Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Trump – Von dumpf zu Trumpf

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Gut eine Woche nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Weltmacht USA lässt sich so viel schon einmal festhalten: Die Finanzmärkte reagierten völlig anders, als dies die meisten erwartet hatten. Statt zu den befürchteten Korrekturen an den Börsen kam es zu satten Kursgewinnen, die bei genauer Betrachtung aber wahrscheinlich nicht durch die Wahl Trumps ausgelöst wurden, sondern eher mit der „neuen“ Klarheit, die nun herrscht. Diese neue Klarheit obsiegte letzte Woche über die Ängste vor der Unberechenbarkeit Donald Trumps. Sie hat aber vorläufig nur schwachen Halt, den des Pragmatismus, angereichert um eine Spur Opportunismus.

Der Pragmatismus hielt bereits am ersten Handelstag nach der Wahl in Europa Einzug. Nachdem die asiatischen Märkte noch zum Teil kräftige Abgaben zu verzeichnen hatten, drehten die Märkte in Europa nach anfänglichen Verlusten sukzessive in positives Terrain und gingen schliesslich mit ansehnlichen Kursgewinnen aus dem Markt. Im weiteren Wochenverlauf konnten diese dann noch ausgebaut werden. Man hat sich an den Märkten folglich mit Trump nicht nur abgefunden, die Pragmatiker sehen unterdessen sogar durchaus Vorteile hinter seiner Wahl.

Nicht vom roten Knopf war mehr die Rede oder von der gefährlichen Unberechenbarkeit des neugewählten Präsidenten, sondern davon, dass Trump wohl die Konjunktur ankurbeln werde, was die Märkte als willkommenes Kaufsignal identifizierten. Die Finanzmärkte haben sich aber nicht nur recht pragmatisch mit dem für unmöglich Gehaltenen arrangiert, sie haben darüber hinaus auch sehr schnell opportunistische Überlegungen eingepreist. Zu den Gewinnern der Nachwahlrallye gehörten nämlich vor allem Titel aus den Branchen, welchen aus Sicht der Märkte im Fall einer Wahl Clintons ein ziemlicher Gegenwind gedroht hätte.

Banken, Pharma…
Der eigenen und einfachen Logik der Börse zufolge waren Pharmatitel besonders gesucht, gefolgt von den Banken. Damit verbunden waren natürlich Spekulationen, dass die Gesundheitsreformen in den USA zumindest teilweise rückgängig gemacht werden könnten und daher der von Clinton wiederholt angekündigte Feldzug gegen die hohe Medikamentenpreise abgewehrt wird. Für Banktitel sprach die Fantasie der Händler, dass die Regulierung des Finanzsektors für Trump nicht den Stellenwert hat, wie dies für eine Clinton Administration vermutet wurde. Das hatte dann vergangenen Montag zur Folge, dass der SMI entgegen dem initialen Trend an den restlichen europäischen Märkten bereits freundlich öffnete, vor allem weil die beiden Indexschwergewichte Novartis und Roche besonders gefragt waren.

„Die Finanzmärkte haben sich aber nicht nur recht pragmatisch mit dem für unmöglich Gehaltenen arrangiert, sie haben darüber hinaus auch sehr schnell opportunistische Überlegungen eingepreist.“

Das ist natürlich ziemlich weit hergeholt, aber allein Fantasie genügt ja oft schon, um Kurse zu bewegen. Dass diese Fantasie den amerikanischen Leitindex aber auch gleich Richtung neuer Rekordhochs katapultierte, scheint mir etwas übertrieben. Sollten sich die so plötzlich gewandelten Hoffnungen der Märkte doch nicht erfüllen lassen, droht entsprechend ein Rückschlag.

…aber auch Zinsen
Auch die Bondmärkte haben eine ähnliche Logik eingepreist wie die Aktienmärkte. Am langen Ende der Zinskurve kam es gar zu einer Art kleiner Zinswende, die im bisherigen Jahresverlauf Schritt für Schritt wieder ausgepreist worden war. Man hofft demnach, dass die US-Wirtschaft nicht nur wieder mehr Fahrt aufnimmt dank Trump, sondern auch die Zinsen insgesamt – zumindest in den Vereinigten Staaten von Amerika – Richtung einer Normalisierung tendieren. Diese extreme Wandlung der Märkte ist weitaus erstaunlicher als deren Fantasie. Aus einer Bedrohung wurde innert Kürze ein Hoffnungsträger der Märkte, was schon paradox anmutet.

So übertrieben die Ängste vor einer Wahl Trumps auch gewesen sein mögen, die jetzige Euphorie ist genau so wenig begründbar. Daher rechne ich auch nicht mit einer Jahresendrallye, von der angesichts des Booms letzte Woche schon einige träumen, sondern eher mit dem allmählichen Einzug von etwas mehr Rationalität an den Märkten. Ganz einfach aus dem Grund, weil sich auch in den kommenden Wochen kaum erhärten lassen wird, ob Trump wirklich ein Trumpf ist, statt wie befürchtet eher dumpf. Und das werden wir – genau so wenig wie die Märkte – auch am 20. Januar 2017 noch nicht wissen, wenn er das Amt antritt. (Raiffeisen/mc)

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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