EY: Top-300-Unternehmen in Europa und den USA mit Umsatzeinbussen

Nestlé
Nestlé-Hauptsitz in Vevey.

Nestlé belegt Platz 10 der umsatzstärksten Unternehmen Europas.

Zürich – Sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten gingen die Umsätze und Gewinne der jeweils 300 grössten Unternehmen im vergangenen Jahr zurück: Europas Top-Konzerne verzeichneten unterm Strich einen Umsatzrückgang um vier Prozent, der Gesamtgewinn brach sogar um 14 Prozent ein. In den USA fiel der Gewinnrückgang mit drei Prozent deutlich geringer aus, auch die Umsätze sanken um drei Prozent und damit weniger stark als in Europa. Die Margen der grössten Unternehmen sanken hierzulande hingegen leichter von 9,9 auf 9,4 Prozent.  

Hauptgrund für den Umsatz- und Gewinnrückgang auf beiden Seiten des Atlantiks – vor allem aber in Europa und in der Schweiz – ist der Verfall der Öl- und Rohstoffpreise. So verzeichneten Bergbau- und Rohstoffkonzerne einen Umsatzrückgang von insgesamt 15 Prozent, die Umsätze der Ölkonzerne in Europa und den USA brachen sogar um 31 Prozent ein. Diese beiden Branchen stehen in Europa für 22 Prozent des Gesamtumsatzes der Top 300 Unternehmen (Vorjahr 28 Prozent). In den USA haben sie hingegen ein deutlich geringeres Gewicht (11 Prozent des Gesamtumsatzes).

Für die meisten anderen Branchen ging es hingegen im vergangenen Jahr aufwärts – wobei die europäischen Unternehmen stärker zulegten als ihre US-amerikanischen Wettbewerber.

Schwedische und deutsche Unternehmen mit höchsten Wachstumsraten
Denn während in den Vereinigten Staaten nicht einmal jedes zweite Unternehmen den Umsatz steigern konnte, schafften in Europa fast zwei von drei Konzernen (64 Prozent) ein Umsatzplus. Besonders gut entwickelten sich die schwedischen und deutschen Unternehmen mit Wachstumsraten von 10,5 bzw. 5,5 Prozent, während die britischen und niederländischen Unternehmen Umsatzrückgänge von 10,4 bzw. 19,4 Prozent verzeichneten.

Insgesamt erwirtschafteten die Top-Unternehmen Europas einen Umsatz von 7,0 Billionen Euro bei einem operativen Gewinn von 536 Milliarden Euro, die US-Konzerne kamen auf umgerechnet 8,7 Billionen Euro Umsatz und 1,0 Billionen Euro Gewinn.

Unter den zehn umsatzstärksten Unternehmen Europas finden sich mit – trotz Umsatzeinbussen – Glencore (4. Platz) und Nestlé (10. Platz) zwei Schweizer Unternehmen. Beim operativen Ergebnis schafften es drei Schweizer Vertreter in die Top Ten: Roche (Platz 3), Nestlé (Platz 4) und Novartis (Platz 8). Dies- und jenseits des Atlantiks bleibt allerdings Apple das Mass aller Dinge: Mit einem operativen Gewinn von umgerechnet 65,6 Milliarden Euro machte der iPhone-Hersteller mehr Gewinn als die fünf gewinnstärksten europäischen Unternehmen zusammen.

Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young), für die Bilanzzahlen der jeweils 300 umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen in Europa und den USA (ohne Banken und Versicherungen) analysiert wurden.

Schwacher Euro stützt europäische Grossunternehmen
Markus Thomas Schweizer, Managing Partner des Bereichs Advisory bei EY Deutschland, Schweiz und Österreich, kommentiert: «Die Gesamtentwicklung der europäischen und US-amerikanischen Konzerne war im vergangenen Jahr stark durch die Krise im Öl- und Rohstoffsektor beeinflusst. Für die Mehrzahl der europäischen Grossunternehmen ging es hingegen bei Umsatz und Gewinn aufwärts. Sie profitierten zum einen von der anziehenden Konjunktur in Teilen Europas und der wiedererstarkten US-amerikanischen Wirtschaft, vor allem aber vom schwachen Euro.»

Der starke Wertverlust des Euro liess im Ausland erzielte Einnahmen bei der Umrechnung in die europäische Gemeinschaftswährung wachsen – wovon vor allem stark internationalisierte und in Euro bilanzierende Unternehmen profitierten.

Gegenteilige Effekte mussten im vergangenen Jahr die US-Konzerne verkraften, deren Umsatz- und Gewinnentwicklung vom starken US-Dollar gebremst wurde.

«Dass die US-Unternehmen trotz des starken US-Dollars sowohl bei der Umsatz- als auch bei der Gewinnentwicklung besser dastehen als ihre europäischen Wettbewerber und ihre Margen sogar leicht erhöhen konnten, zeigt die bemerkenswerte Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der US-Wirtschaft», kommentiert Schweizer. Nach wie vor wirtschaften die amerikanischen Konzerne wesentlich profitabler: Margen von zehn Prozent oder mehr schafften im vergangenen Jahr in den USA zehn von sechzehn Branchen, in Europa erwirtschafteten nur sieben Branchen eine Umsatzrendite von mindestens zehn Prozent.

USA weiter mit grossem Vorsprung bei neuen Technologien
Die anhaltende – und sich zuletzt sogar verschärfende – Margenschwäche der europäischen Konzerne sei auch auf strukturelle Probleme zurückzuführen, sagt Schweizer: „Es gibt nach wie vor in Europa ein massives Übergewicht der sogenannten Old Economy.» 41 Prozent der Top-300-Unternehmen entstammen den klassischen Industriebranchen wie Maschinen- und Anlagebau, Elektroindustrie, Automobilbau sowie Öl- und Rohstoffgewinnung. Diese Unternehmen stellen sogar 51 Prozent des Gesamtumsatzes. Zum Vergleich: In den USA liegt der Anteil dieser Branchen an der Gesamtzahl der grössten 300 Unternehmen nur bei 28 Prozent; und sie erwirtschaften nur 27 Prozent des Gesamtumsatzes.

Auf der anderen Seite kann Europa die Lücke in der IT-Branche nicht schliessen: Gerade einmal 14 IT-Unternehmen können sich im europäischen Top-300-Ranking platzieren (Vorjahr: 12) – in den USA sind es 32 (Vorjahr 30). Noch deutlicher ist der Abstand beim Umsatz: Die europäischen IT-Konzerne erwirtschafteten im vergangenen Jahr 181 Milliarden Euro – das sind drei Prozent des Gesamtumsatzes der Top 300. Die US-amerikanischen IT-Konzerne kommen hingegen auf einen Gesamtumsatz von umgerechnet fast 1,1 Billionen  Euro, was 12 Prozent des Gesamtumsatzes der US-Top-300 entspricht. «In den USA hat sich der IT-Sektor zur Leitbranche entwickelt, in Europa ist er davon weit entfernt; hier geben Industriekonzerne den Ton an. Während US-Unternehmen die Digitalisierung aller Lebens- und Wirtschaftsbereiche massiv forcieren, drohen Europas Top-Konzerne zu Getriebenen zu werden», warnt Schweizer. «Für Europa wird viel davon abhängen, ob die digitale Transformation der Industrie gelingt – dass also klassische Industriekonzerne rasch ihre <digitale Reife> erhöhen, um die Möglichkeiten einer vernetzten und effizienteren Produktion und neuer digitaler Geschäftsmodelle nutzen zu können.»

Ausblick: Kräftiger Gegenwind für Europas Top-Konzerne
Nachdem viele europäische Unternehmen im vergangenen Jahr noch von Währungseffekten profitieren konnten, wird es in den kommenden Monaten deutlich schwieriger werden, Wachstum zu generieren, erwartet Schweizer: «In diesem Jahr fällt der schwache Euro als Umsatzturbo aus. Hinzu kommen eine schwächelnde Weltkonjunktur und steigende wirtschaftliche und politische Risiken: Ein Brexit würde Schockwellen durch Europa senden, die US-Präsidentschaftswahl wirft ihre Schatten voraus und Europa kämpft weiter mit der Flüchtlings- und der Staatsschuldenkrise.»

Umso wichtiger sei es für die Unternehmen, an ihrer Effizienz und Flexibilität zu arbeiten – sonst drohe ein weiterer Margenrückgang, so Schweizer: «Wir müssen uns auf eine Durststrecke einstellen mit niedrigerem Umsatz- und Gewinnwachstum und höherer Unsicherheit und Volatilität.» (EY/mc/ps)

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