Meret Schneider: Klimapolitik vor der Haustür
Auf der Unattraktivitätsskala rangiert Klimapolitik derzeit ganz oben, direkt nach den Deckeln, die an PET-Flaschen hängen bleiben (Danke Brüssel!) und der Frage: “Isch da na frei?”, wenn man sich soeben ein freies Abteil im Zug gesichert hat. Wer mit Grünen Anliegen auf der Strasse steht, im Rat politisiert oder in den Medien von sich reden macht, braucht sich derzeit vor einer Sympathiewelle nicht zu fürchten – im Gegenteil. Nachhaltigkeit scheint zum Schimpfwort verkommen, mit dem sich nicht einmal mehr Turnschuhhersteller (Turnschuh? Sagt man das heute noch?) greenwashing wollen.
Weniger fliegen? Mehr Solarstrom? Weniger Schweine pro Quadratmeter? Handlungen, die bei der Bekämpfung des Klimawandels und für die Biodiversität wirklich etwas bewirken würden, wirken antiquiert und es scheint ihnen der Geruch anzuhaften, der einem früher beim Betreten der ersten Bioläden entgegenschlug. So ein bisschen nach sehr reifen Äpfeln, Naturkosmetik und irgendwie nach nasser Wolle und Filz. Dabei wären diese Handlungen und Lösungsvorschläge so rational und aktuell wie nie zuvor – oder hat jemand in jüngster Zeit von einem Schiff gehört, das beladen mit Sonne und Wind in der Strasse von Hormus feststeckt?
Viele Grüne machen genau aus diesen Beweggründen Politik: weil sie den Problemen der Zeit mit rationalen Lösungen und Hebeln mit möglichst viel Impact begegnen wollen. Auch mir ging es so, als ich mich als Jugendliche fragte, wofür ich eigentlich mein Leben einsetzen möchte. Man möchte die grossen Baustellen unserer Gesellschaft angehen, die globalen Krisen bekämpfen und dem Klimawandel mit den grossen Transformationen begegnen.
Doch genau diese Worte, Visionen und Ziele lösen derzeit in den Menschen nur Aversionen, Reaktanz und manchmal gar Hass aus. Je grösser die globalen Herausforderungen, je unsicherer die Welt scheint und je dringender der Handlungsbedarf, desto kleinräumiger scheinen die Menschen zu denken. Man zieht sich ins Private zurück, konsumiert weniger Nachrichten, mäht den Rasen und vergleicht die Prämien unterschiedlicher Krankenkassen. Probleme sieht und löst man im direkten Umfeld und konzentriert sich darauf, zu “bewahren, was wir lieben”, um ein Plakat einer Initiative zu zitieren, im Zuge der tatsächlich nur sehr wenig bewahrt, sondern sehr viel umgestossen würde.
Wandel und Transformation sind die Schreckgespenster einer grünen Bewegung, die einem das Bekannte und Geliebte wegnehmen will, sei es die Bratwurst, den Winnetou oder Palma de Mallorca. Dabei wird übersehen, dass nichts so disruptiv wirken wird wie der Klimawandel und gerade das Ignorieren dessen dazu führt, dass sehr wenig übrig bleiben wird von dem, was wir lieben. Doch mit diesem Narrativ kommen wir derzeit nicht weit – die Menschen wollen Verbesserungen vor ihrer Haustür.
Mehr Kaufkraft, tiefere Mieten, die SP weiss schon, warum sie diese Aspekte betont (und das schreibe ich mit aller Wertschätzung). Für uns Grüne bedeutet es, dass es Zeit ist, über unseren Schatten zu springen und Politik für die Situation vor der Haustür zu machen. Grünere Städte, Urban Gardening, Vertical Farming – alles Konzepte, die das Leben der Menschen vor Ort und ganz direkt besser machen. Und ja, es schmerzt mich auch ein bisschen, dass wir derzeit nicht grössere Brötchen backen können. Aber um irgendwann die ganze Bäckerei zu übernehmen, müssen wir erst wieder die Menschen für Grüne Politik gewinnen. Und wenn dies nun einmal besser mit Gemüsegärten in der Stadt als mit einem Klimafonds gelingt, dann pflanzen wir jetzt halt Tomaten. Ohne Menschen keine Veränderung und jetzt gilt es, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind: Vor ihrer Haustür.
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