Deine Götter sind auch meine

Deine Götter sind auch meine
Dr. Nandini Pandey in der Skulpturhalle Basel. (Foto: Universität Basel, Oliver Hochstrasser)

Basel – Die Römer beherrschten einst den gesamten Mittelmeerraum. Wie gingen sie mit der Vielfalt in ihrem Reich um? Und was können wir davon lernen? Die Latinistin Nandini Pandey sucht nach Antworten.

Von der Iberischen Halbinsel bis nach Mesopotamien und von Nordafrika bis an den Limes im Norden Englands: Das römische Reich erreichte seine grösste Ausdehnung im Jahr 117 nach Christus und vereinigte unterschiedliche Ethnien und Menschen aller Couleur. Die Hautfarbe sagte nichts darüber aus, welcher gesellschaftlichen Schicht jemand angehörte. «Rom war nicht weiss», stellt Dr. Nandini Pandey klar. «Die Vorstellung vom weissen Herrn und dem schwarzen Sklaven geht zurück auf den Kolonialismus: Die jüngere Geschichte überlagert die ältere.»

Pandey untersucht für ihre Monografie mit dem Arbeitstitel «Diversitas: Negotiating Difference in Imperial Rome» die Vielfalt innerhalb des römischen Reichs und den Umgang mit ihr. Die Associate Professorin an der University of Wisconsin-Madison forscht derzeit im Rahmen eines Fellowship in Latin Literature für zwei Monate an der Universität Basel (vgl. Box). «Die Bibliothek ist sehr gut ausgestattet. Ich habe jedes Buch gefunden, das ich für meine Arbeit brauche», freut sie sich.

Integration statt Ausgrenzung
Vom römischen Umgang mit Diversität können wir einiges lernen, ist die Latinistin überzeugt. «Die Römer setzten nicht einfach auf Repression, sondern stark auch auf Inklusion.» Erstere hätte eine Unmenge Soldaten gebraucht und sie hätte Aufstände und Unruhen provoziert. Es war einfacher, beispielsweise hergebrachte Gottheiten kurzerhand ins römische Pantheon zu integrieren, als sie den Leuten gewaltsam auszutreiben. Pandey: «Götter, die Rom wohlgesinnt sind, schützen das Reich, so die Vorstellung. Je mehr es davon gibt, desto besser.»

Auch galten eroberte Völker nicht als biologisch minderwertig und wurden oft sehr bewundert – wie etwa die Liebe der Römer zur griechischen Kunst zeigt. Das Imperium ermöglichte manchen Menschen eroberter Völker gar die römische Staatsbürgerschaft und hatte damit ein bemerkenswert durchlässiges Modell der sozialen Zugehörigkeit. «Dadurch fühlten sich die Menschen in allen Teilen des Reichs mit Rom verbunden, was ihre Loyalität stärkte», sagt die amerikanische Altphilologin.

Sie will die Vergangenheit allerdings nicht glorifizieren: «Es gab auch viel Gewalt, Ungleichheit und Diskriminierung, das lässt sich nicht leugnen.» Und doch findet sie, dass wir uns eine Scheibe von den Römern abschneiden können, wenn wir mit Menschen in Kontakt kommen, die einen anderen Hintergrund haben. «Wir sollten Migrantinnen und Migranten respektvoll behandeln, dankbar sein für ihre Leistung und ihnen bessere Eingliederungs- und Aufstiegsmöglichkeiten zu bieten. Schliesslich bauen wir auf diese Menschen; oft erledigten sie Arbeiten, die sonst keiner machen möchte. Wir brauchen sie in unserer Gesellschaft, sie sollten also auch Teil davon sein», gibt die Forscherin zu bedenken.

Schliesslich hätten wir alle verschiedene Identitäten – private, berufliche, geografische – und waren irgendwann in der Familiengeschichte Zugezogene. Das gilt auch für Pandey. Die Tochter indisch-amerikanischer Einwanderer in New York ist gebürtige Amerikanerin. Dennoch ist sie immer wieder konfrontiert mit Fragen zu Identität und Zugehörigkeit in ihrem Heimatland und in ihrem akademischen Bereich. Auch diese eigenen Erfahrungen sollen im Buch vorkommen, verrät sie.

Vielfalt als Marketingstrategie
Im römischen Reich waren auch multiethnische Ehen und folglich Familien keine Seltenheit. Diversität war Teil des täglichen Lebens. Jeder Haushalt war ein vielfältiger Mikrokosmos, der Waren und Menschen aus fernen Ländern einschliessen konnte. Diese waren sowohl Vertreter als auch wichtige Informationsquellen für weit entfernte Teile des römischen Reichs. «Die Römer waren sehr stolz auf diese Vielfalt in ihrem Reich», so Pandey.

Diese Vielfalt zusammenzutragen und zur Schau zu stellen demonstrierte Kultiviertheit und Weltoffenheit: exotische Tiere im Amphitheater, importierte Lebensmittel, bunte Steine in einem Mosaik, aber auch auswärtige Sklaven wurden gesammelt wie Trophäen. «Das war natürlich auch eine Demonstration von Macht und das gilt es durchaus kritisch sehen», betont Nandini Pandey. Dieses Prinzip gelte auch heute noch. «Wenn sich zum Beispiel eine amerikanische Uni rühmt, aus wie vielen Ländern ihre Studierenden kommen, ist das in erster Linie ein Statussymbol. Die Diversität ist mitunter Teil des Marketings, die Menschen dahinter werden zu einer Art Sammelobjekte.»

Wenn Nandini Pandey erzählt, ist der Staub, der den alten Sprachen anhaftet, wie weggeblasen. Oder wie sie es ausdrückt: «Solange wir diese Texte lesen und sie uns etwas zu sagen haben, bleiben sie lebendig, und damit auch die sogenannten toten Sprachen.» (Universität Basel/mc/ps)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.