BlackRock – Aktueller Blick auf die Märkte: Angst vor dem Zinsschock

BlackRock – Aktueller Blick auf die Märkte: Angst vor dem Zinsschock
Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock.

In der letzten Woche war zu beobachten, wie stark die Kombination aus vielversprechendem Impffortschritt in Kombination mit der Aussicht auf massiven Stimulus auf die längerfristigen Zinsen wirken kann. In den USA, wo schon gut 20% der Bevölkerung mindestens die Erstimpfung gegen Covid-19 erhalten haben (relativ zur Bevölkerung gut dreimal so viele wie in Deutschland) und wo die Aussicht auf ein gigantisches Stimulusprogramm der Regierung Biden die Konjunktur- und Inflationserwartungen treibt, stiegen die zehnjährigen Staatsanleiherenditen teilweise auf über 1,6%, ihren höchsten Wert seit Ende 2019.

Researchberichte von Investmentbanken sprachen von Erinnerungen an das ‚Taper Tantrum‘, den starken Zinsanstieg im Frühjahr 2013, als der damalige Fed-Chef Ben Bernanke erstmals von einer Abschwächung der Anleihekäufe sprach. Nur besteht eben der grosse Unterschied zur heutigen Situation genau darin, dass die Zentralbanken keine Anzeichen machen, ihre Anleihekäufe zu reduzieren. Im Gegenteil. Fed-Chef Jerome Powell stellte klar, dass er die Zeit für eine Verlangsamung der Liquiditätszufuhr noch nicht für gekommen hält. Und in Europa versicherten EZB-Präsidentin Christine Lagarde sowie mit Isabel Schnabel und Philip Lane zwei weitere Direktoriumsmitglieder in einer geradezu konzertierten Aktion, die EZB werde ihre Anleihekäufe fortführen und falls notwendig sogar ausweiten, um mit lockeren Finanzierungsbedingungen im Euroraum günstige Voraussetzungen für die Erholung der Wirtschaft zu schaffen.

Dennoch standen zum Ende letzter Woche die zehnjährigen Staatsanleiherenditen in den USA um 53 Basispunkte höher als zum Jahresende 2020, und in Europa immerhin um 28 Basispunkte. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass die Zentralbanken die Mittel haben, sich unerwünschten Zinsanstiegen in jeder gewünschten Grössenordnung entgegenzustellen. Bisher allerdings zeigt sich das zu Jahresbeginn von uns erwartete Bild, nämlich eines im Verhältnis zu den Inflationserwartungen eher milden Renditeanstiegs. Die im Ergebnis sogar weiter gesunkenen Realzinsen sprechen somit weiterhin für eine Übergewichtung von Aktien.

Zu einer relativen Vorteilhaftigkeit für Aktien auch aus strategischer Asset Allocation-Perspektive kommen auch die druckfrischen Capital Market Assumptions (CMAs) des BlackRock Investment Institute, die seit letzter Woche erstmals in klimaadjustierter Form vorliegen. Kernaussage dieses neuartigen Einbezugs von Klimaerwägungen in Anlageentscheidungen ist, dass Klimarisiken nicht nur Investitionsrisiken sind (etwa wegen möglicher rechtlicher Folgen oder regulatorischer Verschärfung bei Verfehlung der CO2-Ziele), sondern dass die Möglichkeiten, die sich aus der Klimaherausforderung ergeben, auch erhebliche Investitionschancen ergeben. So dürften viele Sektoren von dem Potenzial profitieren, welches in Bezug auf anstehende Investitionszuflüsse in grüne Technologie besteht. Eine der Schlussfolgerungen hieraus ist etwa, dass Aktien in Industrieländern mehr Rendite versprechen als solche in Schwellenländern, einfach weil begünstigte Sektoren wie Technologie oder Healthcare in Industrielandindizes prominenter vertreten sind.

Was das für Anleger bedeutet
In der Schweiz finden am nächsten Wochenende drei Volksabstimmungen statt. Eine davon, jene über die sogenannte E-ID, also einen digitalen Ausweis zur Identifizierung im Netz, könnte wegweisend für andere europäische Länder sein. Im Kern geht es darum, ob der Staat es Privatunternehmen erlauben soll, solche E-IDs unter Aufsicht selbst auszugeben, oder ob dies staatliche Hoheitsaufgabe bleiben soll. Befürworter des E-ID-Gesetzes verweisen auf die Innovationskraft der Privatanbieter, während die Gegner mit dem Datenschutz argumentieren und Privatfirmen die sichere Handhabung personenbezogener Daten nicht zutrauen. Umfragen etwa von GFS Bern sind zuletzt in Richtung einer Ablehnung des Gesetzes gekippt, mit 54:42 bei nur 4% Unentschiedenen. Sollten sich die Schweizer dafür entscheiden, die digitale Identifikation ausschliesslich beim Staat zu belassen, könnte dies Vorbildfunktion für die entsprechende Handhabung auch in anderen Ländern haben.

Kurzfristig könnte im Falle einer Ablehnung des Gesetzes durchaus das Wachstumspotenzial onlinebasierter Geschäftsmodelle gedämpft werden. In der längeren Frist könnte allerdings stärkeres Vertrauen in die Datensicherheit sogar eine steigende Zahl von Verbrauchern dazu veranlassen, sich für die Nutzung von Onlinediensten per ID im Netz zu registrieren. Der Widerstreit zwischen der Attraktivität von Dienstleistungen im Netz einerseits und Datensicherheit andererseits dürfte – auch und gerade in Zeiten Covid-bedingter Lockdowns – eine wichtige Determinante für den Megatrend digitaler Services bleiben. (BlackRock/mc/ps)

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