Allianz Green Transition Tracker 2026: Der Wendepunkt für Cleantech – und warum die Emissionen bald folgen könnten
Wallisellen – Im Allianz Green Transition Tracker 2026 gehört die Schweiz trotz eines leichten Rückgangs im Fortschrittsindex weiterhin zu den weltweit führenden Ländern bei der grünen Transformation. Der Rückgang ist vor allem auf einen geringeren Anteil CO2-armer Stromerzeugung zurückzuführen, der aufgrund des bereits weitgehend klimafreundlichen Schweizer Strommixes besonders stark ins Gewicht fällt. Weltweit schreitet die Energiewende unterdessen voran: Erneuerbare Energien sind erstmals die grösste Stromquelle, und die CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen könnten bereits 2026 sinken. Für das Erreichen der globalen Klimaziele reicht das jedoch noch nicht aus. Die CO2-Neutralität wird heute erst für das Jahr 2064 erwartet.
Im Vorfeld der Klimakonferenz COP31 in Antalya kommt die zweite Ausgabe des «Allianz Green Transition Tracker» zu dem Ergebnis, dass die Welt zwar insgesamt auf CO2-Neutralität zusteuert, aber viel zu langsam, um die Klimaziele zu erreichen. Der Bericht «The clean-tech turning point and why emissions could soon follow» zeigt, dass saubere Technologien politischen Gegenwind überwinden, es jedoch nicht schaffen, fossile Brennstoffe schnell genug zu verdrängen, um die globalen Emissionen rechtzeitig zu begrenzen und die Netto-Null-Ziele zu erreichen.
Fast alle sind auf dem Weg – aber nicht schnell genug
Der Tracker bewertet 65 Volkswirtschaften, die für 81 % der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, anhand von fünf Indikatoren: Kohlenstoff- und Energieintensität, verbrauchs- und flächenbezogene Pro-Kopf-Emissionen sowie der Anteil kohlenstoffarmer Energien am Strommix. Sein Fortschrittsindex misst, wie weit jedes Land seit 2015 auf dem Weg zu seinem Netto-Null-Ziel für 2050 schon gekommen ist. In diesem Jahr haben 56 Länder ihre Punktzahl um durchschnittlich 2 Punkte verbessert. Doch nur etwa ein Drittel der Länder hält mit den Reduktionspfaden Schritt, die mit dem Pariser Abkommen im Einklang stehen. Luxemburg, Dänemark und Estland führen die Rangliste im Fortschrittsindex an, und alle zehn Spitzenreiter sind europäische Länder. Kolumbien verzeichnete dank eines Aufschwungs bei der Wasserkraft und neuer Solarkapazitäten die grösste Verbesserung (+16,5 Punkte), während die Ölproduzenten am Golf weiterhin das Schlusslicht bilden. «Fast jedes Land bewegt sich in die richtige Richtung. Das Problem ist das Tempo. Bei dem jetzigen Fortschritt wird die Netto-Null erst im Jahr 2064 erreicht werden – 14 Jahre später als geplant», sagt Patrick Hoffmann, ESG-Ökonom bei Allianz Research. «Und die klimapolitische Kluft vergrössert sich: Die Spitzenreiter ziehen weiter davon, während die Nachzügler Mühe haben, Schritt zu halten.»
Die Schweiz bleibt trotz eines Rückgangs im Fortschrittsindex unter den Spitzenreitern
Die Schweiz fiel im Fortschrittsindex um vier Plätze auf Rang 8 zurück. Ihre Punktzahl sank um 2,9 Punkte auf 43,7, während der globale Durchschnitt um 2,0 Punkte zulegte. Damit hat die Schweiz bereits mehr als zwei Fünftel des Weges zu ihren Netto-Null-Zielen zurückgelegt. Sie liegt vor Litauen (Platz 9), Finnland (Platz 10) und den Niederlanden (Platz 11), aber hinter Luxemburg (Platz 1), Dänemark (Platz 2) und dem Vereinigten Königreich (Platz 7).
Der Rückgang ist weitgehend auf einen Basiseffekt zurückzuführen: Mit einem Anteil von 97,7 % im Jahr 2025 (nach 98,1 % im Vorjahr) ist die Schweizer Stromerzeugung bereits nahezu vollständig CO2-arm. Entsprechend fällt selbst eine geringe Verschlechterung im Fortschrittsindex stark ins Gewicht (-21,9 Punkte bei diesem Indikator). In anderen Bereichen setzt sich der positive Trend dagegen fort: Der Anteil von Elektrofahrzeugen an den Neuwagenverkäufen stieg von 28 % auf 34 %, die gesamten Emissionen blieben stabil und die verbrauchsbezogenen Pro-Kopf-Emissionen gingen zurück (+5,2 Punkte im entsprechenden Indikator). «Die Schweiz gehört trotz des Rückgangs im Fortschrittsindex weiterhin zu den Spitzenreitern der grünen Transformation. Da die Stromerzeugung bereits nahezu vollständig CO2-arm ist, können selbst kleine Schwankungen die Bewertung stark beeinflussen, ohne dass dies eine Trendwende bedeutet. Die Fortschritte bei der Elektromobilität und die sinkenden verbrauchsbezogenen Pro-Kopf-Emissionen sind ermutigende Signale. Entscheidend wird sein, den Vorsprung bei sauberem Strom zu sichern und gleichzeitig die Emissionen weiter zu senken», sagt Katharina Utermöhl, Head of Thematic and Policy Research bei Allianz Research.
Eine Energiewende mit zwei Geschwindigkeiten
Länder in der oberen Hälfte der Rangliste legten im Durchschnitt um 2,6 Punkte zu – fast doppelt so viel wie diejenigen in der unteren Hälfte (1,3). Die EU liegt weiterhin an der Spitze (+2,2 Punkte), doch ihre Emissionen sanken 2025 nur um 0,2 %, nachdem zuvor durchschnittliche jährliche Reduzierungen von 4 % erzielt worden waren; bei diesem Tempo würde sie ihre Zielvorgaben erst 2057 erreichen. Die USA legten nur 1,2 Punkte zu und rutschten in der Rangliste auf Platz 41 ab, da die Emissionen das zweite Jahr in Folge stiegen und die Stromerzeugung aus Kohle um 13 % zunahm. China (+2,3 Punkte, Platz 43) und Indien (+4,5 Punkte, um fünf Plätze auf Platz 45 gestiegen) zeigen Anzeichen einer Trendwende: Chinas Emissionswachstum verlangsamte sich praktisch auf null, da batterieelektrische Fahrzeuge fast die Hälfte der Neuwagenverkäufe ausmachten, und Indien verzeichnete seinen ersten Emissionsrückgang seit 25 Jahren, der nicht mit einer wirtschaftlichen Kontraktion einherging.
Die Stromerzeugung ist grün geworden – und saubere Technologien werden immer günstiger
Im Jahr 2025 überholten erneuerbare Energien – mit einem Anteil von 33,5 % – erstmals seit mehr als einem Jahrhundert die Kohle (33,2 %) als weltweit grösste Stromquelle und lieferten 99 % der neu ans Netz gegangenen Strommenge. Dadurch verlangsamte sich das globale Emissionswachstum von 1,5 % in den beiden vorangegangenen Jahren auf 0,7 %. Sinkende Kosten treiben den Wandel weiter voran: Die jährlich neu installierte Batteriespeicherkapazität stieg von rund 2 GWh im Jahr 2015 auf 307 GWh im Jahr 2025, da die Installationskosten um 91 % sanken. Gleichzeitig hat sich die Preisdifferenz zwischen batteriebetriebenen Elektroautos und Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor seit 2019 von 49 % auf 20 % verringert. Die nächste Phase wird ebenso sehr von den Netzen und Speicherkapazitäten bestimmt werden wie von neuen Erzeugungskapazitäten: Die Investitionen in saubere Energie werden 2026 um 6,5 % auf 2,2 Billionen US-Dollar steigen, wobei die Ausgaben für Netze um 21 % und für Speicher um 36 % zunehmen werden, während die Investitionen in die Erzeugung erneuerbarer Energien leicht zurückgehen dürften.
Geopolitik, nicht Klimapolitik, bestimmt die Preise
Die Geopolitik sendet derzeit ein stärkeres Preissignal aus als die Klimapolitik und treibt damit die Dieselpreise sowie die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen in die Höhe. Allianz Research hat berechnet, dass der durch den Iran-Krieg bedingte Anstieg der Dieselpreise einem CO2-Preis von mehr als 200 Euro pro Tonne entspräche. In der EU erreichten batterieelektrische Autos im September einen Anteil von 30 % an den Neuzulassungen, was einem Anstieg um 11 Prozentpunkte innerhalb eines Jahres entspricht. Eine neue Runde von Subventionen für fossile Brennstoffe, die nach wie vor rund 70 % höher sind als vor der Energiekrise 2022, stellt jedoch ein Risiko für Europas Fortschritte dar.
Ausblick: Ein Emissionshöchststand ist in Reichweite, ein nachhaltiger Rückgang ist jedoch noch nicht gesichert
Allianz Research erwartet, dass die CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen in diesem Jahr sinken werden – obwohl die Weltwirtschaft robust wächst. Günstigere saubere Technologien und hohe Preise für fossile Brennstoffe sind die wichtigsten Faktoren. Auf der anderen Seite stellen der steigende Strombedarf und Engpässe im Stromnetz die grössten kurzfristigen Risiken dar: Allein KI und Rechenzentren könnten die globalen Emissionen bis 2030 um rund 0,6 % erhöhen. Zudem könnten hohe Finanzierungskosten, Handelsbarrieren und politische Unsicherheit den Einsatz grüner Technologien verlangsamen. Ob der Emissionshöchststand bereits erreicht ist, ist daher zumindest fraglich. «Die CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen könnten in diesem Jahr um 0,5 % sinken, während die Wirtschaft solide wächst, doch das ist eher auf günstige saubere Technologien und teures Öl zurückzuführen als auf eine strengere Klimapolitik», sagte Ludovic Subran, Chefökonom und Chief Investment Officer bei der Allianz. «Ein Preisschock ist keine Strategie. Regierungen sollten der Versuchung widerstehen, ihn durch neue Subventionen für fossile Brennstoffe abzufedern, und stattdessen den Wandel durch eine vorhersehbare CO2-Bepreisung und schnellere Investitionen in Netze und Speicherkapazitäten festigen.» (mc/pg)