Biotech-Branche muss Nachhaltigkeit durch neue Wege in der Forschung sicherstellen

Labor

Zürich – Die weltweite Biotechnologiebranche verzeichnete im Jahr 2013 einen deutlichen Wachstumsschub. Die börsennotierten Unternehmen erzielten ein zweistelliges Umsatzwachstum und konnten deutlich mehr Kapital beschaffen. Der Grossteil des Branchenwachstums ist jedoch einer relativ kleinen Gruppe von führenden europäischen und US-amerikanischen Unternehmen zu verdanken. Dies verstärkt den Druck auf den Rest der Branche, die Effizienz in der Medikamentenentwicklung zu verbessern. Ferner werden die Wachstumsaussichten junger Biotech-Unternehmen in Europa nach wie vor von Finanzierungsproblemen getrübt.

Der 28. jährlich erscheinende Bericht zur Biotech-Branche von EY, Beyond borders: unlocking value, enthält eine umfassende Übersicht über die Finanzlage und die künftigen Herausforderungen des Sektors sowie die verschiedenen Möglichkeiten, die Schwierigkeiten zu meistern und mehr Werte freizusetzen. Jürg Zürcher, Biotechnology Leader für Europa, den Nahen Osten, Indien und Afrika bei EY, meint: «Die Biotechnologiebranche erlebt derzeit einen bemerkenswerten Aufschwung. Erfolgreiche Produkte haben die Umsätze angekurbelt, Investoren angezogen und grosse Unternehmen veranlasst, verstärkt in Forschung und Ent­wicklung (F&E) zu investieren. Die überwiegende Mehrheit der Unternehmen ist jedoch nach wie vor mit knappen Ressourcen sowie kostenbewussten Versicherern und Investoren kon­frontiert. Mehr denn je müssen kleine wie grosse Biotech-Unternehmen Strategien entwickeln, um mehr Wert aus der Erforschung und Entwicklung von Medikamenten zu schöpfen.»

Unterkapitalisierte Unternehmen in Europa
Wie die Zahl der Börsengänge (IPOs) zeigt, profitierten die US-Biotech-Unternehmen 2013 von einem robusten Finanzierungsumfeld. In Europa sah es anders aus, denn hier lag das bei IPOs aufgenommene Kapital deutlich unter den vor der Finanzkrise verzeichneten Werten. Nichtsdestotrotz hat das Jahr 2014 erfreulich begonnen, konnte doch bereits im ersten Quartal mehr Geld eingeworben werden als im gesamten Jahr 2013. Im Vergleich zu den USA sind europäische Unternehmen allerdings nach wie vor unterkapitalisiert. 2013 ging viel Risikokapital an irische und schweizerische Biotech-Unternehmen, Frankreich und Deutschland bildeten das Schlusslicht.

Jürg Zürcher dazu: «In Europa werden junge und kleine Unternehmen in den kommenden Jahren wohl weiterhin mit Finanzierungsproblemen konfrontiert sein. Der Sektor benötigt regulatorische Anreize, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Firmen zu erhalten und sicherzustellen, dass innovative Produkte und Dienstleistungen auf den Markt kommen.»

Wesentliche Ergebnisse des Berichts
Umsatzzuwachs: Die Unternehmen in den etablierten Biotech-Zentren (USA, Europa, Kanada und Australien) erzielten Umsätze in Höhe von 98,8 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg um 10 Prozent im Vergleich zu 2012 entspricht. Das Wachstum entfiel jedoch fast ausschliesslich auf 25 Branchenführer aus den USA und Europa, die einen Jahresumsatz von jeweils mehr als 500 Millionen US-Dollar aufweisen.

F&E-Ausgaben steigen wieder: Die F&E-Ausgaben legten gegenüber dem Vorjahr beträchtlich zu. Der Anstieg um 14 Prozent ist hauptsächlich auf die Zunahme der US-F&E-Ausgaben zurückzuführen (plus 20 Prozent). Damit sind die F&E-Aufwendungen erstmals seit dem Ausbruch der Finanzkrise kräftiger gewachsen als die Umsätze.

Gewinnrückgang:  Der Gewinn der Branche ging um 0,8 Milliarden US-Dollar (d. h. 15 Prozent) zurück, was hauptsächlich auf die um 3,7 Milliarden US-Dollar gestiegenen F&E-Ausgaben zurückzuführen ist.

Massiver Anstieg der Marktkapitalisierung: Die Marktkapitalisierung der Biotech-Unternehmen erhöhte sich um 65 Prozent auf 791,8 Milliarden US-Dollar. Der Hauptgrund hierfür lag in der starken Performance der Branchenführer, die den gesamten Sektor mit sich zog.

Deutliche Verbesserung der Finanzierungssituation: 2013 warben die Biotech-Unternehmen in Nordamerika und Europa 31,6 Milliarden US-Dollar ein – eine beträchtliche Erhöhung gegenüber den 28,7 Milliarden US-Dollar im Vorjahr und der zweithöchste Wert seit 2003. 50 Biotech-Unternehmen (in den USA, Kanada und Europa) gingen 2013 an die Börse und erzielten dabei Einnahmen von 3,5 Milliarden US-Dollar. Das ist ein Plus von 300 Prozent gegenüber dem Vorjahr und das höchste Niveau seit dem Jahr 2000. Die Mehrheit des Finanzierungskapitals wurde erstmals seit 2010 von Unternehmen mit einem Umsatz von unter 500 Millionen US-Dollar aufgenommen. Der Umfang dieses so genannten Innovationskapitals stieg im Vorjahresvergleich um 36 Prozent.

Risikokapital knapp über Vorjahresniveau: Das von Unternehmen in Nordamerika und Europa aufgenommene Risikokapital belief sich 2013 auf 5,8 Milliarden US-Dollar und lag damit leicht über den im Vorjahr verzeichneten 5,5 Milliarden US-Dollar.

M&A-Wert verdoppelt: Der Gesamtwert der Fusionen und Übernahmen (M&A) unter Beteiligung US-amerikanischer oder europäischer Biotech-Unternehmen belief sich auf 55,7 Milliarden US-Dollar, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Der massive Anstieg ist in erster Linie auf drei Mega-Deals sowie auf die immer aktiveren Biotech-Käufer zurück­zuführen. Grosse Pharmakonzerne gaben 2013 ungefähr denselben Betrag für den Erwerb von Biotech-Unternehmen aus wie im Vorjahr. Die Fähigkeit der grossen Pharmaunternehmen, M&A durchzuführen, sank 2013 im Vergleich zum Biotechnologiesektor.

Werte freisetzen: eine schwierige Aufgabe
Trotz der insgesamt positiven Finanzergebnisse sind die meisten Biotech-Unternehmen in einem Umfeld mit knappen Ressourcen tätig und daher gezwungen, ihre F&E-Aktivitäten möglichst kapitaleffizient durchzuführen. Ausserdem sorgen bestimmte Entwicklungen dafür, dass Unternehmen mit ihren Produkten höhere Werte realisieren müssen. Zu diesen Entwicklungen zählen beispielsweise Markteintrittsvereinbarungen, bei denen Kostenträger den Unternehmen Aufwendungen auf Grundlage der Leistung ihrer Produkte erstatten, oder strategische Allianzen, bei denen Meilensteine an die kommerzielle Leistung und nicht an die Ergebnisse klinischer Studien geknüpft sind.

Drei Strategien, wie Werte aus dem Forschungsprozess freigesetzt werden können
Adaptive klinische Studien: Der seit langem bestehende zeitraubende und undurchsichtige Prozess aus drei aufeinanderfolgenden klinischen Studienphasen muss reformiert werden. F&E-Mittel sind mehrere Jahre lang gebunden und gelten als irreversible Kosten. Diese werden nur dann neu bewertet, wenn das Medikament in die nächste Phase eintritt. Adaptive klinische Studien sind so konzipiert, dass Biotech-Unternehmen auf Grundlage der Studiendaten ihre Hypothesen sofort weiterentwickeln und ihre F&E-Mittel neu verteilen können. Etwa 20 Prozent der derzeit durchgeführten klinischen Studien enthalten adaptive Elemente. Vorreiter sind dabei globale Pharmakonzerne, während Biotechnologieunternehmen in den frühen Phasen der Medikamentenentwicklung bislang nur wenige adaptive Studien durchführen.

Präzisionsmedizin: Der Einsatz von Biomarkern und zielgerichteten Therapien ermöglicht es Unternehmen, diejenigen Patientengruppen zu ermitteln, welche von einer bestimmten Therapie voraussichtlich am meisten profitieren. Gleichzeitig können die Risiken der Medikamentenentwicklung gemindert und die Bewertung durch Stakeholder möglicherweise verbessert werden. Ferner kann Präzisionsmedizin Unternehmen zu mehr Sicherheit verhelfen, wenn Verträge mit Risikoteilung abgeschlossen werden wie z.B. Markteintrittsvereinbarungen mit Kostenträgern oder Vereinbarungen mit strategischen Partnern, bei denen Meilensteinzahlungen an kommerzielle Leistungen geknüpft sind. Bislang werden jedoch nur rund 100 Biomarker routinemässig im klinischen Alltag eingesetzt. Biotech-Unternehmen sollten den Einsatz dieser Techniken ausweiten.

Vorwettbewerbliche Zusammenarbeit: In den letzten Jahren haben branchenübergreifende Projekte stetig zugenommen. Ziel solcher Projekte ist die Lösung gemeinsamer Anliegen, beispielsweise die Einführung einheitlicher Methoden für klinische Studien und die Entwicklung von Standards für die Erfassung praxisbezogener Daten. Wie bei adaptiven klinischen Studien sind auch hier keine Biotech-Unternehmen, sondern nur grosse Pharmakonzerne an vorderster Front tätig. Ausserdem kann vorwettbewerbliche Zusammenarbeit dazu beitragen, dass Unternehmen bei wichtigen Stakeholdern Vertrauen aufbauen. Das macht sich in einer Zeit, in der Kostenträger und Regulatoren die Produkte immer kritischer in Augenschein nehmen, besonders bezahlt.

Jürg Zürcher betont: «Unternehmen aller Grössen müssen ihre F&E-Aktivitäten so effizient wie möglich gestalten. Dabei können adaptive Studien, Präzisionsmedizin und vorwettbewerbliche Zusammenarbeit dazu beitragen, zusätzliche Werte freizusetzen, die in den Forschungs- und Entwicklungsprogrammen von Biotech-Unternehmen verborgen sind. Um diese Strategien schneller umzusetzen, sollten Unternehmen neue Formen von Partnerschaften eingehen. Auf diese Weise können sie Kapazitätslücken schliessen, logistische Probleme lösen und dank der hohen Anpassungsfähigkeit der Branche auf neue Herausforderungen reagieren.» (EY/mc/pg)

Erläuterungen zu den Ergebnissen des Reports
Die zentralen Ergebnisse dieses Reports basieren auf einer von EY durchgeführten Analyse von Unternehmen, deren Hauptgeschäftszweck in der Kommerzialisierung der modernen Biotechnologie besteht. Dabei haben wir uns auf Biotech-Unternehmen in den etablierten Biotech-Zentren Nordamerika, Europa und Australien beschränkt Die moderne Biotechnologie nutzt die Gentechnologie und andere molekularbiologische Verfahren, um innovative Medikamente, Diagnostika, Spezialchemikalien sowie transgene Pflanzen und Tiere zu produzieren. Dies schliesst auch sämtliche Technologien, Forschungsarbeiten und Dienstleistungen ein, die in den vorgenannten Bereichen eingesetzt bzw. durchgeführt werden. Unsere Primärerhebung basiert auf einer jährlichen Befragung von Unternehmen sowie öffentlich verfügbaren Informationen (Geschäftsberichte, Websites etc.). Sie wird ggf. durch Daten externer Anbieter (BioCentury, Capital IQ, Medtrack, VentureSource und Thomson) sowie regionale Informationsquellen ergänzt. Spezifische Quellen sind jeweils unter den Abbildungen des Reports aufgeführt.

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