Marc Werner, CEO Galenica, im Interview
von Patrick Gunti
Moneycab.com: Herr Werner, Galenica hat 2025 den adjustierten EBIT um 11,3% auf 234,8 Mio Franken gesteigert. Was waren die entscheidenden Hebel hinter diesem Ergebnis?
Marc Werner: Das Ergebnis zeigt, dass unsere strategische Ausrichtung greift. Wir sind in allen Geschäftsfeldern gewachsen und haben damit die Grundlage für die höhere Profitabilität geschaffen. Gleichzeitig haben wir die Kosteneffizienz weiter verbessert, insbesondere bei den Personalkosten. Positive Sonderfaktoren haben das Ergebnis zudem unterstützt.
Der operative Cashflow lag mit 245,7 Mio Franken deutlich über Vorjahresniveau. Wie viel davon ist auf strukturelle Verbesserungen zurückzuführen, und wie viel auf temporäre Effekte?
Das Wachstum wurde getrieben durch das gute Ergebnis, aber auch durch einen strikten Fokus auf das Nettoumlaufvermögen. Hier konnten erfreulicherweise in den Verhandlungen mit Lieferanten attraktivere Zahlungsziele vereinbart werden, was unser Nettoumlaufvermögen nachhaltig entlastet.
Sie haben Ihre Mittelfrist-Guidance für den EBIT angehoben. Welche strukturellen Trends im Schweizer Gesundheitsmarkt geben Ihnen so viel Vertrauen?
Der Schweizer Gesundheitsmarkt bleibt stark reguliert. Wachstum entsteht nicht von selbst und wir haben in den letzten Jahren unsere Hausaufgaben gemacht. Die Anpassung unserer Mittelfrist Guidance widerspiegelt das. Etwa die Akquisition von Labor Team, den erwarteten Abschluss der Modernisierung der Systeme in Wholesale und Logistik sowie die Fokussierung im Bereich Home-Care. Diese Schritte machen Galenica widerstandsfähiger und fit für die Zukunft.
«Der Schweizer Gesundheitsmarkt bleibt stark reguliert. Wachstum entsteht nicht von selbst und wir haben in den letzten Jahren unsere Hausaufgaben gemacht. Die Anpassung unserer Mittelfrist Guidance widerspiegelt das.»
Marc Werner, CEO Galenica
In Galenica-Apotheken wurden über 368’000 Gesundheits- und Beratungsdienstleistungen erbracht, darunter 93’000 Impfungen. Wie verändert sich die Rolle der Galenica-Apotheke als Institution?
Der Hausärztemangel und überlastete Notfallstationen erhöhen den Bedarf an niederschwelligen Angeboten. Apotheken sind gut zugänglich, kosteneffizient und haben sehr gut ausgebildetes Personal. Das ist ein enormer Hebel für die Gesundheitsversorgung. Und die Rolle der Apotheke in der Grundversorgung wird weiter an Wichtigkeit zunehmen, etwa mit dem geplanten Ausbau der Kompetenzen bei Impfungen, Prävention und Therapietreue. Wir haben diese Entwicklungen früh erkannt und bieten schon heute in allen Apotheken Beratungen für Gesundheitsfragen an.
Mit Kooperationen mit Versicherern wie Helsana und KPT werden Beratungsleistungen künftig teilweise vergütet. Erwarten Sie dadurch einen strukturellen Ausbau der pharmazeutischen Dienstleistungen?
Wir arbeiten schon lange eng mit verschiedenen Krankenkassen zusammen. Die Kooperationen werten die Beratungsleistungen auf und machen sie für mehr Menschen zugänglich. Wenn diese Leistungen von der Grundversicherung übernommen werden, sinkt die Hürde deutlich. Und je einfacher Beratungen digital gebucht werden können, desto stärker werden sie genutzt. Deshalb setzen wir auf Online-Terminbuchung und Kooperationen mit Gesundheitsapps wie Well oder Compassana.
«Der durchschnittliche Warenkorb pro «Beratung plus»-Dienstleistung liegt bei rund 80 Schweizer Franken – ein Drittel davon fällt auf die Beratung, zwei Drittel auf die gekauften Produkte.»
Im Verlauf des Jahres wird das Angebot «Beratung plus» flächendeckend in allen Apotheken des Netzwerks verfügbar sein. Was beinhaltet es – und wie stark könnte dieses Servicegeschäft künftig zum Umsatz der Apotheken beitragen?
Schon heute bieten all unsere Apotheken kostenpflichtige Beratungen an. Das spezifische Format «Beratung plus» mit der breiten Palette an Beratungsangeboten und der Möglichkeit zur Online-Terminvereinbarung werden wir bis Ende Jahr von aktuell 80 Standorten auf alle Apotheken erweitern. Das Wachstumspotenzial ist gross: Der durchschnittliche Warenkorb pro «Beratung plus»-Dienstleistung liegt bei rund 80 Schweizer Franken – ein Drittel davon fällt auf die Beratung, zwei Drittel auf die gekauften Produkte.
Die Nutzung von Click & Collect sowie der neue Rezepte-Manager wachsen. Wie stark verändert die Digitalisierung das klassische Apothekengeschäft?
Unsere Kundinnen und Kunden sind schon heute sehr digital: Sie informieren sich zu 80 Prozent online bevor sie sich in einen physischen Verkaufskanal bewegen. Aus anderen Branchen sind sie sich durchgängige Online-Offline-Erlebnisse gewohnt und erwarten auch im Gesundheitsbereich zunehmend durchgängige Online-Offline-Erlebnisse. Der Rezepte-Manager ist ein gutes Beispiel dafür: Damit können Kundinnen Rezepte online verwalten und Medikamente einfach nachbestellen und nach Hause liefern lassen oder in der Apotheke abholen. Für uns ist entscheidend, beides sinnvoll zu verbinden. Digitale Angebote vereinfachen den Zugang und Prozesse, während die persönliche Beratung vor Ort gerade bei Gesundheitsfragen zentral bleibt.
Mit der Übernahme der Labor Team Gruppe ist Galenica in das Diagnostikgeschäft eingestiegen. Was ist die strategische Logik hinter diesem Schritt?
Der Einstieg in das Diagnostikgeschäft ist das Resultat eines umfassenden Strategieprozesses, den wir im Jahr 2024 angestossen haben. Ziel war es, neue Geschäftsfelder zu identifizieren, um Galenica langfristig als wettbewerbsfähiges Unternehmensnetzwerk zu positionieren. Diagnostik wurde dabei als besonders zukunftsweisendes Feld erkannt, mit Potenzial zur Erweiterung unserer Wertschöpfungskette und zur Stärkung des Gesundheitsnetzwerks.
«Der Einstieg in das Diagnostikgeschäft ist das Resultat eines umfassenden Strategieprozesses, den wir im Jahr 2024 angestossen haben.»
Welche Synergien sehen Sie konkret zwischen Diagnostik, Apotheken und Ihrem bestehenden Netzwerk im Gesundheitsmarkt?
Im Ärztemarkt, dem Hauptkundensegment von Labor Team, ist Galenica bereits führend im Medikamentengrosshandel mit rund 31 Prozent Marktanteil. Künftig können wir Medikamente und Labordienstleistungen aus einer Hand anbieten. Langfristig planen wir zudem, gemeinsam ausgewählte diagnostische Services auch in Apotheken anzubieten – im Rahmen der regulatorischen Möglichkeiten. Dies zahlt auf unser Ziel ein, die niederschwellige Gesundheitsversorgung in der Schweiz weiter zu verbessern.
Galenica hat sich entschieden, die Herstellung pharmazeutischer Produkte bei Bichsel bis Ende 2026 einzustellen und das Unternehmen stärker auf Home-Care-Dienstleistungen auszurichten. Was waren die wichtigsten Gründe für diesen Schritt?
Bichsel wurde 2019 akquiriert vor allem vor dem Hintergrund von Synergien im Bereich Home Care. Das Home-Care-Geschäft hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt und macht heute rund zwei Drittel von Bichsel aus. Die pharmazeutische Produktion hingegen ist seit Jahren defizitär. Die Produktionsanlagen sind alt und ermöglichen keine kostendeckende Produktion. Trotz mehrfacher Anpassungen bei Preisen und Angebot konnte die Rentabilität nicht gesichert werden. Die für eine Modernisierung erforderlichen Investitionen wären derart hoch, dass sie aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht vertretbar sind.
Galexis hat den Automatisierungsgrad im Distributionszentrum Lausanne auf über 70% erhöht. Und auch am Standort Niederbipp werden die Systeme im 3. Quartal 2026 auf SAP umgestellt. Sie sehen das auch als Basis für künftige Einsatzmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz in der Logistik. Welche Anwendungen können Sie sich vorstellen?
Wir sehen KI als Hilfsmittel, um Daten besser nutzbar zu machen, Prozesse zu automatisieren und schneller fundierte Entscheide zu treffen. Wir haben im letzten Jahr im ganzen Netzwerk viel in unsere KI-Readiness investiert. Die SAP-Umstellung im Wholesale ist ein zentraler Schritt. Dank der neuen Systeme können wir künftig künstliche Intelligenz direkt in unsere Logistikprozesse einbinden – etwa für die Artikelallokation im Lager, um vorausschauend den Bedarf abzuschätzen oder die Kapazitätsplanung. Erste Pilotversuche laufen bereits.
«Wir wollen das führende integrierte Gesundheitsnetzwerk in der Schweiz sein.»
Mit dem Ausbau der Diagnostik, der Digitalisierung und zusätzlichen Dienstleistungen entwickeln Sie Galenica immer stärker zu einem integrierten Gesundheitsanbieter. Wie sieht Ihre Vision für das Unternehmen im Jahr 2030 aus?
Wir wollen das führende integrierte Gesundheitsnetzwerk in der Schweiz sein. Integriert heisst für uns, dass wir Angebote entlang der gesamten Versorgungskette verbinden und besser aufeinander abstimmen, damit Menschen in jeder Lebensphase begleitet werden und einfacher Zugang zu Leistungen erhalten. Unsere Rolle ist es, Akteure zusammenzubringen, Verantwortung zu übernehmen und mit unserer Expertise rund um die Abläufe im Gesundheitswesen konkrete Impulse für ein effizienteres System zu setzen.