Die stille Krise der Millennials
Zürich – Die sogenannte Millennial Career Crisis ist längst kein Randphänomen mehr. Eine ganze Generation von Berufstätigen zwischen 30 und 45 Jahren hinterfragt die Karriereversprechen, mit denen sie aufgewachsen ist. Höher, schneller, weiter? Für viele Millennials verliert dieses Erfolgsmodell an Bedeutung.
Das zeigt auch die neue Deloitte Global Gen Z and Millennial Survey 2026: Nur noch 21 Prozent der Millennials definieren Karriere über klassische Aufstiege wie Beförderungen, Titel oder Gehaltssprünge. Gleichzeitig streben viele weiterhin nach Verantwortung und Einfluss. Laut der Studie setzen 45 Prozent auf kontinuierliche Entwicklung statt auf die nächste Karrierestufe.
Der Befund wirkt widersprüchlich, ist aber Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels. Die Generation, die als leistungsbereit, flexibel und bestens ausgebildet in den Arbeitsmarkt eingetreten ist, stellt heute die Spielregeln des beruflichen Erfolgs infrage und kommt auch an seine Grenzen.
Der Wunsch: Weniger Tempo, nicht weniger Qualifikation
«Was häufig als Karrierekrise beschrieben wird, ist oft eine nachvollziehbare Reaktion auf neue Bedingungen von Arbeit», sagt Alexia Bertschi, Chief Development & Learning Officer der Vantage Education Group, zu der auch die HSO-Wirtschaftsschule gehört. Die Ursache: Fortschritt hat für Millennials eine andere Logik bekommen. Laut Deloitte wird Karriere nicht mehr nur daran gemessen, wie hoch oder schnell jemand steigt, sondern ob Entwicklung langfristig tragfähig ist. Gleichzeitig wird Führung differenzierter bewertet. Die Deloitte-Studie zeigt: Nur 6 Prozent von Gen Z und Millennials nennen eine Führungsposition als oberstes Karriereziel. Gleichzeitig sind 67 Prozent der Millennials daran interessiert, eine Senior- oder Executive-Leadership-Rolle zu übernehmen.
Stabilität: Wichtig, aber unter Druck
Stabilität ist kein Gegenpol zu Karriere, sondern ein Kernziel. Die Lebenshaltungskosten bleiben zum fünften Mal in Folge die grösste Sorge. 64 Prozent der Millennials sagen, Wohnen beeinflusse Karriereentscheidungen und Arbeitsort direkt. «Viele sind ambitioniert und gut qualifiziert, wägen aber genauer ab, welche Verantwortung sich trägt», beobachtet Bertschi. «Das führt weniger zu offener Verweigerung als zu einer vorsichtigen, anspruchsvollen Haltung gegenüber nächsten Karriereschritten. Gefragt ist Career Sustainability.»
Druck und Stress bleibt
Die Studie zeigt auch: 60 Prozent der Millennials bewerten ihre mentale Gesundheit als gut oder sehr gut. Gleichzeitig fühlen sich 30 Prozent meistens oder immer gestresst, 54 Prozent erleben digitale Ermüdung. «Wenn digitale Komplexität den Arbeitstag fragmentiert, wird Fokus zur knappen Ressource und das Gefühl von guter Leistung sinkt», sagt Bertschi. Was heute oft als fehlender Aufstiegswille gelesen wird, sei häufig kein Rückzug aus Leistung, sondern ein Versuch, Leistung langfristig zu organisieren.
Für Alexia Bertschi liegt die Lösung nicht darin, noch mehr zu leisten, sondern Karriere neu zu denken. Sie empfiehlt drei Ansätze:
- Karriere neu definieren. Die klassische Leiter-Logik ist nicht mehr das einzige Modell. KI und Digitalisierung verändern die Anforderungen laufend.
- In übertragbare Fähigkeiten investieren. Wichtiger als der nächste Jobtitel ist das eigene «Career Portfolio» – Kompetenzen, die in verschiedenen Rollen funktionieren.
- Prioritäten klären. Was bedeutet Karriere für mich persönlich – Stabilität, Entwicklung oder Sinn?
«Karrieren sind heute vielfältiger und weniger linear planbar als früher», sagt Alexia Bertschi. «Wer sie weiterhin nur als Karriereleiter denkt, kann das als Krise erleben. Wer sie als dynamischen Prozess versteht, hat deutlich mehr Handlungsspielraum.» (mc/pg)