Das Maderanertal: Die wilde Schönheit in der Innerschweiz

Das Maderanertal: Die wilde Schönheit in der Innerschweiz
Maderanertal (Foto: Helmuth Fuchs, 2020)

Bristen – Ins Maderanertal muss man wollen. Es liegt zwar zentral in der Innerschweiz, die meisten sausen aber auf dem Weg in den Süden an Amsteg, dem Einstiegsort in dieses faszinierende Tal, vorbei. Für einmal ändern wir unsere Routine und nehmen die Abzweigung zur wilden Naturschönheit. Soviel vorneweg: Null Reue.

Zum Start unserer Sommertour haben wir uns vorgenommen, das Tal, von dem wir schon so viel Schwärmerisches gehört haben, für einmal nicht links liegen zu lassen, sondern links nach Amsteg abzuzweigen. Das Tal will erobert werden, schon die Fahrt nach Bristen ist ein Abenteuer mit unserem Steyr. Schmale Strassen, die kein Kreuzen erlauben, unübersichtliche steile Kehren, Felswände, welche bedrohlich nahe an die Kabinenwand rücken. Zum Glück setzen entgegenkommende kleinere Fahrzeuge anstandslos zurück und grösseren, die uns zum Rückwärtsfahren gezwungen hätten, begegneten wir nicht (Seufzer der Erleichterung sind immer noch im Tal hörbar).

In Bristen finden wir direkt am Chärstelenbach und in der Nähe der Luftseilbahn Bristen-Golzern einen perfekten Stellplatz.

Die Luftseilbahn würde den Wanderern die ersten 560 Höhenmeter ersparen. Würde, weil die Bahn wegen Corona geschlossen bleibt. Das reduziert die Anzahl der Menschen, welche uns auf der Wanderung während des ganzen Tages begegnen, auf eine Hand voll. Zudem findet der Anstieg durch eine atemberaubende Blütenpracht statt. Wiesen mit Margeriten so dicht gepackt, dass man glaubt, ein Hauch von Schnee liege noch auf den Hängen.

Von der Bergstation der Golzernbahn führt der Weg mit nur wenig Steigung über den Weiler Hüseren nach Seewen, wo wir uns im Berggasthaus Edelweiss mit einer Käseschnitte (lokaler Alpkäse) für den Rest der Wanderung stärken. Die Pracht und der Reichtum an Kräutern und Pflanzen ist dermassen überwältigend, dass man alle paar Meter nicht anders kann, als inne zu halten, zu staunen, riechen und fotografieren.

Nach Seewen steigt der Weg wieder an und führt von gut 1’400 Metern über Meereshöhe bis zum Kreuzungspunkt auf 1’880 Metern, mit fantastischem Blick auf den Golzerensee und talauswärts zum Bristen. Dort kann man rechts weiter in Richtung Öfeli und Tritt (unsere Variante), oder hoch zur Windgällenhütte. Die Hütte lassen wir aus, sie wäre aber eine gute Möglichkeit zur Übernachtung, um von hier aus weitere Touren zu unternehmen, zum Beispiel zur Chli Windgällen (anspruchsvolle, nicht markierte alpine Bergwanderung (T6). Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und ein gutes Orientierungsvermögen sind ein Muss) oder zur Hüfihütte.

Je weiter nach hinten man in das Tal gelangt, desto wilder, ursprünglicher wird die Landschaft. Die sanften Wiesen sind von stotzigen Geröllhalden und trutzigen Felswänden verdrängt, Reste von Schneefelder und weiter oben Eisfelder und wolkenverhangene Gipfel lassen den Betrachter leicht erschauern. Wer diesen Kräften und Bildern ausgesetzt ist versteht, weshalb Religion bei der Bergbevölkerung eine so markante Rolle spielt. Ohne eine Macht, welche Schutz bietet und Hoffnung darauf, dass auch das nächste Unwetter die eigene Existenz nicht beendet, ist ein Leben mit solchen Urgewalten nur schwer vorstellbar.

Beim Tritt, auf 1744 Metern Höhe beginnen wir mit dem Abstieg und bald danach mit der Rückkehr. Über das Sass kommen wir auf die Balmenegg. Dort steht das Berghotel Maderanertal. Die Lage könnte nicht besser sein. Auf einer Felskuppe am Ende des Tals bietet sich eine traumhafte Aussicht über die gesamte Landschaft. Da das Hotel geschlossen ist, können wir zum Angebot der Küche und der Innenausstattung nichts sagen.

Die Gebäude selbst sind ziemlich scheusslich und in einem eher erbärmlichen Zustand. Das 1864 erbaute Hotel erlebte einen schnellen Aufschwung, wurde nach dem ersten Weltkrieg zum luxuriösen Kurhotel. Nietzsche war zu Gast, der Zürcher Alpenforscher Albert Heim verbrachte mehrere Sommer im Hotel Maderanertal. Nach mehrfachen Besitzerwechseln ist davon heute nicht mehr viel zu sehen. Eine Kandidatin für „lost places“, auch wenn die neuen Besitzer sich seit zehn Jahren bemühen, mit Spenden die Anlage wieder zu sanieren.

Dem Gesamteindruck der wilden Schönheit des Maderanertals tut dies jedoch keinen Abbruch. Wir geniessen die letzten knapp fünf Kilometer auf dem sehr schön angelegten Pfad entlang dem rauschenden und zischenden Chärstelenbach zurück nach Bristen. Wanderung: 17.5 Kilometer, 1120 Höhenmeter.


Nächste Etappe: Kühler St. Gotthard, heisse Tremola

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