Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Innovation der Einsamkeit

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Dass jemand älter wird, merkt er auch daran, dass nicht mehr immer alles glänzt, was neu ist. Nicht nur die Begeisterung für Neues lässt nach, sondern auch die Neugier dafür. Vieles wird erst einmal kritisch hinterfragt, bevor man es ausprobiert. Manche Dinge möchte man nicht einmal mehr kennenlernen.

Die Apple Watch zum Beispiel überzeugt mich gar nicht, schon gar nicht unter dem Stichwort Innovation. Sie soll aber doch nicht wenige Leute ziemlich begeistern und das sicherlich kaum wegen der eigentlichen Urfunktion der Uhrzeit, sondern wegen all der nützlichen zusätzlichen Dienste. Manche kommen förmlich ins Schwärmen, wenn sie von den Vorteilen der Apple Watch berichten. Und ich frage mich, ob die Apple Watch nicht völlig redundant ist, weil wir alles, was sie uns an täglichen vermeintlichen Erleichterungen bietet, eigentlich selbst könn(t)en oder andere Geräte wie die unzähligen Apps auf unserem Smartphone das für uns übernehmen könnten.

Ist es wirklich eine Erleichterung des „schweren“ Alltags, täglich seine Schritte zu zählen, dazu noch die Herzfrequenz den ganzen Tag über nachvollziehen zu können, Sprachnachrichten vom Handgelenk aus zu verschicken, die Wettervorhersage, die Navigation oder Karten am Arm zu tragen und das alles auch noch 50 Meter unter Wasser? Wobei man vielleicht festhalten sollte, dass erst die Apple Watch Series 2 wasserdicht ist. Die beiden ersten Generationen der Apple Watch waren lediglich spritzwassergeschützt. Hightech, aber bei zu viel Feuchte nicht brauchbar, soll innovativ sein?

Meine App und ich
Für Ausdauersportler sei die Uhr äusserst praktisch, heisst es. Über Bluetooth lässt sich beim Joggen auf der Uhr offline gespeicherte Musik hören, was zwar sämtliche Smartphones bieten, aber eben nicht am Handgelenk. Und dank neuem GPS-Chip muss ich meine Apple Watch nicht mehr erst mit dem iPhone koppeln, wenn ich meinen Lauf oder meine Radtour kartographisch aufzeichnen möchte, sondern die Uhr macht das direkt. Fragt sich nur, was man davon eigentlich hat. Ist das innovativ, wenn ich später auf einer Karte oder via Satellit nachvollziehen kann, wo ich mich sehr wahrscheinlich mutterseelenallein sportlich betätigt habe? Und wer ausser mir, will das eigentlich noch sehen? Wahrscheinlich werde ich das allein tun, so wie mit meiner Ski-App auf dem Handy. Weder Frau noch Kind interessiert es sonderlich, ob ich eine neue Höchstgeschwindigkeit auf der Piste erzielt habe oder wie viele Pistenkilometer es gestern waren.

Soziale und gesellschaftliche Verantwortung
Und doch macht uns die Branche weis, dass solche „Spielereien“ ermöglichen, Hobbies mit anderen zu teilen (sharen). Das bläut uns die Produktwerbung immer und immer wieder ein. Die sozialgesellschaftliche Karte spielt Silicon Valley recht gekonnt aus. Die dortige Innovation ist eher altruistisch denn kapitalistisch begründet, wollen uns Google und Co glauben machen. Nur drum forschen sie alle an der besseren Welt, dem ewigen, unfallfreien Leben und der unvergänglichen Schönheit von uns Menschen. Es geht den Herstellern nicht um den schnöden Mammon, so die Marketingbotschaft, sondern stets um Erfindungen, mit welchen uns die Technologie nicht nur Hindernisse des Alltags zu überwinden hilft, sondern Erfindungen, die darüber hinaus auch noch Menschen verbinden. So wie Facebook die Menschen einander näher bringt – zumindest an der Oberfläche oder die dargebotene Hand unterstützt, aber doch nur halbherzig. Wahrscheinlich fängt man sich schon ein paar „like“ ein, wenn man seine Mammuttouren auf Facebook mit anderen teilt. Aber ist die Freude nicht etwas begrenzt, wenn mir jemand seinen letzten Fitnessstatus online übermittelt? Und wie reagiere ich darauf?

🙂
Häufig mit einem „Emoticon“, das sind vor allem, aber nicht nur, diese Smileys, mit denen wir heute schon anderen unseren Gemütszustand näher bringen – z.B. via SMS. Früher malte man die Dinger noch auf einen handgeschriebenen Brief. Heute gibt es Leute, die mit der Aneinanderreihung von zehn oder mehr Emoticons ihre Stimmung so vollständig ausdrücken, dass man gar nicht erst auf die Idee käme, sich noch näher danach zu erkundigen. Wer soziale oder gesellschaftspolitische Verantwortung nicht nur auf den Lippen trägt, dürfte eigentlich kaum Instrumente zwischenmenschlicher Interaktion herstellen, deren emotionale Intensität aber auch Betroffenheit sich auf wenig sagende Bildchen – sprich die Oberfläche – reduziert. Facebook etwa verdient sein Geld fast ausschliesslich nämlich zu 98% mit Werbung. Ist das nicht eher riskant als innovativ?

Schliesslich mussten andere Player der Werbebranche mittlerweile die Segel streichen und auch die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage stehen unter massivem Druck, denn der Werbekuchen wurde nicht viel grösser, dafür aber der Verdrängungseffekt. Wenn Facebook nun tatsächlich der Platz für Werbung im Newsfeed ausgeht, was offenbar der Fall ist, wird man versuchen, anderswo etwas Wertschöpfung abzuschneiden. Das ist allerdings ein Nullsummenspiel und somit hält sich auch der volkswirtschaftliche Nutzen in bescheidenen Grenzen. Und doch fährt die Welt nahezu blind ab auf Facebook und Co. Sonst könnte Snap(chat), ein Unternehmen das im letzten Jahr rund 500 Millionen Verlust einfuhr bei einem Umsatz von rund 400 Millionen, kaum mehr als 20 Milliarden aus dem beabsichtigen Börsengang lösen. Das erinnert irgendwie an 1999, auch diesbezüglich von Innovation wenig Spur.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Raiffeisen

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