen sie als Raststätte für einige Möven und andere Vogelarten. Das wahre Leben spielt sich hier jedoch unter der Wasseroberfläche ab. Also rein in den sieben Millimeter dicken Halbtrockenanzug (das Minimum bei 16 Grad Wassertemperatur in der Tiefe), Tauchgerät vorbereiten und überprüfen und dann mit einem Sprung vom Boot eintauchen in die faszinierende Unterwasserwelt. Letzte Überprüfung der Ausrüstung an der Ankerkette auf fünf Metern und dann langsames Abgleiten in die Tiefe. Vorbei an blühenden Korallengärten, pinkfarbenen Gorgonien, gelben Krustenanemonen mit idealen Verstecken für die zahlreichen Riffbewohner. Flavio kennt hier jeden Millimeter und fast jeden Meeresbewohner persönlich. Zielsicher steuert er auf kleine Felsspalten zu und erhellt mit der Unterwasserlampe farb- und formenreiche Lebensräume. Muränen, Sardinen, Langusten, Goldstriemen, Zahnbrassen (Dentrice) oder Fahnenbarsche, nichts bleibt ihm verborgen. Auf 38 Metern erreichen wir den Grund der Verbindung zwischen der Isola Corbella und dem Festland. Alles ist bedeckt mit einem hellen, flaumigen Algengespinst, wie in einem verwunschenen Unterwasserwald. Durch einen engen Felskamin hindurch tauchen wir langsam wieder auf und machen uns auf den Rückweg. Ein letzer Sicherheitsstopp an der Ankerkette auf fünf Metern, umgeben von tausenden neugierigen Schwarmfischen. Auf dem Boot ein wärmender Tee und die nachklingende Sehnsucht nach dieser stillen Schwerelosigkeit inmitten einer überbordenden Lebensvielfalt.


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Anhaltende Adrenalinquelle und ein Mahnmal der Vergänglichkeit 

Den Nordosten der Insel rund um Carvo erkunden wir zusammen mit Michele Cervellino von der MTB Elba Tour per Mountainbike. Die von ihm zu Verfügung gestellten Bikes sind perfekt auf die Tour abgestimmt und in hervorragendem Zustand (Cannondale und Whistle). 29 Zoll Hardtail Räder mit speziell robusten Pneus, Scheibenbremsen, Shimano XT-Schaltungen. Ein erster von vielen Höhepunkten der Tour ist, nach einem Aufstieg durch teilweise bachbettartige Rinnen und auf schmalen Wegen, ein verlassener Turm, der im 8. Jahrhundert erbaut, dann zwischenzeitlich als Familiengruft eines Erzbarons genutzt wurde und heute als Mahnmal der zeitlich begrenzten Dauer ein Dynastie dient.


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Die Tour ist das Ergebnis Michele’s tage- und wochenlanger Versuche, Irrfahrten, Enden in Sackgassen. Deshalb geben wir hier die Strecke nicht bekannt, eines der Geheimnisse, die sich aber leicht vor Ort lüften lassen. Der Eisenabbau hat teilweise marsähnliche Flecken hinterlassen mit Tümpeln und kleinen Seen voll rostrotem Wassers das aussieht, als blute die Erde immer noch. In einer weiten Schlaufe führt der Trail in der Umgebung von Carvo durch Macchia, Pinien- und Kastanienwälder und parkähnliche Olivenhaine hoch zu atemberaubenden Aussichtspunkten, runter ans Meer und wieder rauf zum nächsten Naturspektakel. Michele, selbst ein begnadeter Mountainbiker mit einer Vorliebe für rasante Abfahrten auf kaum meterbreiten Andeutungen von Pfaden passt Tour und Tempo perfekt an unser Können an. Seine Tipps und technischen Hinweise führen bei uns zu einer schnellen und steilen Lernkurve, so dass wir die Tour mit einem Rest von Würde beenden können. Das Adrenalin wirkt nach den 21 Kilometern und 635 Höhenmetern noch lange nach, lässt Strapazen vergessen und weckt die Lust auf mehr. Kleiner Bikertipp: Der coolste, optisch unbequemste und zum Fahren bequemste Sattel den ich bis jetzt gefahren bin: Der „un-Saddle“.


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Ci vediamo
Elba lässt niemanden unberührt. Die lange, bewegte Geschichte, die durch weitläufige Schutzgebiete geschonte Flora und Fauna und vor allem die Menschen, welche der Insel ihre Prägung von entspannter Beflissenheit und unaufdringlicher Herzlichkeit geben, alles nimmt mich nachhaltig ein für die Insel. Italien mit seinen politischen und finanziellen Schwierigkeiten ist so weit weg, wie die Italianità als positives Lebensgefühl allgegenwärtig ist. Während Napoleon 300 Tage vergönnt waren, um die Insel zu erkunden und seine Geschichte nachhaltig zu beeinflussen (04. Mai 1814 bis 26. Februar 1815), müssen wir nach 3 erlebnisreichen Tagen die Rückreise antreten. Versprechen, in der Euphorie geboren, haben meist eine kurze Lebensdauer. Dass alle, die wir an der Reise teilnahmen, wieder kommen werden ist kein Versprechen, sondern ein tiefer Wunsch: Ci vediamo.

Diese Reise wurde unterstützt von Camping Valle Santa Maria und Intersky.
Copyright aller Bilder: Helmuth Fuchs, 2014

Adressen / Links:

Praktische Informationen & Hinweise der Elba-Kennerin und -Liebhaberin Vanessa Bay

Anreise

  • Flug: Im Frühling, Sommer und Herbst mit InterSky ab Zürich. Zwischen 12.4. und 18.10. jeweils am Samstag, zw. 14.5. und 18.10. zusätzlich am Mittwoch. Verbindungen ab Bern mit Skywork zw. 3.5. und 18.10. jeweils samstags, zw. 18.5. und 19.10. zusätzlich sonntags, zw. 28.5. und 30.7. zusätzlich mittwochs und zw. 5.9. und 10.10. zusätzlich freitags.
  • Auto: Mit dem Auto ca. 700 km bis Piombino. Anschliessend Fährüberfahrt nach Portoferraio (hier fahren die meisten Fähren hin), Rio Marina oder Cavo (jeweils ca. 1 Stunde) mit Moby LinesToremarBlu Navy und Elba Ferries.
  • Zug: Anreise per Bahn bis Piombino, Bahnhof ist direkt am Hafen, von dort weiter mit Fähre.

Unterkunft

Spezialist für Wanderferien auf Elba
Imbach Reisen aus Luzern hat sich auf die Organisation und Durchführung von weltweiten Wanderferien spezialisiert. Die Wanderreisen auf Elba werden in Gruppen oder individuell angeboten. Der Schweizer Reiseveranstalter gehört zur Twerenbold Reisen Gruppe. Telefonnummer: +41 (0)41 418 00 00, Website:www.imbach.ch

Restaurants
Persönlichen Favoriten

Weitere

Minen
Gute Adresse, um mehr über die Minen zu erfahren: www.minieredicalamita.it

Tourismus generell

Rund um Napoelon: http://www.napoleoneimperatoreelba2014.it/de/

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