Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Macht und Ohnmacht der Bilder

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Im September vor 13 Jahren mussten erfolgsverwöhnte Starbanker und ihr «Fussvolk» eiligst ihre Sachen packen und die Büros von Lehman Brothers räumen. Die Bank war pleitegegangen. Die Bilder im Fernsehen waren komisch und traurig zugleich. Danach hausten Abertausende Amerikaner in Zelten, weil nicht nur die Finanzakrobaten von Lehman Brothers, sondern gleich die ganze Welt den Hals nicht vollkriegen konnten und auf miese Kredite wetteten, was das Zeug hielt, bis die Bombe platzte – und viele ihr Zuhause verloren.

von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Die Bilder der Obdachlosen waren nur noch traurig. Aylan Kurdi war ein dreijähriger Flüchtlingsjunge kurdischer Herkunft, dessen Leichnam vor Bodrum am Mittelmeer angeschwemmt wurde. Die Bilder, wie er da am Strand lag, waren mehr als traurig, sie waren entsetzlich. Und diesen Sommer brannte es in Europa. Die Bilder davon waren gar angsteinflössend. Ja, die Macht der Bilder ist gross.

Im analogen Zeitalter war die Macht der Bilder zwar qualitativ limitiert. Weniger war dafür aber mehr, würde ich mal behaupten. Ich bin noch mit Schwarz-Weiss-Fernsehen aufgewachsen, mit qualitativ teils lausigen Bildern für heutige Massstäbe. Und doch haben sich einige Bilder in meinen Kopf eingebrannt, dass ich sie stets abrufen kann, gewollt oder ungewollt. Es hat schöne darunter und – gelinde gesagt – auch sehr hässliche. Sie alle verbinden mich aber mit einer Zeit, die längst hinter mir liegt und doch nicht vergessen bleibt. Ich will hier nicht im Detail Kindheits- oder Jugenderinnerungen mit Ihnen teilen, geschweige denn schwelgen, sondern auf etwas anderes hinaus. Meine These: Masse stumpft die Masse ab und versperrt den Blick auf das Wesentliche.

Im digitalen Zeitalter wimmelt es im Fernsehen nur noch so von Bildern. Momentan zum Beispiel werden wir täglich visuell mit den Aktualitäten des russischen Einmarsches überschwemmt und seit einer Woche mit jedem Post-Mortem-Detail im Zuge des Ablebens der britischen Königin. Das ist schön und gut, aber haben diese Ereignisse dieselbe Dimension bzw. Tragweite? Ein paar Dutzend Tote pro Tag gegen eine Tote vor einer Woche? Und was ist mit dem Rest der Welt? Hunger, Dürren, Hochwasser gibt es noch immer zuhauf, aber medial wird ihnen – relativ gesehen – deutlich weniger Gewicht beigemessen.

Ich denke, das menschliche Sensorium wird durch die Informationsschwemme zunehmend überfordert, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden, und die Empathie bleibt nicht selten gleich auch noch auf der Strecke, wenn situativ informiert wird. Im deutschen Fernsehen etwa wird – zumindest gefühlt – mehr über Gasmangel und Waffenlieferungen debattiert als über den eigentlichen kriegerischen Konflikt. Hierzulande scheint uns auch nur noch der Strommangel zu beschäftigen. Noch schlimmer zu und her geht es im weltweiten Netz.

Mehr und schneller lauten die Losungen im Internet und niemand hinterfragt dabei, wie viel Information der Mensch eigentlich (v)erträgt und wie lange sie ihm in Erinnerung bleibt. Fast jeder von uns lädt Bilder im weltweiten Netz hoch, wir versenden per SMS, WhatsApp etc. Fotos und Filmchen jeglicher Art, posten auf Facebook, Instagram, Snapchat und Co. Unmengen von oft nichtssagenden Bildchen, oder schauen welche an und senden sie dann im Freundes- oder Bekanntenkreis weiter. Dadurch entstehen unglaublich viele visuelle Eindrücke, die wir im Grunde gar nicht verarbeiten können. Und somit wird, was eigentlich Aufmerksamkeit erhaschen soll, langweilig und was nachdenklich machen soll, Alltagskost. Täglich werden gut 5 Milliarden Bilder ins Netz hochgeladen, nicht selten visueller Schrott, der aber trotzdem geguckt wird, wenn auch nur kurz. Was bleibt da hängen?

Machen Sie den Versuch und fragen Ihren Nachwuchs, an welche Bilder oder Filmchen er sich noch konkret erinnert und fragen Sie ruhig weiter, was das in ihm ausgelöst hat. Oft können Jugendliche, aber längst nicht nur die, das nicht umschreiben. Ausser, dass die Zeit dabei verging, dank der Ohnmacht der Bilder. Ich habe meinen Jungs ein paar Bilder gezeigt, die sie zum Nachdenken brachten. Machtvolle Bilder aus meinem persönlichen Archiv, schlechte Qualität, noch schlechtere Auflösung, aber enorm hohe Ausdruckskraft und mehr sagend als blöde Selfies in allen Varianten. Ein bisschen wie Höhlenmalerei eben oder die Decke der Sixtinischen Kapelle. Die Bilder haben auch ein bisschen mit Kultur, Allgemeinbildung und Geschichte zu tun und ein gewisses Abschreckungs- statt Animationspotenzial. Einfach genau das Gegenteil von dem, was heute im Netz – vor allem aber auf «Unsocial» Media – kursiert.

Dieser Link zeigt in etwa, was ich meine, ist aber nichts für Zartbesaitete, dafür aber tatsächlich «influential», liebe sogenannte Influencer. (Raiffeisen/mc)

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