Zwischen Flucht und Forschung

Zwischen Flucht und Forschung
Das Thema «Soziale Inklusion» beschäftigt Halyna Tsyhanenko nicht nur persönlich, sondern ist zentral in ihrer Forschungsarbeit. (Foto: Universität Basel, Serah Saner)

Basel – Dr. Halyna Tsyhanenko flüchtete 2022 aus der Ukraine in die Schweiz. Hier Fuss zu fassen war eine Herausforderung. Mit der Unterstützung des internationalen Netzwerks «Scholars at Risk» (SAR), fand sie für zwei Jahre an der Universität Basel einen Ort, an dem sie ihre sozialpsychologische Forschung fortführen konnte. Im Gespräch berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Interview: Lara Uebelhart

Halyna Tsyhanenko, Sie waren in der Ukraine akademisch und sozial sehr engagiert, bis Sie vor fast vier Jahren das Land verlassen mussten. Können Sie uns schildern, wie Sie die Zeit Ihrer Flucht erlebt haben?

Halyna Tsyhanenko: Bis zum 24. Februar 2022 lebte unsere kleine Familie in Kyjiw. Als Russland den Krieg begann, war unsere Stadt das Hauptziel der russischen Besetzung und ist es bis heute. Von Anfang an war klar, dass dies eine ziemlich gefährliche und beängstigende Situation für ein Kind war und wir das Land verlassen mussten. Mein Rucksack war bereits gepackt, weil meine Studierenden und ich zu diesem Zeitpunkt das Gefühl hatten, dass eine Invasion kurz bevorstand. Als es losging, verbrachten wir ein paar Tage in einem Schutzraum unserer Kirche, bevor der Pate meiner Tochter uns half, in den Westen der Ukraine zu ziehen. Am 4. März 2022 verliessen wir schliesslich das Land – mit meiner vierjährigen Tochter in der einen und meiner 14-jährigen Katze in der anderen Hand sowie einem kleinen Rucksack mit Medikamenten und Essen.

Was hat Sie dann in die Schweiz gebracht und wo konnten Sie zunächst unterkommen?

Zuerst überquerten wir die Grenze nach Polen. Wir verbrachten drei Tage in Warschau, bevor ich mich entschied, ein Angebot eines ehemaligen Kollegen aus der Freiwilligenarbeit anzunehmen, der eine Gastfamilie für uns in Basel gefunden hatte. Zweieinhalb Monate lang stellten sie uns einen Teil ihres Hauses zur Verfügung. Als ich dann Arbeit und eine eigene Unterkunft gefunden hatte, zogen wir aus, aber wir sind ihnen noch immer dankbar für all die Hilfe, die sie uns geboten haben.

Wie sah Ihr Leben aus, als Sie frisch in Basel angekommen sind?

Zunächst bin ich der Ukrainischen Gesellschaft der Schweiz beigetreten. In dieser treffen sich Ukrainerinnen und Ukrainer in Gruppen und tauschen Informationen über Kleidung und Lebensmittel sowie Bildungsmöglichkeiten aus. Über die Mailingliste der Ukrainischen Gesellschaft erfuhr ich dann vom Programm «Scholars at Risk», für das ich mich direkt bewarb. In den ersten zwei Jahren hier habe ich aber auch noch als Professorin für die Universität in Krywyj Rih Online-Vorlesungen gehalten. Eine Woche nach meiner Ankunft habe ich ausserdem eine wöchentliche Selbsthilfegruppe für ukrainische Geflüchtete in Basel gegründet. Das war nicht nur für die ukrainischen Menschen wichtig, sondern auch für mich. Ich hatte Schuldgefühle, weil ich mein Land verlassen hatte. Die Selbsthilfegruppe hat mir geholfen, meine Identität als Psychologin, Psychotherapeutin und Forscherin wiederzuerlangen.

Was ist dann passiert, als Sie sich für «Scholars at Risk» beworben haben?

Es war eine grossartige Gelegenheit, mich über dieses Netzwerk für ein Projekt zu bewerben und eine Förderung zu erhalten. «Scholars at Risk» gab mir die Möglichkeit, meine Arbeit als Forscherin fortzusetzen, was ein grosses Glück war. Prof. Hedwig J. Kaiser und Prof. Rainer Greifeneder, beide von der Universität Basel, boten mir eine Stelle für ein Jahr an, die später um weitere zehn Monate verlängert wurde, sodass ich ein Projekt über ukrainische Geflüchtete in der Schweiz durchführen konnte.

Erzählen Sie uns mehr über dieses Projekt. Was konnten Sie mit Ihrem Hintergrund dazu beitragen?

In Zusammenarbeit mit Professor Greifeneder konzentrierte sich unsere Forschung auf die soziale Ausgrenzung ukrainischer Geflüchteter hier in der Schweiz. Ich war die einzige Person in der Forschungsgruppe, die deren Sprache verstand, und die Studie wurde ja mit ukrainischen Personen durchgeführt. Also haben wir einen neuen Fragebogen zum Thema soziale Ausgrenzung und institutionelles Vertrauen für ukrainische Geflüchtete in der Schweiz in ihrer eigenen Sprache erstellt. Anfangs war ich neugierig, warum Professor Greifeneder überhaupt eine Studie über soziale Ausgrenzung durchführen wollte, da mir dieses Problem sehr fern erschien. Seit meiner Ankunft hier habe ich nur Unterstützung und positive Interaktion erfahren. Bisher waren alle freundlich und schenkten mir viel Aufmerksamkeit. Ich habe jedoch schnell verstanden, dass es ein weit verbreitetes Phänomen ist, dass Einheimische Schwierigkeiten haben, Fremde zu akzeptieren. Aber auch für «die Fremden» ist es nicht einfach, sich zu integrieren und die neue Kultur und ihre Regeln zu verstehen, die oft nirgendwo schriftlich festgehalten sind.

Was waren die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Untersuchung?

Die Ukrainer und Ukrainerinnen fühlen sich hier vor allem aufgrund der Sprachbarriere, ihres befristeten Aufenthaltsstatus und der unsicheren Lage durch den Krieg sozial ausgegrenzt. Ausserdem haben sie Schwierigkeiten, Arbeit zu finden. Laut Gesetz haben sie zwar Zugang zum Arbeitsmarkt, aber in Wirklichkeit wollen nur wenige Arbeitgebende jemandem mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung eine Stelle anbieten. Ich habe jedoch auch festgestellt, dass sich manche Menschen sehr willkommen fühlen und es durchaus Möglichkeiten gibt, einen Job zu finden. Die Tendenz in meiner Studie zeigte, dass diejenigen, die nicht nur nach Informationen, Empathie oder sozialer Unterstützung suchten, sondern selbst aktiv wurden und Herausforderungen bewältigten, widerstandsfähiger waren. Viele von ihnen fanden so einen Job.

Das Projekt mit «Scholars at Risk» ist vor einiger Zeit zu Ende gegangen. Was sind nun Ihre Pläne?

Nach Abschluss des Programms habe ich mit der Unterstützung des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums begonnen, Deutsch zu lernen und nach Stellen zu suchen. Ausserdem habe ich meinen Psychologieabschluss in der Schweiz anerkennen lassen. Derzeit arbeite ich an der Analyse meiner Forschungsergebnisse und bereite deren Publikation vor. Dieses Jahr werde ich an der Generalversammlung der «European Association of Social Psychology» in Strassburg sowie an einer Konferenz in Barcelona teilnehmen, um die Ergebnisse der Studie vorzustellen. Ich habe immer noch Kontakt zu Professor Greifeneder, was sehr schön ist. Es wäre toll, an die Fakultät für Psychologie oder generell an die Universität Basel zurückzukehren.

Welche Erfahrungen oder Haltungen haben Ihnen persönlich geholfen, sich ein neues Leben aufzubauen?

Es ist sehr wichtig, eigene Grenzen zu haben, denn das gibt einem Halt. Aber man muss sich auch bewusst sein, dass man als Weltbürgerin immer noch Teil einer grösseren menschlichen Gemeinschaft ist. Ich leite zum Beispiel hier in Basel eine ukrainische Pfadfindergruppe, und einmal, als wir unsere ukrainischen Pfadi-Uniformen trugen, fragte uns jemand, warum wir nicht einfach der Schweizer Pfadi-Organisation beitreten würden, anstatt unsere eigene Gruppe zu gründen. Ich antwortete: «Weil ich Ukrainerin bin.» Unsere Kultur ist tief verwurzelt. Das bedeutet aber nicht, dass ich die Schweizer Kultur nicht akzeptieren kann. Ich lerne zum Beispiel gerne Deutsch. Aber ich respektiere meine Kultur und deshalb respektiere ich auch andere Menschen und ihre Kultur. Es ist wichtig, dass wir die Vielfalt innerhalb einer Gemeinschaft verstehen und zusammenarbeiten. (Universität Basel/mc/ps)

25 Jahre Scholars at Risk
Seit 25 Jahren setzt sich das internationale Netzwerk Scholars at Risk für Forschende ein, die sich in politischen Konfliktsituationen befinden, in denen ihre wissenschaftliche Tätigkeit, ihre Meinungsfreiheit und ihre Menschenrechte gefährdet sind. Unter den 40 Partnerinstitutionen befindet sich auch die Universität Basel, die den betroffenen Forschenden ermöglicht, ihre akademische Arbeit weiterzuführen.
Universität Basel

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