Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: The year after

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Diese Woche begehen wir in der Schweiz das einjährige Jubiläum des sogenannten Frankenschocks. Vor gut einem Jahr, am 15. Januar 2015 gab die Schweizerische Nationalbank Knall auf Fall mbekannt, dass sie die Wechselkursuntergrenze fallen und den Franken wieder frei liesse. Was danach folgte, war in der Tat ein Schock. Der Franken unterschritt vorübergehend die Parität zum Euro und an der Börse kam es zu einem regelrechten Ausverkauf.

Gut ein Jahr später notiert unsere Währung gegen über dem Euro bei 1.08 (EUR/CHF) und konnte sich wenigstens etwas von der Paritätsmarke absetzen, der man sich zuletzt im Frühsommer 2015 gefährlich genähert hatte. „Frankenschock“ wurde dennoch von einer Jury aus Finanzexperten zum Finanzwort des Jahres 2015 erkoren – und das zu Recht. Damit hat es sich aber auch schon. Trotz täglicher Meldungen vom Frankenschock, gewinnt man den Eindruck, dass sich die Schweiz bereits damit abgefunden hat. Auch weil die Zahlen ja so schlecht nicht sind. Die Exporte legen real zu, die Importe explodieren zumindest in der Statistik nicht, wie das befürchtet wurde. Das insgesamt zaghafte Wachstum wird nicht weiter hinterfragt. Nicht gerade eitel Sonnenschein, aber auch kein Grund zur Sorge.

Starke Währung, starke Exportwirtschaft
Keine Frage: die Schweizer Wirtschaft hat in der Vergangenheit stets bewiesen, dass sie über eine hohe Anpassungsfähigkeit verfügt. Nur deshalb und im Gegensatz zu vielen anderen Ländern konnte die Schweiz einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihrer industriellen Wertschöpfung im Lande behaupten. Das gelang sonst nur noch Deutschland und auch Deutschland hatte mit der Mark lange Zeit eine äusserst starke Währung. Dass eine harte Währung dem Industriestandort eher dienlich als schädlich ist, demonstriert die Schweiz seit Jahrzehnten eindrücklich. Eine starke Währung verlangt den Unternehmen viel ab, sichert aber auch deren Wettbewerbsfähigkeit, da sie sich laufend entlang der Wertschöpfungskette hocharbeiten müssen.

In der Schweiz lässt sich diese Entwicklung auch exemplarisch gut dokumentieren. Die hiesige Uhrenindustrie ist Marktführer im globalen Geschäft mit hochpreisigen Uhren und nicht etwa im Massengeschäft. Unsere Exportindustrie weist einen einzigartig hohen Anteil sogenannter immobiler Schumpetergüter auf. Das sind Güter, deren Wertschöpfungskette nicht so ohne weiteres auseinandergerissen werden kann, weshalb es zu weniger Produktionsverlagerungen ins kostengünstigere Ausland kommt. Man denke an die Pharmaindustrie, wo die Nähe von Forschung und Entwicklung zur Produktion sehr viel wichtiger ist, als etwa bei der Produktion von Unterhaltungselektronik. Letztere kann problemlos einen gehörigen Teil der Komponenten aus dem Ausland beziehen oder dort selbst kostengünstig anfertigen.

Existenzfrage
Die über Jahrzehnte aufwertende Währung verdankt die Schweiz ihrer Stabilität in wirtschaftlicher als auch politischer Hinsicht. Mit kontinuierlichen, aber meist dosierten Aufwertungsschüben umzugehen, hat die Wirtschaft hierzulande über die Jahre gelernt. Was wir aber seit der Finanzkrise 2007/08 erleben, ist auch für die Schweiz Neuland. Einen Aufwertungsschub des Schweizer Frankens in dieser Tragweite hat es historisch betrachtet nämlich noch nie gegeben. Der Euro ist die Währung, mit der die meisten unserer Kunden bezahlen. In der Ära vor dem Euro gab es mit Mark oder Gulden wenigstens noch einen Hartwährungsblock in Europa. Wenn der Euro heute schwächelt, ist gleich das ganze europäische Absatzgebiet in Mitleidenschaft gezogen. Wer sich heute die 1.20 EUR/CHF Wechselkursschwelle wieder herbeiwünscht, vergisst, dass selbst dieser Wert fundamental nicht zu rechtfertigen ist und dass nicht die 1.10 EUR/CHF Ausgangspunkt der Eurotalfahrt waren sondern die 1.65 im Sommer 2008. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde schon ein Wert von 1.40 EUR/CHF als untragbar angesehen.

Im Gegensatz zu den Finanzmärkten, die 2009 dank Notenbanken zu einem über siebenjährigen Höhenflug ansetzten, sind die im Auslandsgeschäft tätigen Unternehmen der Schweiz seit 2008 im Dauerstress, der noch mit den zwei Schockwellen in den Jahren 2011 und 2015 versetzt war. Das ist keine Herausforderung sondern eine ultimative Bewährungsprobe mit ungewissem Ausgang.

Schweigen in Bern
Nach dem grossen Aktivismus der Nationalbank – Stichwort Frankenrütli – herrscht seit einem Jahr fast Totenstille. Die Exportwirtschaft ist mit dem Frankenschock gänzlich auf sich allein gestellt. Im Gegensatz zu anderen Notfällen der jüngeren Schweizer Geschichte ist die Bereitschaft zur Hilfe gering, obwohl namhafte Stücke unserer Volkswirtschaft existenziell bedroht sind. Könnten Exportindustrie und Tourismusbranche sich genauso auf Bern verlassen, wie das seinerzeit Swissair oder UBS durften, müssten sie heute nicht um ihre Existenz fürchten. Dafür ist es erstaunlich ruhig geworden. Die Ruhe vor dem Sturm?

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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