Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Vernunft oder Gesetz?

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Neulich stolperte ich über einen Leserbrief in einer deutschen Tageszeitung. Ich glaube zumindest, es war einer. Jedenfalls lese ich normalerweise nie mehr als die ersten zwei Zeilen von Leserbriefen, aber der hatte es irgendwie in sich. Vor allem fand ich die dort dargelegte Argumentation sehr symptomatisch für unsere heutige Zeit. Es ging um ein eher banales Thema. Eine wohl schon etwas ältere Dame beklagte sich darüber, dass ihre Hauskatzen neuerdings Ausgangsverbot haben. Wo das?

von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

In der Stadt Walldorf im Bundesland Baden-Württemberg in Deutschland. Warum das? Zum Schutz der Haubenlerche, von der nur noch eine Restpopulation übrig ist und die daher akut vom Aussterben bedroht ist. Die Dame echauffierte sich sehr. Ihre (zwei) Katzen würden ihr seit Verhängung der Ausgangssperre die Wohnung unsicher machen und nicht nur das, sie hinterliessen dort auch ziemliche Schäden, an der Polstergarnitur zum Beispiel, und vor allem rissen sie an den Vorhängen. Und als ob das alles nicht schon genug wäre, die beiden Eingesperrten malträtierten auch ihren dritten Vierbeiner im Haus, einen hochbetagten und wohl nicht mehr sehr agilen Hund. Das Ausgangsverbot für ihre Katzen sei artfremd, schlichtweg unzumutbar und völlig überrissen.

Ich will mich hier nicht weiter vertiefen und schon gar nicht in Diskussionen zu Katz und Vogel verstricken, aber zwei Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich die Lektüre abgeschlossen hatte. Zunächst mal die Tatsache, dass individuelle Präferenzen vieles im eigenen oft begrenzten Umfeld dominieren und den Blick für anderes entsprechend verstellen. Und des Weiteren, wie wir Menschen uns bewusst oder unbewusst Argumente zurechtlegen, weshalb unser eigenes Tun oder Lassen stets begründbar ist und meist Vorrang hat vor dem der anderen.

Ich überlasse es anderen, darüber zu befinden, ob und wie verhältnismässig diese Massnahmen zum Schutz der Haubenlerche sind. Nur so viel meinerseits. Die Haubenlerche ist ein Tier wie Katzen auch und hat doch auch Anspruch auf ein Leben, nicht? Ob tatsächlich Hauskatzen am Aussterben der Haubenlerche schuld sind, was eher unwahrscheinlich sein dürfte, spielt im Weiteren keine Rolle. Aber nur weil ich Katzenhalterin bin, kategorisch auf eine vermeintlich artgerechte Tierhaltung zu pochen bei gleichzeitiger Herrichtung des Katzenbettchens, Verabreichung von Dosenfutter, Verwendung von Fellpflegeprodukten etc., ist irgendwie schräg. Es dokumentiert zumindest eine gewisse situative Perzeption, wenn nicht gar puren Egoismus.

Im Zeitalter der Individualisierung kann man leider fast alles rechtfertigen und wenn man das nicht schafft, dann darf man jederzeit Toleranz einfordern. Grenzen setzen «nur» noch Gesetze, die aber meist aus einer Zeit stammen, die den heutigen Umständen nicht mehr gerecht werden. Wenn ich mir überlege, wie viel Zeit mein Jüngster täglich im Internet verbringt und dabei besser gar nicht darüber nachdenke, was er da alles so treibt, frage ich mich immer, wieso ist ein «Raum», den Milliarden Menschen täglich nutzen, dermassen rechtsfrei? Aber sobald jemand Regulierung oder mehr Gesetze fordert, erbost sich der digitale Mob lauthals und fürchtet um die libertäre Kreativität, die dann erstickt würde. Ich war auch jahrzehntelang der Überzeugung, dass der Markt, wie mir im Studium eingetrichtert wurde, stets für das beste Ergebnis sorgen würde. Und zwar das beste Ergebnis für alle, also die Gesellschaft als Ganzes.

Mittlerweile kommen mir da mehr und mehr Zweifel auf. Wenn die Individualisierung heute so weit geht, dass jeder seine eigene Auslegeordnung lebt, dann ist doch entscheidend, ob er dabei andere beeinträchtigt oder stört. In der Sprache der Ökonomie generiert er dann negative externe Effekte. Und tut er dies, ist wiederum nur das individuelle Ergebnis, sprich sein eigenes, optimal, das kollektive hingegen alles, nur das nicht. Mag zum Beispiel sein, dass es einen antörnt, auf den Strassen zu rasen, doch da der (Dritt-)Schaden zu gross ist, wenn doch mal was passiert, gibt es halt Geschwindigkeitsbeschränkungen und auch sonst noch Verkehrsregeln. Ausser Deutschland, dem Land der grössten Automobillobby, ist das heute der ganzen Welt klar.

Immer, wenn zu viele Interessen aufeinanderprallen, wird es mit der Individualisierung kritisch, so viel steht fest. Und da es auf dem Planeten und auch hierzulande immer enger wird, Technologien unser Zusammenleben revolutionieren und die Ressourcen immer knapper werden, steht im Grunde ausser Frage, dass etwas geschehen muss, um das Gefangenendilemma, in dem wir uns befinden, zu lösen. Zwei Auswege bieten sich dafür an. Der erste ist der der Vernunft. Nun wird niemand von sich behaupten, unvernünftig zu sein, aber wenn Vernunft gleichbedeutend mit Verzicht ist, scheiden sich bereits die Geister. Und da der Mensch eher dazu neigt, die individuellen Bedürfnisse vorn anzustellen, bleibt für die Bedürfnisse des Kollektivs oft nur der «Rest». Der zweite Weg führt über den des Gesetzes, das die Bedürfnisse sozusagen kontingentiert. Letzterer Weg ist allerdings unbeliebt und jede Exekutive riskiert dabei ihre Chancen auf eine Wiederwahl. Und deshalb werden wir das Dilemma wohl nie lösen.

Aktuell erleben wir das Beschriebene wieder besonders augenscheinlich. Wir sind in Europa alle hochsolidarisch mit der Ukraine, aber wenn dann der Benzinpreis steigt, ist das mit der Solidarität so eine Sache. Dann doch lieber Öl aus Russland oder Forderungen an den Staat, das Benzin zu vergünstigen. Und während sich Ukrainerinnen und Ukrainer darüber Gedanken machen, ob es überhaupt noch ein «morgen» für sie gibt, fragen sich die Deutschen besorgt, woher sie bis im Winter wieder ihre Gasspeicher vollkriegen. Vernunft wäre Verzicht, also einfach mal zwei Tage die Woche das Auto stehen lassen und die Benzinrechnung wäre gleich hoch wie vor der Preisexplosion. Ich bin jetzt ehrlich, ich habe diese Vernunft (auch!?) nicht. Gesetz wäre Verbot: Sonntagsfahrverbot, oder montags dürfen die «geraden» Autokennzeichen fahren und dienstags die «ungeraden». Ich bin jetzt ehrlich. Da bliebe mir keine andere Wahl. (Raiffeisen/mc)

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