Das stille Sterben unter Wasser

Das stille Sterben unter Wasser
Hechte in Süssgewässern. (Bild: WWF)

Zürich – Süsswasser-Fische sind Nahrungsgrundlage für 200 Millionen Menschen. Doch Überfischung, Verschmutzung und der Bau von Hindernissen und Wasserkraftwerken setzt den Fisch-Beständen stark zu. Jede dritte Art ist vom Aussterben bedroht, warnt ein neuer WWF-Bericht. In der Schweiz stehen 58 Prozent der Süsswasserfische auf der Roten Liste. Der WWF setzt sich dafür ein, dass unnötige Hindernisse beseitigt, Wasserkraftwerke ökologisch saniert und verbaute Gewässer aufgewertet werden.

  • Die Süsswasserfischerei ist Hauptproteinquelle für 200 Millionen Menschen und Lebensgrundlage für 60 Millionen.
  • Der Wert der Fischerei liegt bei über 38 Milliarden US-Dollar, während die Freizeitfischerei 100 Milliarden US-Dollar generiert.
  • Mehr als die Hälfte aller Fischarten leben im Süsswasser: Süsswasserfische machen 51 Prozent aller Fischarten und einen Viertel aller Wirbeltierarten aus.

Thomas Ammann, Fischexperte beim WWF Schweiz:
«Nirgendwo sonst ist die weltweite Naturkrise stärker spürbar als in unseren Flüssen, Seen und Feuchtgebieten. Davon zeugt der rapide Rückgang der Süsswasserfischpopulationen. Trotz ihrer Bedeutung werden Süsswasserfische immer wieder vergessen und bei Entscheiden zu Wasserkraftdämmen, Wassernutzung oder Bebauung von Überschwemmungsgebieten übergangen. Die Situation der Fische in der Schweiz ist kritisch. Es müssen dringend mehr Mittel investiert werden, um die freie Fischwanderung in den Flüssen zu gewährleisten.»

Süsswasserfische stehen stark unter Druck: Jede dritte Art ist bereits vom Aussterben bedroht. Das zeigt der heute veröffentlichte Bericht «The Worlds Forgotten Fishes» von 16 Naturschutzorganisationen. Die Artenvielfalt im Süsswasser nimmt doppelt so rasch ab wie jene in den Meeren oder Wäldern. Bereits 80 Arten von Süsswasserfischen wurden für „ausgestorben“ erklärt, 16 davon allein im Jahr 2020. Die Bestände wandernder Süsswasserfische sind seit 1970 um 76 Prozent zurückgegangen und die der sehr grossen Fische um katastrophale 94 Prozent. Für die Gesundheit der Flüsse, Seen und Feuchtgebiete ist ein Artenreichtum aber entscheidend.

Der Bericht zeigt die vielfältigen Bedrohungen der Süsswasser-Ökosysteme auf: die Zerstörung von Lebensräumen, Wasserkraftwerke an frei fliessenden Flüssen, die übermässige Wasserentnahme für die Bewässerung sowie die Verschmutzung durch Haushalte, Landwirtschaft und Industrie. Dazu kommen Überfischung und destruktive Fischereipraktiken, invasive, nicht heimische Arten und die Klimaerwärmung. Drei Beispiele von massivem Artenrückgang:

  • Die Hilsa-Fischerei im Ganges flussaufwärts von Farakka im indischen Bundesstaat Westbengalen ist nach dem Bau der Farakka-Staustufe in den 1970er Jahren von einem Ertrag von 19 Tonnen Fisch auf nur noch 1 Tonne pro Jahr eingebrochen;
  • Wilderei für illegalen Kaviar ist ein Hauptgrund dafür, dass Störe zu den am stärksten bedrohten Tierfamilien der Welt gehören;
  • Übermässig hohe Fangquoten im Fluss Amur trugen zu einem katastrophalen Rückgang des grössten Lachsbestandes Russlands bei; im Sommer 2019 wurden keine Keta-Lachse in den Laichgebieten mehr gefunden.

Der WWF setzt sich in einem Sechs-Punkte-Plan für die Rettung der Süsswasser-Lebensräume ein, welche zu den artenreichsten der Welt überhaupt gehören:

  1. Revitalisierung von Flüssen und Bächen
  2. Verbesserung der Wasserqualität der Gewässer
  3. Besserer Schutz und Aufwertung wertvoller Süsswasser-Lebensräume
  4. Überfischung und zerstörerischer Sandabbau in Flüssen und Seen müssen beendet werden
  5. Prävention und Kontrolle von invasiven Arten
  6. Schutz von freifliessenden Flüssen und die Entfernung von unnötigen Hindernissen

Viele Fischarten auch in der Schweiz bedroht: Bund, Kantone und Gemeinden gefordert
Auch in der Schweiz sieht die Lage für die Fische alles andere als rosig aus: 58 Prozent stehen auf der Roten Liste. Ausgestorben sind insgesamt 8 Arten: Lachs, Meerforelle, Flussneunauge, Atlantischer Stör, Maifisch, Mittelmeerstör, die Finte und der Huchen. Ursache sind auch hierzulande der Bau von Wasserkraftwerken und die starke Degradierung der Fliessgewässer zwecks Landnutzung. Fische müssen wandern können, Barrieren hindern sie daran die Lebensräume für die unterschiedlichen Anforderungen während ihrer Lebenszyklen zu erreichen.

Bund, Kantone und Gemeinden stehen in der Pflicht, Mittel zu investieren und einen schnellen Vollzug der nötigen Massnahmen aufzugleisen, um die Wasserkraftwerke bis 2030 zu sanieren. (WWF/mc/ps)

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