Künstliche Intelligenz in Schweizer Unternehmen breit etabliert – doch viele stehen noch am Anfang der Skalierung

Künstliche Intelligenz in Schweizer Unternehmen breit etabliert – doch viele stehen noch am Anfang der Skalierung
Adrian Ott, Partner und Chief Artificial Intelligence Officer bei EY in der Schweiz. (Foto: EY)

Zürich – Künstliche Intelligenz hat sich in Schweizer Unternehmen innerhalb kurzer Zeit von einem Zukunftsthema zu einem festen Bestandteil des Arbeitsalltags entwickelt. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Umfrage vom Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen EY unter 604 Befragten aus Schweizer Unternehmen, dass viele Organisationen noch am Anfang stehen, wenn es um die systematische Skalierung und strategische Verankerung von KI geht. Während erste Anwendungen breit genutzt werden, bleibt die Transformation auf Unternehmensebene in vielen Fällen noch unvollständig.

Breiter Zugang zu KI, aber unterschiedliche Reifegrade
Der Zugang zu KI-Technologien ist in den meisten Unternehmen heute gegeben. 89% der Befragten nutzen bereits KI-Lösungen in ihrem beruflichen Alltag. Besonders verbreitet sind integrierte Lösungen wie Microsoft Copilot oder Google Workspace mit Gemini, die von 70% der Befragten eingesetzt werden. Darüber hinaus verfügen 35% über Unternehmenslizenzen für spezialisierte Anwendungen wie ChatGPT Enterprise oder vergleichbare Tools. Auch die Eigenentwicklung von KI gewinnt an Bedeutung: Rund ein Drittel der Befragten (33%) gibt an, dass im eigenen Unternehmen bereits KI-Lösungen auf Basis verschiedener Modelle entwickelt wurden. 29% der Befragten berichten zudem, dass die Nutzung externer KI-Tools über private Accounts wie ChatGPT im Unternehmen erlaubt ist – für 8% sind sie derzeit sogar die einzige Möglichkeit, KI im Arbeitsalltag zu nutzen. Nur 3% der Befragten geben an, dass der Einsatz von KI im Unternehmen derzeit vollständig untersagt ist.

55% der Befragten berichten, dass in ihrem Unternehmen bereits gezielte KI-Lösungen eingesetzt oder über mehrere Geschäftsbereiche hinweg skaliert werden. Dazu zählen Unternehmen, die KI bereits in einzelnen Geschäftsbereichen im Einsatz haben (32%), KI systematisch über mehrere Bereiche hinweg skalieren (14%) oder KI bereits als integralen Bestandteil ihrer Geschäftsstrategie betrachten und dadurch ihr Geschäftsmodell verändert haben (9%). Weitere 31% befinden sich derzeit noch in Pilotprojekten oder Proof-of-Concept-Phasen. Gleichzeitig geben 14% der Befragten an, bislang noch keine konkreten KI-Initiativen gestartet zu haben.

«Viele Unternehmen haben den Einstieg in die Nutzung von KI erfolgreich geschafft. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch darin, aus einzelnen Anwendungsfällen eine skalierbare, unternehmensweite Transformation zu entwickeln», sagt Adrian Ott, Chief AI Officer bei EY in der Schweiz.

Datensouveränität als zentraler Erfolgsfaktor
Ein besonders klares Bild ergibt sich beim Thema Datensouveränität. Für die Hälfte der Befragten (51%) ist es geschäftskritisch, dass KI-Systeme den Schweizer oder europäischen Datenschutzanforderungen entsprechen und Daten innerhalb der Schweiz oder der EU verarbeitet werden. Im Durchschnitt bewerten die Befragten die Wichtigkeit von Schweizer oder europäischen Datenschutzstandards sowie einer Datenverarbeitung innerhalb der Schweiz oder der EU mit 8.7 von 10 Punkten.

Diese Ergebnisse zeigen, dass Fragen zum Datenstandort, zu regulatorischen Anforderungen und Kontrolle über Datenflüsse für viele Unternehmen eine zentrale Rolle spielen. Insbesondere im Kontext internationaler Technologieanbieter gewinnt die Datensouveränität für den praktischen Einsatz von KI zunehmend an Bedeutung.

Uneinheitliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt
Die Auswirkungen von KI auf den Personalbestand zeigen derzeit ein heterogenes Bild. 18% der Befragten geben an, dass in ihrem Unternehmen im Zusammenhang mit KI zusätzliche Stellen geschaffen wurden, etwa in den Bereichen Data Science oder AI-Engineering. Gleichzeitig berichten 11%, dass offene Stellen in bestimmten Bereichen nicht mehr nachbesetzt werden, und 7% geben an, dass es infolge von KI zu einem Abbau von Stellen gekommen ist. Weitere 18% der Befragten erwarten künftig einen Stellenabbau durch KI.

Auffällig ist jedoch der hohe Anteil von 42% der Befragten, die keine klare Einschätzung zu den Auswirkungen geben können oder keine Angaben machen. Dies deutet darauf hin, dass sich viele Unternehmen noch in einer frühen Phase der Transformation befinden, in der konkrete Effekte auf die Belegschaft noch nicht abschliessend beurteilt werden können.

Daten, Sicherheit und Fachkräfte als grösste Herausforderungen
Die grössten Hürden bei der Einführung und Nutzung von KI liegen aus Sicht der Befragten vor allem in operativen und organisatorischen Fragestellungen. 20% nennen Datenqualität und Datensilos als grösstes Hindernis, gefolgt von Sicherheits- und Datenschutzbedenken (19%) sowie dem Mangel an qualifizierten Fachkräften (18%).

Im Vergleich dazu spielen andere Faktoren eine geringere Rolle: Fehlende Use Cases mit klarem Business Value (10%), Budgetrestriktionen (9%) oder regulatorische Unsicherheiten (6%) werden deutlich seltener als Hauptproblem genannt. Insgesamt zeigt sich somit, dass weniger die grundsätzliche Bereitschaft zur Nutzung von KI im Vordergrund steht, sondern vielmehr die praktische Umsetzung innerhalb bestehender Strukturen.

Pragmatischer Umgang und wachsendes Vertrauen in KI
Der Umgang mit KI in den Unternehmen ist überwiegend pragmatisch geprägt. 72% der Befragten nutzen KI in erster Linie als Unterstützung im Arbeitsalltag, etwa als Sparringspartner für Ideen, zur Erstellung erster Entwürfe oder zur Strukturierung von Inhalten. Gleichzeitig vertrauen 47% der KI bereits in ausgewählten Anwendungsfällen, auch bei fachlichen oder faktischen Fragestellungen.

Darüber hinaus geben 40% an, dass sie KI-Antworten in bestimmten Situationen, insbesondere unter Zeitdruck, als verlässlicher einschätzen als manuell recherchierte Informationen. Eine grundsätzlich skeptische Haltung gegenüber KI ist hingegen vergleichsweise selten und wird nur von 12% der Befragten vertreten. Insgesamt deutet dies auf ein wachsendes, aber differenziertes Vertrauen in KI hin.

«Die Ergebnisse zeigen, dass Unternehmen KI zunehmend gezielt und situationsabhängig einsetzen. Es geht weniger um blindes Vertrauen, sondern vielmehr um einen differenzierten und pragmatischen Umgang mit den Möglichkeiten der Technologie», sagt Ott.

Klare Erwartungen an die Weiterentwicklung des KI-Standorts Schweiz
Mit Blick auf die zukünftige Entwicklung formulieren die Befragten klare Erwartungen an Politik und Standortbedingungen. 58% nennen den Ausbau von Aus- und Weiterbildungsangeboten im Bereich KI als wichtigste Massnahme. Ebenfalls von grosser Bedeutung ist für 56% der Aufbau einer souveränen Schweizer KI-Infrastruktur, etwa in Form von Cloud- oder Rechenkapazitäten.

Darüber hinaus sprechen sich 40% für gezielte Förderprogramme zur Unterstützung von KMU bei der Einführung von KI aus. Eine ähnliche Anzahl sieht die Abstimmung mit dem EU AI Act als wichtigen Faktor für die Sicherstellung von Rechtssicherheit im internationalen Geschäft. Gleichzeitig befürworten 28% eine eigenständige Schweizer Regulierung. (EY/mc/ps)

Zur Umfrage
An der Umfrage nahmen 604 Personen aus Unternehmen in der Schweiz teil. Die Befragten repräsentieren Unternehmen unterschiedlicher Grössenklassen: 30% der Befragten sind in Unternehmen mit mehr als 10’000 Mitarbeitenden tätig, weitere 25% in grossen Unternehmen mit 1’000 bis 9’999 Mitarbeitenden. 19% arbeiten in KMU mit 10 bis 249 Mitarbeitenden, 14% in mittelgrossen Unternehmen mit 250 bis 999 Mitarbeitenden und 12% in kleinen Unternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitenden.
Die Befragten decken ein breites Spektrum an Branchen ab. 23% der Befragten sind im Bankensektor tätig. Weitere wichtige Branchen sind Industrie und Fertigung (10%), Technologie, Medien und Telekommunikation (9%) sowie Professional Services (9%) und Life Sciences & Pharma (8%). Daneben sind auch Versicherungen, Handel, Energie, öffentlicher Sektor sowie weitere Branchen vertreten.

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