Vom Wetterrisiko zum Kreditrisiko

Vom Wetterrisiko zum Kreditrisiko
Laura Cooper, Global Investment Strategist & Head of Macro Credit bei Nuveen (Bild: Nuveen, Moneycab)

Zürich – Die Dürre in Europa 2026 ist schwerwiegend, wird von den Credit Spreads aber noch kaum eingepreist – das dürfte sich mit den Q3-Unternehmensergebnissen ändern. Der Rhein ist bei Kaub auf ein historisches Tief von sechs bis acht Zentimetern unter das bisherige Rekordtief von 20181 gefallen, sodass Schiffe nur noch mit rund 10 bis 20 Prozent ihrer normalen Kapazität fahren können; eine Besserung würde wochenlangen Regen voraussetzen2.

Von Laura Cooper, Global Investment Strategist & Head of Macro Credit bei Nuveen

Obwohl die Märkte das Thema bisher eher als Wetter- denn als Kreditrisiko einordnen, spricht das Ausmass der Beeinträchtigung des Rheins – mit rund 280 Millionen Tonnen Fracht jährlich Europas wichtigster Logistikkorridor nach den Seewegen3 – für eine andere Einschätzung. Laut dem Kiel Institut für Weltwirtschaft könnte eine 30-tägige Störung bei Wasserständen unter 78 cm rund ein Prozent der Industrieproduktion4 bzw. etwa 0.25 Prozent des BIP kosten, und das in einer Phase ohnehin schwachen deutschen Wachstums.

Dürre allein bewegt die Kreditmärkte selten – sie verstärkt bestehenden Stress
Die Dürre von 2018 setzte den modernen Referenzwert für Niedrigwasser am Rhein und ging mit Produktionsrückgängen in der Chemie- und Bergbauindustrie einher. Die europäische Hitze- und Dürreperiode von 2022 wurde zusätzlich durch die Energiekrise verschärft und führte zu weitreichenden Ernteausfällen in Frankreich, Deutschland und Südeuropa5.

Historisch hat Dürre selten allein die Kreditqualität belastet, sondern vor allem bestehenden Stress verstärkt – ein Muster, das sich angesichts struktureller Wachstumsschwäche und steigenden Nahrungsmittelpreisdrucks in Deutschland nun zu wiederholen scheint.

Das signalisieren die Märkte
Der Markt unterscheidet bislang kaum zwischen Emittenten mit wesentlicher Dürreexponierung und solchen ohne entsprechende Risiken. Dies deutet darauf hin, dass die Spreads die Unterschiede, die mit den kommenden Geschäftszahlen deutlicher hervortreten dürften, noch nicht widerspiegeln. Eine länger anhaltende Dürre hätte für einen stark von Wasserkraft abhängigen Versorger deutlich andere Folgen als für einen diversifizierten Wettbewerber mit einem hohen Anteil an Gaskraftwerken. In den aktuellen Bewertungen ist diese Differenzierung jedoch noch kaum erkennbar.

Nach einer überraschend robusten Berichtssaison für das zweite Quartal ist dies nachvollziehbar. Die Ergebnisse für das dritte Quartal dürften jedoch erstmals belastbare Hinweise auf die Margenauswirkungen liefern und damit eine stärkere Spreaddifferenzierung auslösen.

Wo die stärkste Differenzierung zu erwarten ist

  • Versorger zeigen eine klare Zweiteilung. Stromerzeuger mit einem hohen Anteil an Wasser- und Kernkraft stehen vor operativen Herausforderungen, während Gas- und konventionelle Wärmekraftwerke von höheren Strompreisen profitieren dürften. Diversifizierte Versorger sollten daher gegenüber reinen Wasser- oder Kernkraftanbietern in Mittel- und Osteuropa, Österreich und Südeuropa besser abschneiden.
  • Chemieunternehmen sind Risiken beim Transport von Rohstoffen über den Rhein ausgesetzt. Bislang konnten viele Unternehmen auf alternative Logistiklösungen ausweichen. Bei stark vom Binnenschiff abhängigen petrochemischen Produzenten besteht jedoch weiterhin das Risiko höherer Gewalt (Force Majeure) – in einem Sektor, der bereits unter Überkapazitäten und schwacher Nachfrage leidet.
  • Die Industrie ist punktuell exponiert: Nur rund 7 Prozent der deutschen Güter laufen über die Binnenschifffahrt. Insbesondere Stahl- und Zementunternehmen sind sowohl logistischen Engpässen als auch steigenden Inputkosten ausgesetzt6.
  • Bei Nahrungsmittel- und Getränkeunternehmen liegt die Belastung eher in der Landwirtschaft als im Transport. Für die französische Maisernte wird ein Rückgang um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr prognostiziert, mit ähnlichem Druck in anderen Agrarregionen7. Unternehmen mit diversifizierter Beschaffung und hoher Preissetzungsmacht dürften diesen Kostendruck besser auffangen als kleinere, geografisch konzentrierte Anbieter.

Implikationen für die Positionierung
Engpässe im Güterverkehr und eine durch Lebensmittelpreise getriebene Inflation sprechen für eine vorsichtigere Duration-Positionierung bei auf Euro lautenden Investment-Grade-Unternehmensanleihen, insbesondere bei länger laufenden Papieren aus den genannten Sektoren.

Dabei geht es nicht darum, diese Sektoren grundsätzlich zu meiden, sondern selektiv vorzugehen. Unternehmen mit einem diversifizierten Erzeugungsmix, alternativen Logistikmöglichkeiten oder hoher Preissetzungsmacht dürften davon profitieren, wenn die Geschäftszahlen die widerstandsfähigen Unternehmen von den stärker exponierten unterscheiden.

Auch wenn sich die Dürre selbst als vorübergehend erweisen könnte, dürfte die Neubewertung der unterschiedlichen Risiken innerhalb der betroffenen Sektoren von Dauer sein.


1. Federal Waterways and Shipping Administration, as of 15 August 2026
2. Bloomberg, 11 August 2026
3. Central Commission for the Navigation of the Rhine Annual Report, April 2026
4. Kiel Institute, German Economic Review 2023.
5. European Commission, Global Drought Observatory, August 2022.
6. Central Commission for the Navigation of the Rhine Annual Report, April 2026.
7. AGPM (Association Générale des Producteurs de Maïs), 14 August 2026.

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