Geopolitische Risiken treffen jedes zweite Schweizer Unternehmen

Geopolitische Risiken treffen jedes zweite Schweizer Unternehmen
Famke Krumbmüller, Partner, EY Geostrategy Europe Leader. (Foto: EY)

Zürich – Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte, Sanktionen und regulatorische Veränderungen sind für Schweizer Unternehmen längst nicht mehr nur abstrakte Risiken. Sie wirken sich zunehmend unmittelbar auf Geschäftstätigkeit, Wachstum und strategische Entscheidungen aus. Gleichzeitig zeigt sich eine Lücke zwischen der Beobachtung politischer Risiken und der Fähigkeit von Unternehmen, sich systematisch auf deren Eintreten vorzubereiten. Dies zeigt eine aktuelle Befragung des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens EY in der Schweiz. Für den 2026 EY Geostrategy in Practice Survey of Swiss Companies wurden im Juli und August 2026 insgesamt 244 Führungskräfte und Entscheidungsträger aus in der Schweiz tätigen Unternehmen unterschiedlicher Grösse und aus verschiedenen Branchen befragt. Untersucht wurde, wie Unternehmen politische Risiken identifizieren, bewerten und steuern und welche Auswirkungen diese auf ihre Geschäftstätigkeit haben.

Famke Krumbmüller, Partner, EY Geostrategy Europe Leader, sagt zu den Ergebnissen: «Geopolitische Risiken sind für Schweizer Unternehmen zu einem konkreten Geschäftsfaktor geworden. Die grosse Mehrheit beobachtet die Entwicklungen und versucht, deren Folgen einzuschätzen. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass zwischen dem Erkennen eines Risikos und der systematischen Vorbereitung auf dessen Eintreten noch eine erhebliche Lücke besteht – eine Tendenz, die wir auch in anderen Ländern beobachten. Gerade in einem zunehmend volatilen Umfeld reicht es nicht mehr aus, Entwicklungen lediglich zu beobachten. Unternehmen müssen in der Lage sein, unterschiedliche Szenarien durchzuspielen, Implikationen klar zu erkennen, und daraus frühzeitig konkrete Handlungsoptionen abzuleiten.»

Politische Risiken werden breit überwacht, aber noch nicht systematisch gesteuert

Die grosse Mehrheit der befragten Unternehmen beschäftigt sich mit der Identifikation und Überwachung politischer Risiken. 73% überwachen und beurteilen politische Risiken und deren Eintrittswahrscheinlichkeit zumindest punktuell, 48% tun dies regelmässig und proaktiv. Zudem beziehen 72% Erkenntnisse zu politischen Risiken aus internen und externen Quellen. Zwei Drittel (66%) sammeln sowohl qualitative als auch quantitative Daten zu politischen Risiken. Auch die grundsätzlichen Auswirkungen auf das Geschäft werden breit analysiert, aber meist erst, nachdem sie schon getroffen wurden: 81% der Unternehmen bewerten die Gesamtauswirkungen identifizierter politischer Risiken zumindest punktuell. Bei einer detaillierteren Betrachtung nimmt der Anteil jedoch ab. Von den 59%, die die erwarteten Auswirkungen auf einzelne Geschäftsbereiche quantifizieren, tun dies lediglich 32% regelmässig und proaktiv.

Noch deutlicher zeigt sich die Lücke bei der konkreten Risikosteuerung: Zwar führen knapp sechs von zehn Unternehmen (59%) Szenarioanalysen durch, systematisch und vorausschauend tun dies jedoch nur rund drei von zehn Unternehmen (30%). Die übrigen 29% führen Szenarioanalysen lediglich ad hoc und reaktiv durch. Noch seltener werden Stresstests (25%), triggerbasierte Notfallmassnahmen (18%) oder Tabletop-Simulationen (16%) regelmässig und proaktiv eingesetzt.

Auch bei der organisatorischen Verankerung von Geostrategie in Unternehmen zeigt sich Nachholbedarf. Nur 22% der befragten Unternehmen haben die Verantwortung für geostrategische Themen systematisch und vorausschauend einer bestimmten Person, Funktion oder einem funktionsübergreifenden Team zugewiesen. Die Hälfte (50%) identifiziert die relevanten Rollen nicht und rekrutiert keine Personen mit entsprechendem geostrategischem Hintergrundwissen.

Viele politische Risikoereignisse treffen Unternehmen unerwartet

Wie schwierig geopolitische Entwicklungen vorherzusehen sind, zeigt auch der Blick auf die Erfahrungen der vergangenen zwölf Monate. 42% der befragten Unternehmen geben an, dass mindestens 40% der politischen Risikoereignisse, von denen sie betroffen waren, unerwartet waren. Famke Krumbmüller sagt: «Die hohe Zahl unerwarteter Ereignisse unterstreicht, wie schwierig es geworden ist, geopolitische Entwicklungen mit klassischen Risikomanagementansätzen abzubilden. Unternehmen benötigen deshalb nicht nur bessere Informationen, sondern auch Strukturen, die schnelle Entscheidungen und deren Umsetzung ermöglichen. Entscheidend ist nicht, jedes politische Ereignis korrekt vorherzusagen. Entscheidend ist, auf unterschiedliche Entwicklungen vorbereitet zu sein und bei Bedarf rasch reagieren zu können.»

Umsatz, Lieferketten und Wachstum besonders betroffen

Die Auswirkungen politischer Risiken zeigen sich bereits deutlich in zentralen Geschäftsbereichen. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen (53%) berichtet für die vergangenen 24 Monate von negativen Auswirkungen auf Umsatz und Absatz. Bei Betriebsabläufen und Lieferketten sind es knapp die Hälfte (49%). Auch Wachstum und Investitionen sind betroffen: 41% der Unternehmen berichten von negativen Auswirkungen auf Wachstum, Investitionen oder Transaktionen. Bei Finanzen und Steuern liegt der Anteil bei 28%, bei Reputation und Compliance bei 24% sowie bei Technologie, Daten und geistigem Eigentum bei 23%. Positive Auswirkungen werden deutlich seltener genannt. Bei Umsatz und Absatz berichten 14% von positiven Effekten, bei Wachstum, Investitionen und Transaktionen sind es 8%.

Geopolitik verändert Strategie und Investitionsentscheidungen

Die Unternehmen reagieren auf das veränderte Umfeld mit konkreten Anpassungen. Fast die Hälfte (48%) hat ihr Risikomanagement in den vergangenen 24 Monaten mindestens moderat verändert. Jeweils 45% haben mindestens moderate Anpassungen bei ihrer Strategie sowie bei Wachstum, Investitionen und Transaktionen vorgenommen. Rund vier von zehn Unternehmen haben auch den Umgang mit Technologie, KI, Daten und geistigem Eigentum (44%), die Compliance (42%) sowie ihre Betriebsabläufe und Lieferketten (41%) angepasst.

Die Veränderungen reichen damit über das klassische Risikomanagement hinaus und greifen zunehmend in strategische Unternehmensentscheidungen ein. Bei den 110 Befragten, die Wachstum, Investitionen oder Transaktionen mindestens moderat angepasst haben, zeigt sich eine vorsichtigere Investitionslogik: 41% haben die Breite beziehungsweise Zahl ihrer Investitionsmärkte reduziert, während 16% diese erhöht haben. 37% berichten von einem gesunkenen Vertrauen beim Eintritt in neue Märkte, gegenüber 22%, deren Vertrauen gestiegen ist. Gleichzeitig haben 35% dieser Unternehmen ihre Mindestrenditen beziehungsweise Risikoprämien erhöht, während lediglich 11% sie gesenkt haben. Bei 35% haben sich zudem die Zeiträume für die Genehmigung von Transaktionen verlängert.

Geopolitik verändert auch den Umgang mit KI und Technologie

Besonders sichtbar werden die Auswirkungen geopolitischer Risiken auch bei Technologie, KI und Daten. Von den 108 Befragten, die in diesem Bereich mindestens moderate Anpassungen vorgenommen haben, berichtet die Hälfte (50%), dass ihr Unternehmen die Regeln für KI-Governance, den Einsatz oder die Nutzung von KI nach Markt beziehungsweise Region verändert hat. 43% dieser Unternehmen haben die Kontrollen für grenzüberschreitende Daten, Technologien oder geistiges Eigentum verstärkt. 30% setzen verstärkt auf souveräne, lokale oder länderspezifische KI- und Cloud-Lösungen, 29% haben ihre Abhängigkeit von bestimmten ausländischen Technologieanbietern, Plattformen oder Ökosystemen reduziert und 27% haben ihre Daten-, KI- oder Technologieinfrastruktur über verschiedene Rechtsräume hinweg regionalisiert oder lokalisiert.

Krumbmüller betont abschliessend: «Geopolitik verändert zunehmend nicht nur die Risikowahrnehmung, sondern die Art und Weise, wie Unternehmen investieren, Technologie einsetzen und ihre Strategie gestalten. Gerade für international vernetzte Schweizer Unternehmen wird die Fähigkeit, geopolitische Entwicklungen in Geschäftsentscheidungen zu übersetzen, zu einer wichtigen strategischen Kompetenz. Unternehmen, die klare Verantwortlichkeiten schaffen, Szenarien systematisch analysieren und konkrete Handlungsoptionen vorbereiten, können Unsicherheit nicht beseitigen – aber sie können ihre Widerstandsfähigkeit deutlich erhöhen.» (EY/mc/ps)

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