Die Sicht des Raiffeisen-Chefökonomen: Keine entspannte Skisaison

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Am Wochenende startet der Ski-Weltcup-Zirkus in Sölden in die Saison 2017/18 und die ersten Wintersportorte eröffnen auch in der Schweiz die Saison. Der Winter wird hierzulande natürlich mit besonderer Spannung erwartet, denn die letzte Saison war eher durchzogen. Wenn er in den Alpen nur nicht so schneearm wird wie der letzte, wird wohl die ganze Tourismusindustrie insgeheim hoffen, jetzt, da der Franken wenigstens für einmal nicht wieder stärker geworden ist.

Keine Frage, das Wetter muss mitspielen. Nicht einmal die beste Destination kann gegen dessen Kapriolen ankämpfen. Man kann zwar gegen die Schneearmut aufrüsten, doch das geht gewaltig ins Geld. In den letzten zehn Jahren hat der Kunstschneeanteil am Total der Pisten massiv zugenommen. Allein in der Schweiz von 10 auf 41%. In Österreich, das schon früher auf Kunstschnee setzte, liegt dessen Anteil bei über 70%. Und doch verlieren auch die klassischen Destinationen dort Gäste.

Der Skitourismus ist nicht nur witterungsbedingt hart umkämpft. Der Markt stagniert seit längerem bei einer Zahl von etwa 325 Millionen Skitouristen weltweit. Gleichzeitig findet ein Wettrüsten bei Bahnen und Pisten statt, was ins Geld läuft. Hinzu kommen neue Anbieter, die die traditionellen Stationen bedrängen. In Sotschi Skilaufen oder vielleicht sogar in Bansko? So abwegig ist das gar nicht mehr. Letzten Winter waren Schweizer Bekannte von mir in Bulgarien Skilaufen. Dort lässt sich mit Sicherheit vergleichsweise günstig Skilaufen. Nicht so wie bei uns, wo eine Familie schon zu den Besserverdienenden gehören muss, um sich noch ein paar Skitage in den Schweizer Bergen leisten zu können. Dies gilt längst nicht nur für die Luxusdestinationen wie St. Moritz, Verbier, Gstaad oder Zermatt, wo ein Skierlebnis inklusive Übernachtung, Skimiete, Skipass und Verpflegung 400 Franken pro Tag aufwärts kostet. In St. Moritz sogar über 500 Franken. In Bansko ist man für gleich viel Geld vier Tage auf den Pisten unterwegs. Angesichts solcher Preisunterschiede nimmt selbst manch verwöhnter Skifahrer Kompromisse in Kauf.

Goldene Vergangenheit, laue Zukunft
Viel zu lange haben sich etliche Wintersportzentren bei uns im Lande auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht. Jahrelang hat man mit einem eigenartigen Selbstverständnis auf Exklusivität gesetzt. Swissness allein schien ein Garant für gute Umsätze, was jahrelang gut ging. Doch die Konkurrenz hat in der Zeit massiv aufgerüstet. Österreich fand auf die Erfolgsspur zurück und das Südtirol erfreute sich ebenfalls steigender Beliebtheit. In der Schweiz dauerte es, bis man überhaupt erkannte, dass der Boom vorüber geht, der Kuchen nicht mehr wächst und neue Player auch ein Stück davon beanspruchten.

Und wie! Allein in den letzten fünf Jahren sank die Zahl der Skibesucher in der Schweiz nochmals um über 10%. Zwar verlieren auch wichtige Konkurrenten Gäste, dies aber im tiefen einstelligen Bereich (Italien -4%, Österreich -1%). Frankreich vermochte sogar leicht zuzulegen. Die Schweiz gab demnach auch in den letzten fünf Jahren weitere Marktanteile preis. Dem begegnet sie nach längerer Zeit der Resignation und Ratlosigkeit mit Fusionen von Skigebieten oder der Aufrüstung sowie neuen Preismodellen. Ob das gut geht?

Preise erstmals richtig unter Druck
Über den Preis den Wettbewerb auszufechten, ist in der Hochlohn- und Hochpreisinsel Schweiz ein extrem schwieriges Unterfangen. Mittlerweile üben aber nicht nur die Destinationen im Ausland Druck auf die Schweizer Destinationen aus. Auch in der Schweiz selbst wird mit Rabatten und teils recht innovativen Preismodellen um Gäste gekämpft. Den Anfang machte Saas Fee mit seiner via Crowdfunding verkauften Saisonkarte für 222 statt über 1000 Franken. Bedingung war, dass sich mindestens 100‘000 Menschen dafür finden, was gelang. Ein Jahr später blickt man stolz zurück. Denn der Deal ging nicht nur für die Bergbahnen auf – die Masse machte den Rabatt mehr als wett. Er generierte auch zusätzliche Wertschöpfung für Hotels und Gastgewerbe. Zwar bleiben die Leute heute etwas kürzer, dafür kommen sie aber auch häufiger, so dass unter dem Strich auch ein sattes Plus bei den Logiernächten resultierte.

Inzwischen haben andere nachgezogen, aber nicht annähernd so radikal wie die Walliser. In der Westschweiz zum Beispiel haben sich 25 Skigebiete zu einer Saisonkarte für knapp 500 Franken zusammengerauft, im Berner Oberland gibt es den Top4-Skipass für 666 Franken. Originell auch die Idee aus Savognin, wo man an vordefinierten zehn Tagen zwischen Dezember und März die Tageskarte für unter 20 Franken erhält. Andermatt-Sedrun legte mit einer 10-Franken-Karte an bestimmten Wochentagen im Januar nach. Nachdem die Preise jahrelang stets nach oben angepasst worden sind, ist nun das Gegenteil der Fall. Sie rutschen auf breiter Front. Und eine Prognose sei gewagt: der Preiskampf wird sich verschärfen. Und er wird mittelfristig auch vor den Topdestinationen wie Zermatt oder St. Moritz nicht haltmachen. Denn der Verdrängungswettbewerb hat eben erst begonnen. Tagwacht im Skitourismus, die Strukturen werden endlich bereinigt.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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