BlackRock: Aktueller Blick auf die Märkte – Berliner Farbenspiele

Martin Lück
Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock.

Frankfurt – Seit Koalitionen aus drei Parteien zum Regelfall deutscher Parlamentswahlen geworden sind, ist es üblich, die entsprechenden Konstellationen mit Farbenspielen zu umschreiben. So klingt „Jamaica“ viel cooler als „CDU/CSU, Grüne und FDP“ und „Ampel“ wesentlich griffiger als rot-grün-gelb. Noch nie aber ist in der Bundespolitik so kurz vor einer Wahl das Rennen zwischen gleich drei Lagern so eng gewesen wie aktuell. Nach den letzten Umfragen liegen CDU/CSU, Grüne und SPD innerhalb einer Spanne von nur fünf Prozentpunkten. Die oben genannten Kombinationen sind also noch zu erweitern um die Möglichkeiten einer Deutschland- und einer Kenia-Koalition, wenngleich diese Optionen vermutlich eher geringere Eintrittswahrscheinlichkeiten haben als „Jamaica“ und „Ampel“.

Es gibt eine Reihe von Gründen, die zu diesem Kopf-an-Kopf-an-Kopf-Rennen geführt haben, darunter die Kandidaten, die gefühlte Dringlichkeit gesellschaftlicher Aufgaben (etwa Klima oder Ungleichheit) sowie exogene Ereignisse wie die Flutkatastrophe im Juli oder jüngste Entwicklungen in Afghanistan. Aus Finanzmarktsicht ist aber wichtig festzustellen, dass diese Bundestagswahl bei aller Konsensfähigkeit in der politischen Mitte eine sehr bedeutende werden könnte. So ist für die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes nicht nur die Höhe der Unternehmenssteuersätze relevant, sondern auch und vor allem eine Idee davon, wie die Bekämpfung des Klimawandels für deutsche Unternehmen zu einer Chance statt zu einem Risiko gemacht werden kann. Ebenso wichtig ist es, dass die nächste Bundesregierung Europas grösste Volkswirtschaft so positioniert, dass sie in Partnerschaft mit den nächstgrössten Ländern Frankreich, Italien und Spanien, aber auch mit Rücksicht auf kleinere Partner wie die Niederlande oder Österreich die europäische Integration vorantreibt statt wie in der Eurokrise 2010-2012 ihre vornehmste Aufgabe darin zu sehen, diese Integration als vermeintliche „Schuldenvergemeinschaftung durch die Hintertür“ möglichst effektiv zu verhindern. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass Aktien- und Rentenmärkte unterschiedliche Wunschvorstellungen bezüglich des Wahlergebnisses am 26. September haben. Während für Aktieninvestoren vor allem Programmpunkte wie Deregulierung und Steuersenkungen attraktiv sind, schauen Rentenanleger verstärkt darauf, ob und wie sich die Zinslandschaft unter dem Einfluss der nächsten Bundesregierung verändern könnte. Legt die künftige Regierung etwa mehr Wert auf die europäische Kapitalmarkt- bzw. Bankenunion als die bisherige, wäre dies wohl ein positives Signal für Peripherieanleihen. Es kommt aus Kapitalmarktsicht also sehr darauf an, durch welche Brille man die Bundestagswahl betrachtet.

Wenig verwunderlich ist auch, dass vor allem das Ansehen der bisherigen Regierung unter dem Versagen in Afghanistan leidet, wenngleich zu unterschiedlichen Teilen. So hat sich der Absturz der CDU/CSU in den Umfragen beschleunigt, seit offensichtlich ist, wie eklatant die Fehleinschätzungen in beteiligten Ministerien und Kanzleramt gewesen sind. Nun könnte man aber meinen, das Elend sei ja gerecht verteilt, denn mit Aussen-, Verteidigungs- und Innenministerium sind ja jeweils von SPD, CDU und CSU geführte Ressorts gleichermassen mit Fehlleistungen aufgefallen, und auch das CDU-geführte Kanzleramt hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Dagegen ist erstaunlich, dass gerade das massiv unter Druck geratene Aussenamt keineswegs zur Belastung für die SPD geworden ist. Offenbar sorgt die Tatsache, dass laut Umfragen mehr als doppelt so viele Wähler Olaf Scholz – warum auch immer – Vertrauen in der Aussenpolitik entgegenbringen als Armin Laschet oder Annalena Baerbock dafür, dass das Afghanistanthema der SPD eher nützt als schadet. Und weil die Tragödie am Hindukusch sich noch in voller Entfaltung befindet und die Umfragewerte der Parteien sich nahezu täglich verändern, könnten sich die Wahrscheinlichkeiten der Berliner Farbenspiele in den verbleibenden knapp fünf Wochen noch erheblich verschieben. Eine humanitäre Katastrophe als Game-changer im Wahlkampf.

Jackson Hole könnte weniger spannend werden als erwartet
Vom für diese Woche anstehenden Symposium in Jackson Hole hatten sich viele Marktbeobachter Aufschluss über die Tapering- und Lift-off-Pläne der Fed versprochen. Gut möglich aber, dass Jerome Powells Rede am Freitag diesbezüglich weniger Hinweise liefert als erwartet. Denn das letzte Woche veröffentlichten Protokoll der FOMC-Sitzung von Ende Juli deutet bereits darauf hin, dass der für eine Straffung der Geldpolitik erforderliche „substantial further progress“ vor allem anhand der Arbeitsmarktentwicklung beurteilt werden dürfte. Und die lässt trotz des starken Payroll-Berichts für Juli noch zu wünschen übrig, solange die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe deutlich über Vor-Pandemie-Niveau liegen. Der erste Taperingschritt könnte also gut erst Anfang 2022 erfolgen.

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