Die Sicht des Raiffeisen-Chefökonomen: Die Welt will belogen werden

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Dass ich noch einmal in einer Branche arbeiten würde, die einen historischen Niedergang verzeichnen würde, hätte ich mir vor gut 25 Jahren, als ich beruflich von der Bau- in die Bankbranche wechselte, nicht einmal im Traum vorgestellt. Die Bauwirtschaft hat mittlerweile massiv abgespeckt. Ihre Profitabilität beträgt heute noch ein knappes Viertel des Höchststandes Ende der Achtzigerjahre, als das Baukartell noch reibungslos funktionierte und 10% Umsatzmarge branchenüblich waren.

Inzwischen ist die Erdung der Bankbranche in vollem Gange, man beachte nur die Eigenkapitalrenditen (RoE) der grossen Häuser weltweit und deren Entwicklung seit der Finanzkrise. Heute gibt es keinen CEO mehr, zumindest nicht in einer grossen Bank, der von einem RoE in der Grössenordnung von 25% spricht. Mit solchen Voten erntet er heute keine Bewunderung, sondern weckt mindestens Misstrauen oder gar Spott.

Auch das Image des Bankberufs ist heute schiefer denn je. Einst war hochgeachtet, wer bei der Bank arbeitete. Seine gesellschaftliche Rolle war die eines bewunderten, teils sogar beneideten Vorbildes. Doch auch damit ist es heute vorbei. Entsorgungsbeamte, Coiffeure oder einfache Handwerker geniessen in der Gesellschaft mehr Ansehen als der durchschnittliche Bankangestellte. Besonders in Verruf geraten sind das Investmentbanking und – nicht ganz so arg aber doch auch heftig – die Vermögensverwaltung. Trotz den nach wie vor üppigen Vergütungen in der Branche, suchen viele Finanzhäuser vergeblich Nachwuchs oder Blutauffrischung. Für die Hochschulabsolventen der weltweiten Eliteschmieden sind aber nicht mehr Finanzinstitute, sondern Technologiefirmen erste Wahl. Egal ob es um den Berufseinstieg geht oder die mittelfristige Karriereplanung.

Kredit verspielt
Das lateinische Wort „credere“, das von Kredit und folglich Vertrauen zeugt, haben nicht nur Häuser, wie Credit Suisse, Credit Agricole oder Unicredit, die das Wort sogar im Namen führen, derart strapaziert, dass heute einem Banker vorerst einmal Misstrauen anstatt Wohlwollen entgegenschlägt. Leider auch den Bankern, die eigentlich einen guten Job machen und tatsächlich das Wohl der Kunden höher gewichten als ihr eigenes. Es wird wohl Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte dauern, das Image der Branche wieder einigermassen zu festigen. Zunächst aber müssen die Strukturen bereinigt werden, was einen weiteren Aderlass nach sich ziehen wird. Merke: Kredit ist schnell verspielt, Vertrauen aufzubauen ist hingegen eine äussert langwierige Angelegenheit.

Lehren aus der Geschichte
Im alten Rom wollte lange auch niemand glauben, dass die goldenen Jahre sich dem Ende zuneigen, geschweige denn gar der Niedergang auf Raten bevorsteht. Im Gegenteil: Brot und Spiele hielten Rom bei Laune, währenddessen es an seinen Aussengrenzen bereits loderte. So weit zurück muss man aber nicht in die Geschichte, um zu zeigen, dass mystische Verklärung vor dem Fall kommt. Banken und Bau haben nämlich noch mehr gemein. Im Bauboom Ende der Achtzigerjahre waren Branchentreffen der Baumeister stets auch eine Parade höchster PS-Leistung in Form luxuriöser und sportlicher Automobile, nicht selten auch im Oberengadin. Im Banking war das nicht gross anders, nur dass die Branche auch heute noch üppige Auswüchse kennt – mit der Betonung auf noch, wie der Bau uns lehrt. In der heutigen bereinigten Struktur des Baumarktes lässt sich zwar immer noch gut Geld verdienen, jedoch nicht (mehr) unverschämt viel. „Überrissene Profite“ sind im System der freien Marktwirtschaft nicht nachhaltig, rufen sie doch unmittelbar Mitbewerber auf das Parkett. Das ist nichts anderes als die Logik des freien Wettbewerbes. Und diese Logik bedeutet im Umkehrschluss dass extrem hohe Margen nur dort lange gehalten werden können, wo der Wettbewerb eingeschränkt ist. Sei dies durch hohe Eintrittsbarrieren, Absprachen und Kartelle oder andere Faktoren bis hin zur Kriminalität. Lange ist aber lange nicht ewig und auch Rom wurde im gewissen Sinn Opfer seiner eigenen Korruption oder Dekadenz. Wettbewerb war dem Rom des Niedergangs zu anstrengend geworden.

Missverstandene Marktwirtschaft
Leider funktioniert die freie Marktwirtschaft nur in den theoretischen Modellen der Volkswirtschaftslehre. Das stabile Gleichgewicht ist genauso Utopie, wie der Irrglaube der Zentralbanken, ein Inflationsziel erfüllen zu können. Im System der Marktwirtschaft ist in Wahrheit alles in Bewegung, das grobe Gegenteil eines statischen Gleichgewichtes der Theorie. Man weiss das im Grunde an den Universitäten, aber wollen VWL-Studenten das wirklich hören, geschweige denn ihre Professoren lehren? Und so simuliert man lieber weiter realitätsfremde Modelle, die einem eine Welt im Gleichgewicht vorgaukeln und verbannt die wahre Realität in die Seminare der „aussermarktlichen Ökonomik“. Dort gibt es keinen rationalen Konsumenten mehr, sondern den hybriden; Korruption ist da ebenfalls ein Thema oder Gier, Betrug bzw. Altruismus. Zeit für die Lehrbranche, sich und anderen nichts mehr vorzumachen. Nur leider ist dann auch der Mythos der Komplexität, die sich dem Normalbürger vermeintlich versperrt, dahin. Und damit ein Geschäftsmodell, hinter dem sich moderne arbeitsteilige Wirtschaft gern versteckt. Denn wäre alles so einfach, bräuchte es kaum Experten, von denen es in der Bankbranche bekanntlich nur so wimmelt.

Dabei sagte es Wolfgang Streeck schon längst: «Der Kapitalismus ist das dynamischste Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das die Menschheit erfunden hat. Stabilität gibt es in ihm nur als Wille und Vorstellung. Kapitalismus ist das unablässige Bohren hochmotivierter und hochkreativer Individuen an sozialen Ordnungen, in die andere sich gerne einleben würden». Nein, bloss das nicht, das darf einfach nicht wahr sein, dann will die Welt doch lieber belogen werden.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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