Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Zahlendickicht

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – „Exporte kippen ins Minus“ lautete der Titel der Medienmitteilung der Eidgenössischen Zollverwaltung zur Statistik des Aussenhandels für den Berichtsmonat Oktober. Weiter heisst es im Lead, dass die Exporte nach den positiven Ergebnissen seit Februar 2016 im Oktober arbeitstagbereinigt um 1.1% gesunken sind. Das klingt nach wenig und stützt erneut die These derer, der Wechselkursschock sei ausgestanden. Ohne Arbeitstagbereinigung sehen die Daten einiges schlechter aus.

Danach haben die Exporteure im Oktober 2016 fast 6% (5.6%) weniger verdient und diese Zahl interessiert letztendlich, denn seien wir ehrlich, welcher Unternehmer erinnert sich noch daran, ob vor einem Jahr im Oktober ein Tag mehr gearbeitet wurde als im zurückliegenden Monat? Streift man weiter durch die Zahlenlandschaft, werden markante Einbrüche sichtbar und verdeutlichen die riesige Kluft zwischen einzelnen Branchen, welche seit längerem immer weiter wird. So gilt einmal mehr, ohne Pharmaindustrie wären die Zahlen verheerend. Diese konnte um 2% zulegen, und zog allein ihres Gewichtes wegen – fast 50% an den gesamten Warenexporten im Oktober – die gesamte Bilanz nach oben.

Zweistellige Einbussen bei Maschinen (-11.7%), darunter Werkzeugmaschinen (-13.7%), Textilmaschinen (-13.5%) sowie Uhren (-16.4%) und Fahrzeugen (26.6%), etc. Die Liste der zweistelligen Umsatzeinbussen im Aussenhandel ist lang, die der Lichtblicke kurz und nicht sehr hell und vor allem nicht sehr gewichtig, wie etwa eine Zunahme der Bekleidungs-, Textil- und Schuhindustrie um stolze 11.2% oder ein etwas schwächerer Rückgang in der Präzisionsinstrumentenbranche um 4%. Über alles gesehen ist die Bilanz also noch immer – sagen wir mal – durchzogen.

Flauer Aussenhandel, schwache Binnennachfrage
Im Gastgewerbe und Detailhandel ist das Bild nicht viel anders, denn der private Konsum insgesamt legt kaum mehr zu. Zwar haben die Logiernächte im wetterbegünstigten September ein leichtes Plus verzeichnet, das Gros davon ging aber aufs Konto inländischer Kunden. Und auf das Jahr hochgerechnet liegt die Branche immer noch mit knapp einem Prozent im Minus, der Rückgang der ausländischen Übernachtungen betrug 2%. Im Detailhandel darben die Umsätze nun schon seit längerem, währenddessen in den grenznahen Orten im Ausland, in Deutschland ganz besonders, aber auch in Italien oder Frankreich, Schweizer jedes Wochenende einen Kaufrausch entfachen.

Dass unsere Währung gegenüber dem Euro aktuell wieder etwas zugelegt hat, dürfte die Detaillisten mindestens genauso beunruhigen wie die Schweizerische Nationalbank, die aber immerhin nicht auch noch den Dollar mit Argusaugen beobachten muss. Doch vom leicht erholten Greenback werden weder Detailhandel noch Gastgewerbe massgeblich profitieren können, auch wenn die US-Amerikaner nun wieder vermehrt die Schweiz bereisen. Denn geschrumpfte Einnahmen der rohölfördernden Länder schlagen dem zahlungskräftigen Klientel aus dem Nahen Osten, auf das man sich in den letzten Jahren verlassen konnte, zunehmend auf die Kauf- und Reiselaune.

Beschäftigungsentwicklung ebenso einseitig
Das oben gezeichnete durchzogene Bild schlägt sich auch in der Beschäftigung nieder. Seit dem Frankenschock hat die Industrie deutlich über 10’000 Vollzeitstellen abgebaut, lediglich im Dienstleistungssektor wurden mehr Beschäftigte registriert. Das Muster folgt dem langfristigen Trend. Die Schweizer Industrie beschäftigt heute fast eine Viertel Million weniger Menschen als Anfang der Neunzigerjahre. Dass heute in der gesamten Wirtschaft dennoch fast 400’000 mehr Beschäftigte gezählt werden als 1991, ist einzig dem Plus im Dienstleistungssektor von gut 620’000 zu verdanken.

Da aber gerade die Finanzdienstleister weiter Stellen abbauen und auch die übrigen privaten Dienstleister zurückhaltend sind, neues Personal zu rekrutieren, hat der jüngste Beschäftigungsaufbau in unserem Land seit dem Frankenschock zwei wichtige Quellen. Denn im Dienstleistungsbereich schufen das Gesundheits- und Sozialwesen mit Abstand am meisten Stellen und auch im Bildungswesen war die Zunahme markant. Beide öffentliche Sektoren sorgten für fast drei Viertel der Beschäftigungszunahme seit dem Frankenschock. Wenige Ausnahmen einmal abgesehen, von Überwindung des Frankenschocks kann also höchstens im öffentlichen Dienst die Rede sein. (Raiffeisen/mc/pg)

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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