Florian Knappe erforscht, wie Sport Geflüchtete stärken kann

Florian Knappe erforscht, wie Sport Geflüchtete stärken kann
Florian Knappe ist überzeugt: Bewegungsangebote in Asylzentren können einen Rahmen für Austausch und Ablenkung bieten. (Foto: Universität Basel, Eleni Kougionis)

Basel – Eine Woche in einem griechischen Flüchtlingscamp veränderte Florian Knappes beruflichen Weg. Heute erforscht er, wie Sportangebote in Asylzentren Geflüchteten helfen können. Die Fluchterfahrungen seines Vaters und Grossvaters trugen wohl dazu bei, welchen Weg Florian Knappe einschlug. «Das fing während der sogenannten Flüchtlingskrise ab 2015 an, noch während meines Studiums», erinnert er sich. «Das Foto eines ertrunkenen Jungen am Mittelmeerstrand ging um die Welt.» Dass ihn dieses Bild tief getroffen hat, merkt man ihm auch zehn Jahre später noch an.

Florian Knappe ging zunächst für eine Woche als Helfer in eines der inoffiziellen Flüchtlingscamps in Nordgriechenland, die sich nach Schliessung der Grenze zum heutigen Nordmazedonien bildeten. Er half unter anderem dabei, Zelte, Decken und Hygieneartikel zu verteilen.

Gewalt am Grenzzaun

Während dieser Zeit wurde er auch Zeuge von Pushbacks, dem brutalen Zurückdrängen von Geflüchteten an den Grenzzäunen. «Manche wurden bewusstlos geschlagen, und wir wussten, die Ambulanz kommt nicht.» Obwohl es verboten war, Geflüchtete im Auto zu transportieren, blieb den Helferinnen und Helfern keine andere Wahl: «Die Verletzten mussten irgendwie ins Spital.»

«Meine Mutter hätte sich gewünscht, dass ich in der Finanzbranche arbeite», erzählt Florian Knappe lachend. Sie habe ihn während der Schulzeit für drei Tage zum Schnuppern in eine Bank geschickt, erinnert er sich rund 20 Jahre später an einem warmen Nachmittag im Juni. Er entschied sich stattdessen für ein Sportstudium an der Universität Basel.

In einem Sitzungszimmer am Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit (DSBG) erzählt Knappe, was die Weichen in seinem Leben gestellt hat. «Das Thema Flucht zieht sich durch meine Familiengeschichte. Mein Grossvater floh als Kind aus Schlesien nach Dresden und mein Vater versuchte mehrfach, die DDR zu verlassen.» Schliesslich gelang ihm die Flucht über Ungarn in die Schweiz.

Während seines ganzen Studiums ging Florian Knappe immer wieder als Helfer in Flüchtlingscamps. «Bei einem solchen Einsatz habe ich auch meine Partnerin kennengelernt», erzählt er lächelnd. Sie arbeitet bis heute für eine Hilfsorganisation.

Im Laufe der Zeit verschob sich der Fokus seiner Einsätze. Die Geflüchteten kamen in offizielle Camps, wo ihre Tage von eintönigem Warten geprägt waren. «Da trat die psychische Belastung in den Vordergrund», so Knappe. «Es fehlte an Möglichkeiten, aus negativen Gedankenkreisen auszubrechen.»

Kann Sport helfen?

Als Student in den Sportwissenschaften fragte er sich, wie Sport in diesem Zusammenhang helfen könnte. Daraus entstand die Idee für seine Masterarbeit: Er führte ein Sportprojekt in Flüchtlingscamps in Griechenland durch und wertete aus, ob sich die regelmässige Teilnahme auf die psychische Gesundheit von Geflüchteten auswirkt.

Nach dem Abschluss seiner Masterarbeit arbeitete er als Sportlehrer, aber das Thema Flucht liess ihn nicht los. Er setzte parallel zum Lehrberuf seine Arbeit im Rahmen einer Dissertation fort, um die biopsychosoziale Wirkung von Sportangeboten bei geflüchteten Menschen und die Bedeutung der Teilnahme für die Betroffenen selbst zu erforschen.

Während seines ganzen Studiums ging Florian Knappe immer wieder als Helfer in Flüchtlingscamps. «Bei einem solchen Einsatz habe ich auch meine Partnerin kennengelernt», erzählt er lächelnd. Sie arbeitet bis heute für eine Hilfsorganisation. Während der intensivsten Phase seiner Doktorarbeit musste er längere Zeit nach Griechenland, kurz nach der Geburt seines zweiten Kindes – eine Belastung für die ganze Familie. Ohne die Unterstützung seiner Partnerin und seines Betreuers, sagt er, hätte er diesen Weg nicht geschafft.

Forschung durch persönliche Gespräche

«Mir war immer bewusst, dass ich ein weisser, privilegierter Mann bin», sagt Knappe selbstkritisch über seine Forschungstätigkeit. «Ich wollte deshalb nicht mit vorgefertigten Lösungen in diese Camps gehen, sondern den Menschen vor Ort zuhören und es gemeinsam auf die Beine stellen.»

Die praxisrelevanten Erkenntnisse seiner Doktorarbeit ergaben sich denn auch nicht nur aus der quantitativen Auswertung, sondern aus Gesprächen mit den Teilnehmenden. So erfuhr er, dass sie durch die Aktivitäten tatsächlich weniger grübelten und leichter mit anderen ins Gespräch kamen.

«Sport kann einen Rahmen schaffen, der Austausch, positive Momente und Ablenkung bietet», so Knappe. Solche Angebote seien aber nicht automatisch positiv: Konkurrenz und sozialer Ausschluss im Rahmen von wettkampforientierten Aktivitäten könnten die Situation auch verschlimmern. «Deshalb ist es wichtig, die Coaches entsprechend zu schulen.»

«Coach the coaches»

Genau damit setzt sich Florian Knappe heute als Postdoc in einem vom Hochschulverbund Eucor finanzierten Projekt auseinander. Dabei schwingt auch die Frage mit, wie solche Angebote auch dann weiterlaufen können, wenn Forschungsprojekte enden und keine Forschungsgelder mehr fliessen.

Unter dem Titel «Coach the coaches» arbeitet er deshalb mit Bundesasylzentren in Basel und Zürich zusammen, um Sportangebote dort strukturell zu verankern. Asylzentrums-Angestellte werden ausgebildet, damit sie regelmässig sportliche Aktivitäten anbieten können. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Aktivitäten für unbegleitete Minderjährige und Frauen, weil diese Gruppen auf der Flucht oft besonders grossen psychischen Belastungen ausgesetzt sind.

«Ich möchte meine fünf Rappen dazu beitragen, die Situation dieser Menschen zu verbessern», erklärt Florian Knappe seine Motivation. Statt Bankmitarbeiter oder Sportlehrer ist er heute ein Forscher, der zuhört, um mit seiner Arbeit einen Beitrag zu leisten, der wirklich bei den Menschen ankommt. (Universität Basel/mc/ps)

Weitere Informationen zur Forschung.

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