BlackRock Marktausblick: Rückkehr der Optimisten

BlackRock Marktausblick: Rückkehr der Optimisten
Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock. (Foto: zvg)

Von Martin Lück, BlackRock Leiter Kapitalmarktstrategie

Es waren zwei Ereignisse in den Vereinigten Staaten, Inflationsdaten und die Kongresswahlen, welche in der vergangenen Woche Risikoanlagen ordentlich Wasser unter den Kiel spülten und rings um die Welt die Aktienpreise regelrecht nach oben katapultierten. Dabei ist der im 6,7%-Wochenplus des MSCI World abgebildete Optimismus keineswegs selbstverständlich. Denn die immer noch laufende Berichtssaison für das dritte Quartal hätte bei den Unternehmensergebnissen für ein negatives Vorzeichen gesorgt, wären da nicht die Gewinne der Energieunternehmen, welche von Russlands Überfall auf die Ukraine und der resultierenden Energiekrise profitiert haben.

Dass also die Rückkehr der Bullen vor allem von der Zinsseite herrühren muss, wird bestätigt durch einen ebenfalls im Wochenvergleich bemerkenswerten Kursanstieg globaler Anleihen (1,7%) und einem entsprechenden Rücksetzer bei den Zinsen. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe gab über den Wochenverlauf um enorme 30 Basispunkte nach, ihr deutsches Pendant um immerhin 13 Basispunkte. Was also war genau passiert?

Der mit Spannung erwartete Index der Verbraucherpreise (CPI) war in den USA im Oktober weniger stark angestiegen als erwartet, nämlich „nur“ um 7,7% und damit einen halben Prozentpunkt schwächer als noch im September. Marktbeobachter hatten einen derart markanten Rückgang nicht zu hoffen gewagt. Noch mehr freuten sie sich aber über die nachlassende Dynamik bei der Kerninflation. Statt wie erwartet um 0,5% gegenüber dem Vormonat zuzulegen (was einer leichten Verlangsamung gegenüber September, aber immerhin noch einer annualisierten Rate von über 6% entsprochen hätte), verlangsamte sich der Anstieg auf nur noch 0,3%, umgerechnet auf eine fiktive Jahresrate also unter 4%.

Eine zunehmende Zahl von Marktteilnehmern interpretiert derartige Zahlen im Sinne einer zunehmenden Wahrscheinlichkeit dafür, dass die US-Notenbank schon bald den Fuss von der Bremse nehmen könnte. Für den nächsten Zinstermin am 14. Dezember ist derzeit eine Zinsanhebung um 50 Basispunkte mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 80% eingepreist. Das wäre nach vier Erhöhungen um jeweils 75 Basispunkte eine Abflachung des Zinspfades und möglicherweise eine Bestätigung für die Annahme, dass der Gipfel der US-Leitzinsen, die sogenannte Terminal Rate, bereits in Sicht kommt. Zwar beeilten sich Fed-Offizielle, nach der Veröffentlichung der Inflationszahlen vor zu viel Optimismus zu warnen, aber sollte sich die Abkühlung der Preisdynamik im November und Dezember fortsetzen, könnte durchaus auch die Fed selbst gezwungen sein, eine langsamere Gangart anzudeuten. Dies vor allem, weil sich die Wirtschaftsaktivität über den Winter weiter abschwächen könnte. Im Oktober fiel der Verbrauchervertrauensindex der Universität Michigan um über fünf Punkte auf 54,7% und damit gefährlich nahe an sein 70 Jahres-Tief vom Sommer 2022.

Wenn sich im privaten Konsum, der über zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage in den USA ausmacht, die schlechte Stimmung weiter ausbreitet, dürfte die zum Ende der Coronapandemie beobachtete Übernachfrage an Kraft verlieren, was im Zusammenwirken mit restriktiven Zentralbankzinsen die Inflationsentwicklung weiter bremsen würde. Und wenn im Frühjahr wie erwartet starke Basiseffekte dazukommen (die Auswirkungen der grössten Inflationstreiber im Jahr 2022 – Lieferkettenengpässe und Russlands Angriffskrieg – werden ab Q2 aus den Statistiken herauswachsen), könnte die Inflation schneller sinken als derzeit viele erwarten. Dabei sei der Vollständigkeit erwähnt, dass selbst angesichts eines sich aufhellenden Inflationshorizonts der gegenwärtige Optimismus an den Aktienmärkten verfrüht sein könnte. Denn zumindest eine tiefe Rezession, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz ausgeschlossen werden kann, würde bedeuten, dass die Gewinnschätzungen nach wie vor zu hoch sind und damit weitere Preisrücksetzer drohen.

Denkzettel für die Demokraten, aber keine rote Welle
Das zweite aus Marktsicht positive Ereignis der Vorwoche waren die US-Kongresswahlen. Denn die Demokraten erhielten mit dem wahrscheinlichen Verlust ihrer Mehrheit im Repräsentantenhaus einen Denkzettel, was Aktienanleger üblicherweise positiv bewerten, denn in der Vergangenheit haben sich den meisten Fällen die Märkte nach einem entsprechenden Machtwechsel bei den Midterms günstig entwickelt. Gleichzeitig blieb die von vielen befürchtete rote Welle, also ein Erdrutschsieg der Republikaner, aus. Im Senat konnten die Demokraten sogar ihre hauchdünne Mehrheit verteidigen, möglicherweise (abhängig von der Stichwahl in Georgia am 6. Dezember) sogar ausbauen.

Für die Märkte ist ein derart überzeugendes Lebenszeichen der amerikanischen Demokratie bei gleichzeitigem Signal an die regierende Partei, nur nicht übermütig zu werden, die beste aller Welten. In der Tagespolitik kann sich Präsident Biden nun den wichtigsten Baustellen zuwenden. In Zeiten multipler globaler Krisen steht dabei der persönliche Austausch mit anderen Staats- und Regierungschefs, allen voran mit solchen aus nicht gerade befreundeten Ländern, weit oben auf der Liste. Der für heute und morgen geplante G20-Gipfel in Bali kann demnach grosse Bedeutung erlangen und hat das Potenzial, der gegenwärtig eher freundlichen Marktstimmung eine weitere Komponente hinzuzufügen. (BlackRock)

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