Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Krieg der Zocker

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

GameStop ist mittlerweile wohl jedem ein Begriff. Nicht mehr nur den Jüngeren, die sich gern in dem Laden tummeln und sich alle möglichen digitalen Spielchen angucken, während ihre Eltern die Alltagsversorgung sicherstellen. Sie haben sicher auch gehört oder gesehen, wie die Aktien von GameStop jüngst spekulativ in die Höhe getrieben wurden. Und dass dabei sogenannte Leerverkäufer ins Messer liefen und ein paar Milliarden Dollar in den Sand setzten.

Von Titanen…
Doch beginnen wir von vorn mit den Leerverkäufern. Was machen die eigentlich? Einfach ausgedrückt wetten sie auf fallende Kurse eines Assets, in dem sie sich gegen eine Gebühr von einem anderen Marktteilnehmer beispielsweise Silber, Öl, Schweinebäuche leihen oder eben auch Aktien. Diese werden dann verkauft, mit dem Ziel, sie später zu einem günstigeren Preis wieder zu erwerben und dem Verleiher dann das geliehene Asset zurückzugeben und die Differenz als Gewinn einzustreichen.
Das genau war die Strategie einiger Leerverkäufer bei GameStop. Die ging aber gründlich in die Hose. GameStop-Aktien wurden nicht etwa billiger, sondern um vieles teurer. Und da der «Verleiher» seine Aktien fristgemäss mitsamt Leihgebühr zurückfordern würde, blieb den «armen» Leerverkäufern nichts anderes übrig, als die Aktien teurer zurückzukaufen und sie dem Verleiher viel günstiger wieder zurückzugeben. Die selbsternannten Titanen der Wallstreet, namentlich Hedgefonds und der eine oder andere Investmentbanker schrieben Milliardenverluste, weil ihre abenteuerliche Wette nicht aufging. Und jetzt?

…und Memmen
Jetzt jammern sie wie die Memmen. Und noch viel befremdender: Sie fordern mehr Regulierung. Natürlich nicht ihrer selbst, sondern ihrer Spielverderber auf Reddit. Reddit ist vereinfacht ausgedrückt eine Art Social Media Plattform, auf der sich Millionen User zusammengerottet haben, um als Gruppe «WallStreetBets» Wetten abzuschliessen, wie das die Titanen der Wallstreet tagtäglich tun. Folglich haben Reddit-User nichts gross anderes gemacht als die Taschenspieler der Wallstreet. Via Tradingplattform Robinhood kauften unzählige Kleinanleger nach organisatorischer Absprache auf Reddit im grossen Stil GameStop-Aktien und trieben so die Kurse exakt in die andere Richtung, als es die Leerverkäufer planten, nämlich nach oben und bescherten letzteren happige Verluste.

Anstatt den Ball flach zu halten, jammern die Titanen und fordern nun eine Regulierung solcher Praktiken, sprich ein Verbot. Das ist verwerflich. So möchten die Titanen Kleinanlegern verbieten lassen, was sie selbst tagtäglich tun. Stossend ist auch, dass Robinhood ebenso wie die Handelsplattform Trade Republic offenbar dem Druck aus Wallstreet-Kreisen erlegen sind und dem Reddit-Spekulanten Schar den Hahn zugedreht haben. Käufe von GameStop-Aktien wurden einfach blockiert, ebenso wie solche von AMC, Blackberry, Nokia, Bed Bath & Beyond sowie Express Inc., alles Firmen, die jüngst auch aufregende Kursbewegungen zu verzeichnen hatten. Wohl dürften Leerverkäufer auch da kalte Füsse bekommen haben, da die Kurse nicht wie erhofft zusammenbrachen, sondern in die Höhe schossen. Heisst es in Spekulanten-Kreisen nicht «No risk – No fun»? Eben! Jammern ist da fehl am Platz.

Wertschröpfer
Genauso wie Forderungen der Gambler, die sich offenbar das alleinige Recht auf Kursmanipulationen zusprechen, nach mehr Regulierung privater Spekulanten. Denn diese Forderungen kommen aus einer Ecke, die mit Wertschöpfung im volkswirtschaftlichen Sinn überhaupt nichts am Hut hat. Ihr Geschäftsmodell beruht schlichtweg darauf, mit Geld Geld zu verdienen. Sie produzieren nichts und erst recht keine Werte. Und wenn ihr Geschäftsmodell im grossen Stil schief geht, wie in der Subprime-Krise 2008, muss man von Wertschröpfung sprechen. Etliche mussten vor gut zehn Jahren nach verlorenen Wetten im Immobilienmarkt mit Steuergeldern gerettet werden, derweil abertausende Amerikaner auf der Strasse landeten und Millionen Kleinsparer ihr Vermögen verloren hatten. Man hat ihnen danach zwar ein paar kleine Daumenschräubchen angezogen, aber gegen mehr Regulierung haben sie sich stets – dank einer unüberwindbar starken Lobby – gewehrt.

Der damalige US-Präsident Barack Obama erlag dieser, setzte auf die «falschen» Berater, unter anderem auf den Wallstreet-hörigen Timothy Geithner, seinen ähnlich gepolten Finanzminister Henry M. Paulson (ex CEO der Investmentbank Goldman Sachs) und Ben Bernanke, den «Erfinder» des Quantitative Easing, das vor über einem Jahrzehnt einen gewaltigen Umverteilungsprozess in Gang gesetzt hat, der bis heute anhält. Bernanke wurde 2015 Berater – sogenannter Senior Adviser – bei Citadel, einem Hedgefonds-Betreiber, womit sich der Kreis sozusagen wieder schloss.

Dass sich Hedgefonds-Betreiber für die Regulierung derer einsetzen, die ihrem Geschäftsmodell im Wege stehen könnten, ist ja ökonomisch aus ihrer Warte nachvollziehbar. Nur müssten sie sich dann schon fragen lassen, wieso sie weiter fast tun und machen können, was sie wollen, Kleinsparer aber nicht. Selbst das wirtschaftsliberale Sprachrohr der Schweiz, die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), die den Hedgefonds durchaus eine gewisse Existenzberechtigung attestiert, kommt zum Schluss, dass Hedgefonds, da sie nicht öffentlich sind, auch nur sehr wenig reguliert seien. Wohin das führen kann, hat man schon 1998 gesehen. Da konnte ein Hedgefonds mit rund 4 Milliarden Dollar ein 125 Milliarden Dollar schweres Leerverkaufsportfolio «managen». Was für ein Hebel. Googeln sie nur mal Long-Term Capital Management. Die ersten grossen Wertschöpfer der neueren Geschichte. Und noch lange nicht die Letzten. (Raiffeisen/mc/pg)

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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