Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Ausser Rand und Band?

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Bald «begehen» wir das zweijährige Corona-Jubiläum. Wahrscheinlich kommt es den meisten unter uns schon viel länger vor, seit das Virus unser Leben verändert hat. Wer hätte das Anfang 2020 gedacht? Alle Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Pandemie wurden wiederholt zerschlagen und so zieht sich das Ganze hin – auf nach wie vor nicht absehbare Zeit. Wie viele Varianten werden noch folgen? Werden sie schlimmer oder harmloser verlaufen? Wird am Schluss nur die Herdenimmunität zum Ausgang führen?

Und was bedeutet dies alles für den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Für die internationale Zusammenarbeit? Fragen über Fragen, auf die es noch viel mehr Antworten gibt. Dies, obwohl niemand, der ehrlich ist, eine Antwort auf diese Fragen hat. Dafür hat aber jeder mittlerweile eine Meinung dazu.

Rohstoffe und Halbleiter, wer hätte das gedacht?
Wenigstens hat sich die Wirtschaft 2021 gefangen und ist nicht noch weiter abgestürzt. Auch für 2022 darf man aus ökonomischer Perspektive verhalten optimistisch sein. Doch was wir messen ist kaum mehr das, was wir fühlen. Die US-Wirtschaft boomt und hierzulande liegt die Wirtschaftsleistung wieder über Vorkrisenniveau. Auch Europa holt allmählich wieder auf. Soweit alles im grünen Bereich. Doch das Virus hat auch einen grossen Riss in der internationalen Arbeitsteilung hinterlassen, dessen Auswirkungen genauso unterschätzt wurden wie diejenigen des Virus. Manche Teilmärkte – Stichworte Öl, Gas, Halbleiter etc. – sind förmlich ausser Rand und Band. Andere Märkte – Stichworte Stahl oder Holz etc. – zeigen erste Tendenzen einer Normalisierung. Womit wir auch schon beim Kern des Problems angelangt wären.

Nicht normal, oder?
Was heisst schon Normalisierung – zumal in Zeiten einer Pandemie? Und was verstehen wir schon von Normalisierung? Die Pandemie lehrt(e) uns, dass wir lediglich etwas unter Normalisierung verstehen, das war’s dann aber auch. Normal heisst für uns Menschen, dass alles wieder seinen gewohnten Gang nimmt. Doch davon scheinen wir uns immer weiter zu entfernen. Nicht erst seit der Pandemie ist vieles nicht mehr so normal, wie wir es gerne hätten. Dass Entwicklung auch Veränderung mit sich bringt, können wir noch verstehen. Wenn es aber disruptiv und dazu auch noch rasch zu drastischen Veränderungen bzw. Einschnitten kommt, sind wir schnell einmal überfordert.

Auch meine Zunft der Wirtschaftsprognostiker stösst zusehend an ihre Grenzen. Schon die Finanz- und Euro-Schulden-Krise machte aus vielen selbsternannten Propheten einfache Erklärer. Erklärer dessen, was anders kam, als sie es prognostiziert hatten und warum dies so geschah. Die Pandemie schliesslich brachte meine Berufsgattung der überwiegend Schönwetterkapitäne endgültig an ihre Grenzen.

Bloss nicht ausscheren
Ich hatte heute ein Interview mit einer Schweizer Journalistin und machte meinen Job routiniert wie gewohnt. Mein Job ist es, Prognosen abzugeben und diese zu begründen. Wer da Selbstzweifel hat, sollte es besser sein lassen und wer dabei unsicher ist, wird schnell einmal unglaubwürdig, umso mehr noch, wenn er das auch ehrlich und ungeniert einräumt. Als ich mich drehte und wendete, auf 18 Monate eine Punktprognose zur Schweizer Zinskurve abzugeben und mich dabei auf die hohe Unsicherheit berief, wurde mir schlagartig klar, dass ich im Grunde (fast) nichts weiss. Genauso wie all meine Kollegen, nur tun da viele so, als ob sie alles wüssten. Dabei lagen wir seit Beginn der Pandemie und auch im Jahre 2021 prognostisch allesamt besonders daneben. Der sogenannte Consensus, ein Durchschnitt von Prognosewerten diverser Ökonomen, wurde ab März 2020 und auch im Lauf des Jahres 2021 fast im Wochenrhythmus angepasst.

2020 wurden Wachstumsprognosen zunächst völlig überrissen nach unten korrigiert, um anschliessend stufenweise wieder nach oben korrigiert zu werden. 2021 wurde die Hartnäckigkeit, mit der die Preise stiegen, massiv unterschätzt. Aber anstatt auszuscheren und mich dem unangenehmen Gegenwind des prognostischen Einheitsbreis entgegenzustellen, reihte ich mich ein in den Reigen der Masse, um bloss nicht aufzufallen oder gar anzuecken. Was gibt es Unangenehmeres als gefragt zu werden, wieso man die Meinung des Mainstreams nicht teilt? Rasch wird man zum Aussenseiter und Spinner und wenn man auch noch daneben liegt, gibt es nur Schelte und Häme. Dann doch lieber falsch liegen, aber wenigstens nicht allein. Das ist wenigstens nicht abnormal. Die anderen haben’s ja auch nicht besser gewusst. Und wenn doch, dann war es reiner Zufall und kein Wissen. Klartext: niemand kann die Zukunft vorhersagen, auch wenn die Medien immer Jemanden ausgraben, der mal recht hatte. Ein Prognosehorizont von drei Monaten ist schon höchst sportlich, alles darüber hinaus ist im Grunde wie Wahrsagerei. Trotzdem hat die ebenso Kundschaft, sogar zahlende, ähnlich wie in meiner Branche. Es gibt gerade in unnormalen Phasen eine gestiegene Nachfrage nach Prognosen, auch wenn die nur dazu dienen, irgendwelche Excel-Dateien abzufüllen, damit man seine Budgetierung plausibilisieren oder damit «hausieren» kann.

Das ist doch nicht normal…
Die Normalität, die wir uns alle wieder herbeisehnen, ist stets auch Grundlage für Wirtschaftsprognosen. Und wenn die nicht gleich zutreffen, werden sie einfach weitergerollt. So geschehen mit der berühmten Zinswende, die ab 2009 laufend auf der Agenda der Prognostiker stand und nie kam. Oder die Inflation, welche davon galoppieren würde, was nie geschah. Also wechselt der Prognostiker die Taktik, denn nach einigen Jahren unorthodoxer Zahlenkränze (und entsprechend Fehlprognosen), werden Negativzinsen, Nullinflation oder untragbare Schuldenlasten sukzessive zur neuen Normalität. Und drum sehen noch immer viele die wieder anziehende Inflation als vorübergehendes und durch Sondereffekte ausgelöstes Phänomen, die gestiegenen Renditen in den USA allmählich am Höhepunkt oder halten unsere Währung noch immer für massiv überbewertet, weshalb Negativzinsen zum Perpetuum werden.

Und wenn wieder alles anders ist?
Was aber, wenn das Jetzt zur neuen Realität wird, was einst die alte Normalität war? Da schwant mir nichts Gutes, denn auch die Ökonomen der Notenbanken ticken nicht viel anders als die in der Privatwirtschaft. Obwohl die Inflation nun auch in Europa aus dem Ruder läuft, hoffen sie noch immer auf ein vorübergehendes, ausschliesslich durch Sondereffekte getriebenes Phänomen. Währenddessen werden die «Normalbürger» ihrer Kaufkraft beraubt und ihr mühsam Erspartes wird gar noch mit Strafzinsen versehen. Eine solche Geldpolitik ist schlichtweg unsozial, was in Deutschland namhafte Ökonomen, Politiker und Ökonomen in einem gemeinsamen Brief an Christine Lagarde auch monieren. Die EZB erfülle zudem ihr (einziges) Mandat der Sicherung der Preisniveaustabilität nicht mehr.

Das wird die sture Dame aus der Fassung bringen. Die Notenbanker werden den Zeitpunkt für Zinserhöhungen verpassen – wenn sie es nicht schon haben – und irgendwann so heftig nachlegen müssen, dass die Finanzmärkte einbrechen. Die Langfristzinsen kriegen sie gleichzeitig nicht mehr in den Griff, da die Investoren der Geldpolitik nicht mehr trauen und risikoadäquate Prämien einverlangen. Es folgt eine abrupte Bremsung der Konjunktur, die Zombiefirmen gehen Konkurs und die eine oder andere Staatspleite wird folgen. Das Volk geht auf die Strasse, drohender Jobverlust und exorbitant hohe Energie- sowie Nahrungsmittelpreise führen zu unschönen gewalttätigen Demonstrationen und es kommt zu Plünderungen. Und wer weiss, was noch alles kommt. Keine Angst, all das ist natürlich ein Ding der Unmöglichkeit. Nur ein böser Traum und schon gar keine offizielle Prognose.

Ein frohes, neues und hoffentlich gewohnt normales Jahr.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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