SGB gegen mehr Sonntagsarbeit und Verlängerung der Arbeitstage
Bern – Der Schweizerische Gewerkschaftsbund sieht sich vor einer Schwächung der Sozialpartnerschaft. Als besondere Herausforderungen wurden an der Jahresmedienkonferenz vom Dienstag in Bern der mangelnde Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz und die unzureichende Lohnentwicklung genannt.
Pierre-Yves Maillard, Präsident des Gewerkschaftsbunds (SGB) sprach von einem problembehafteten und «sehr wichtigen Jahr» für die Entwicklung der Arbeitswelt in der Schweiz. Dabei stünden mit den ansteigenden Krankheitsfällen am Arbeitsplatz und der problematischen Lohn- und Arbeitszeitentwicklung zwei fundamentale Themen im Vordergrund.
«Wir stellen mit Bedauern fest, dass die Sozialpartnerschaft im vergangenen Jahr an Kraft verloren hat», so Maillard. Er bezeichnete die vom Nationalrat beschlossene Ausweitung der Sonntagsarbeit sowie die Verlängerung der Arbeitstage auf 17 Stunden als «Angriffe auf den Arbeitsplatz Schweiz».
Starker Anstieg an Krankheitsausfällen
Löhne und Einkommen seien nur ein Aspekt der problematischen Entwicklung, sagte SGB-Co-Sekretariatsleiterin Gabriela Medici. Krankheitsausfälle am Arbeitsplatz würden im dramatischen Ausmass ansteigen. Und erstmals seit 20 Jahren sei das Invaliditätsrisiko wieder angestiegen.
Man kenne nicht alle Ursachen dieser Entwicklung, wisse aber, dass der Arbeitsplatz und das Qualifikationsniveau eine wichtige Rolle spielten, so Medici weiter. Als «besorgniserregend» bezeichnete sie, dass die Arbeitgebenden das Problem zwar erkennen, sich aber gegen Verbesserungsmassnahmen sperren würden.
Nötig seien ausreichend Personal, verlässliche Arbeits- und Ruhezeiten sowie die konsequente Durchsetzung des im Arbeitsrecht verankerten Gesundheitsschutzes. Heute würden Arbeitgebende nur alle 20 Jahre kontrolliert, neu müsse dieser Rhythmus auf zwei Jahre verkürzt werden.
Einkommens- und Kaufkraftproblem
SGB-Chefökonom Daniel Lampart kam schliesslich auf die nach Gewerkschaftssicht unzureichende Lohnentwicklung zu sprechen. Trotz guter Wirtschaftslage seien die Reallöhne seit Jahren kaum gewachsen, was sich nicht zuletzt in einer verschlechterten Konsumentenstimmung niederschlage.
Wegen der negativen Preisentwicklungen durch höhere Krankenkassenprämien und Mietpreise habe sich seit 2020 ein Reallohnrückstand von rund fünf Prozent aufgebaut, so Lampart weiter. «Für ein Paar mit mittlerem Einkommen hat dies ein Minus von rund 6000 pro Jahr zur Folge.»
Angebracht seien substanzielle Lohnerhöhungen, besonders für untere und mittlere Lohnklassen, um einen Reallohnverlust zu verhindern. Der SGB sehe sich aber einem Arbeitgeberverband gegenüber, der «knallhart» nur für sich schaue. Gefordert sei vielmehr eine sozialere Lohn- und Verteilungspolitik, um den Nutzen für die Menschen im Land im Auge behalten zu können.
Rezepte von Economiesuisse
An einer ebenfalls am Dienstag anberaumten Medienkonferenz bewegte sich der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse in eine andere Richtung. Dort war von einer Erhöhung der Produktivität am Arbeitsplatz die Rede, von neuen Arbeitszeitmodellen mit längeren Arbeitszeiten bei allenfalls kleineren Pensen. Ausserdem wurden höheren Löhne des Staats gegenüber der Privatwirtschaft angeprangert. (awp/mc/ps)