Emerging Markets: Brasilien und Mexiko profitieren vom Energieschock
Von James Syme, Senior Fund Manager bei J O Hambro
Der Konflikt zwischen dem Iran, den USA und Israel ist ein breit angelegter Energieversorgungsschock, der Rohöl, Kraftstoffe, LNG, Düngemittel, Petrochemikalien und wichtige Vorleistungen trifft und globale Auswirkungen auf Schwellen- und Industrieländer haben könnte.
Energieimportierende Schwellenländer könnten mit höheren Importkosten sowie schwächeren Aussenbilanzen und Währungen konfrontiert sein, während Versorgungsengpässe und Währungsschwäche das Wachstum dämpfen könnten. Die Inflation könnte vom Energiesektor auf den Lebensmittelsektor übergreifen und Asien sowie ärmere Volkswirtschaften am härtesten treffen. Zu den betroffenen Volkswirtschaften zählen Taiwan, Thailand, die Türkei und Polen. China könnte sich als widerstandsfähig erweisen, geschützt durch schwache Nachfrage, Dekarbonisierung, reichliche Vorräte und Versorgungsflexibilität, während die GCC-Staaten von höheren Preisen profitieren könnten, aber anderen kriegsbedingten Risiken ausgesetzt sind. Potenzielle Chancen bieten sich bei Energieproduzenten ausserhalb des GCC, insbesondere in Lateinamerika (Brasilien, Mexiko), mit selektiven Übergewichtungen in anderen Regionen (z. B. Südafrika, VAE).
Ungleiche Folgen für Schwellenländer
Der multilaterale Konflikt rund um den Iran stellt einen aussergewöhnlichen negativen Angebotsschock für die globalen Rohstoffmärkte dar, mit erheblichen potenziellen Folgen für Schwellen- und Industrieländer. Die Risiken betreffen nicht nur Rohöl, sondern auch Raffinerieprodukte, Flüssigerdgas (LNG), Düngemittel, petrochemische Erzeugnisse sowie Spezialprodukte wie Sprengstoffe für den Bergbau, Schwefelsäure und Helium.
Der Rohstoffschock wirkt sich auf Schwellenländer aus, die Energien importieren und mit möglicherweise stark steigenden Importkosten konfrontiert sind, was Druck auf die Handelsbilanzen und Wechselkurse ausübt. Die Inflation könnte überall ansteigen, zunächst aufgrund der Energiepreise und später aufgrund der Lebensmittelpreise, die durch die Kosten für Kraftstoffe und Düngemittel in die Höhe getrieben werden. Die Währungsschwäche in Ländern, die Energie importieren, könnte die Inflation zusätzlich verstärken, während direkte Versorgungsengpässe die wirtschaftliche Aktivität bremsen könnten. Diese Auswirkungen dürften in den aufstrebenden Märkten Asiens und – wie bereits im Jahr 2022 – in den ärmsten Ländern der Welt am stärksten zu spüren sein.
Energieschock spaltet die Schwellenländerlandschaft
Der Schock führt zu einer deutlichen Spaltung innerhalb der Schwellenländer. Wir unterscheiden vier Kategorien: Energieimporteure sind die Hauptverlierer, da sie mit einer Kombination aus schwächerem Wachstum und zunehmenden makroökonomischen Belastungen konfrontiert sind. Energieexporteure hingegen profitieren von verbesserten Terms of Trade sowie einer stärkeren Haushalts- und Aussenhandelsposition. China ist durch die jüngsten politischen Entscheidungen weitgehend abgeschirmt, während die Märkte des Golf-Kooperationsrats (GCC) zwar von höheren Einnahmen aus dem Verkauf von Kohlenwasserstoffen profitieren, jedoch mit Kriegsschäden und Exportbeschränkungen zu kämpfen haben.
Energieimporteure dürften am stärksten betroffen sein, wobei mehrere grosse Volkswirtschaften besonders anfällig sind. Länder wie Indien und Südkorea weisen weltweit einige der grössten Öldefizite auf; sie verbrauchen rund 5,6 Mio. bzw. 2,5 Mio. Barrel pro Tag bei sehr geringer Eigenproduktion. Taiwan und Thailand sind im Verhältnis zur Grösse ihrer Volkswirtschaften ähnlich anfällig. Ausserhalb Asiens sehen sich die Türkei und Polen mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert, da ihre Öldefizite bei fast 1 Mio. bzw. 0,7 Mio. Barrel pro Tag liegen. Wir sind gegenüber diesen Märkten vorsichtig und haben unsere Position in diesem Monat weiter untergewichtet.
Obwohl China ein bedeutender Ölimporteur ist, zeigt sich das Land relativ widerstandsfähig: Die Binnennachfrage ist schwach; das Stromnetz und, in geringerem Masse, das Verkehrssystem sind weitgehend dekarbonisiert; die Rohölvorräte sind gross (geschätzt auf 1,2 – 1,4 Mrd. Barrel); und Importe aus Russland (und möglicherweise sogar aus dem Iran) sorgen für Versorgungsflexibilität. Bemerkenswert ist, dass chinesische Anleiherenditen seit Beginn des Krieges gefallen sind. Wir sind daher für chinesische Aktien im Vergleich zu anderen asiatischen Märkten optimistischer geworden.
Lateinamerika als klarer Gewinner
Innerhalb der Schwellenländer liegen die wichtigsten Chancen bei den Energieproduzenten ausserhalb des GCC. Lateinamerika sticht dabei besonders hervor: Brasilien produziert rund 4,5 Mio. Barrel pro Tag bei einem Verbrauch von 3,3 Mio. Barrel pro Tag, während Mexiko, Kolumbien und Argentinien ebenfalls Nettoexporteure sind. Wir stehen Brasilien und Mexiko weiterhin sehr positiv gegenüber und behalten unsere Übergewichtungen bei. Südafrika ist zwar Nettoimporteur, wird aber teilweise durch seine Rolle als bedeutender Kohleproduzent sowie begrenzte Coal-to-Liquids-Kapazitäten (~150 Tsd. Barrel pro Tag) abgefedert, wodurch der BIP-Effekt auf etwa 0,5 % begrenzt wird; wir behalten eine kleine Übergewichtung bei.
Im GCC exportieren Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate weiterhin geringere Mengen über Pipelines zu deutlich höheren Preisen, während sie zugleich Ziel zahlreicher Angriffe aus dem Iran sind. Wir haben unsere Übergewichtung in den Vereinigten Arabischen Emiraten reduziert, um den wirtschaftlichen Risiken des anhaltenden Konflikts Rechnung zu tragen.
Angesichts der sehr hohen Volatilität und der tatsächlichen Versorgungsengpässe bei vielen wichtigen Rohstoffen sind die Aussichten für weite Teile der Weltwirtschaft und der globalen Finanzmärkte ungewiss. Es ist jedoch wichtig, die grossen Chancen in den Schwellenländern zu erkennen, die zu höheren Preisen exportieren, sowie in China, wo vorausschauende politische Entscheidungen zu einer relativ starken Entwicklung führen könnten.