Die Sicht des Raiffeisen-Chefökonomen: Forderungen

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Langeweile ist in unserer hochmodernen Zeit zur Fremden mutiert. Langeweile ist ein Skandal, denn langweilig ist es höchstens Leuten, die nicht gefragt, nicht „in“, sind. Langeweile ist beschämend. Sie deutet nach unserem heutigen Verständnis darauf hin, dass wir nicht ausgelastet sind, noch Kapazitäten frei haben, ohne sie zu nutzen. Der Ökonom würde sagen, Langeweile komme einer Verschwendung knapper Ressourcen gleich.

Das mag sein, doch wem es hin und wieder nicht langweilig ist, der kann kaum kreativ sein. Notabene ist ein Langeweiler nicht gleichzusetzen mit einem, dem es hin und wieder langweilig ist. Ersterer ist wahrscheinlich nicht sehr kreativ, letzterer wahrscheinlich schon, denn Langeweile ist eine wichtige, aber leider in Vergessenheit geratene – weil digital verdrängte – Quelle unserer Kreativität.

Als Kind war es mir hin und wieder langweilig und wenn ich mich bei meiner Mutter darüber beklagte, sagte sie lediglich: „Dann überleg Dir, was Du machen könntest.“ Fernsehen war rationiert, weiter gab es nichts zur ideenlosen Überbrückung der Langeweile. Kindern heutzutage ist es kaum mehr langweilig. Das mag für deren Eltern ein Segen sein, denn so nerven sie nicht dauernd, indem sie fragen, was sie tun sollen, aber wie sonst sollen sie lernen, sich zu beschäftigen? Der digitale Hype killt förmlich die kindliche Ideenvielfalt oder reduziert sie zumindest auf eine virtuelle Vielfalt, die einfältig ist, aber unersättlich – um nicht zu sagen süchtig – macht.

Dafür gibt es mittlerweile auch vermeintliche Beweise. In Büchern oder Forschungsarbeiten wird von digitaler Demenz gesprochen. Manfred Spitzer, ein Hirnforscher aus Ulm meint gar, digitale Geräte machten dumm. Allerdings halten da andere Wissenschaftler auch energisch gegen. Seis drum, es ist jedenfalls keine neue Fähigkeit, wenn Teenager den Augenkontakt zum Gegenüber halten können und gleichzeitig eine Nachricht auf Ihrem Handy tippen. Sie hören dem Gegenüber sicherlich nicht richtig zu. Alle 18 Minuten unterbrechen wir im Schnitt welch auch immer geartete Tätigkeit, um rasch auf unser Handy zu schauen. Bei Kindern und Jugendlichen sind es zehn Minuten. Jeder erlebt in vielen Sitzungen oder auch sonst im beruflichen Alltag genau dies. Mal schaut nur einer kurz auf sein Smartphone, andere tippen ungeniert darauf herum, während jemand gerade spricht. Und dann gibt es noch die Multitasker, die ihren iPad vor sich positionieren und sogar noch darauf starren, während sie eine Frage stellen. Da kann von Produktivität keine Rede mehr sein. Wer dann behauptet, Konzentration sei keine zwingende Bedingung für produktives Schaffen, betrügt sich, aber vor allem andere.

Stellen sie sich nun mal vor, sie sitzen an einem Abend allein in Ihrem Büro. Ihre Mitarbeiter oder Kollegen haben schon Feierabend, aber sie mussten noch rasch einige dringende Mails beantworten, vielleicht sogar noch die Welt retten, in dieser taghellen Vollmondnacht. Plötzlich herrscht Totenstille. Die Digitalisierung schlägt zurück – ein totaler Stromausfall hat alles ausser Gang gesetzt. Kein Computer geht mehr, kein WLAN, kein Telefon, das Smartphone hat keinen Empfang und die Türen bleiben verriegelt, da das „System“ sie geschlossen hat. Was machen sie dann? US-Forscher simulierten einen solchen Zustand, der den Probanden dermassen unangenehm war, dass viele von denen sogar von der Möglichkeit Gebrauch machten, diesen Zustand des Nichtstuns durch einen Elektroschock zu beenden.

Vielen geht heute abhanden, wieviel Zeit sie täglich offline für ihre physische Umwelt sind. Dafür kommen von allen Seiten Forderungen auf, nach allem Möglichen. Nach mehr öffentlicher Sicherheit und im Verkehr, nach mehr Freiraum, nach weniger Lärm, günstigem Wohnraum, tieferen ÖV-Tickets und oder nach einem Burkaverbot, was auch immer. Ich an meiner Stelle fordere etwas mehr Langeweile, der Kreativitätswillen – aber auch nicht zu lange.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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