Gewalt gegen Pflegende: Ein häufiges Problem in der stationären Psychiatrie

Gewalt gegen Pflegende: Ein häufiges Problem in der stationären Psychiatrie
Gewalterfahrungen durch Patientinnen und Patienten können langfristige physische und mentale Folgen für das betroffene Pflegepersonal bedeuten. (Foto: Vladimir Fedotov/Unsplash/Unibas)

Basel – Beschimpfungen und sexuelle Übergriffe: Die Gefahr, dass Pflegende in der stationären Psychiatrie durch Patientinnen und Patienten angegriffen werden, ist hoch. Das zeigt eine Studie der Universität Basel. Die Forschenden fordern deshalb neue Strategien zur Gewaltprävention.

Gewalt von Patientinnen und Patienten gegenüber Pflegenden ist ein bekanntes Problem in der stationären Psychiatrie. Dennoch gelang es bisherigen Studien nicht, dieses Phänomen in seiner Komplexität zu fassen. Zahlen zur Häufigkeit variieren stark: Einerseits aufgrund unterschiedlicher Definitionen von Gewalt, andererseits, weil die verschiedenen Formen von Gewalt zu wenig ausdifferenziert sind und Fälle sexueller Gewalt meist gar nicht erfasst werden.

Zusätzlich liegen widersprüchliche Ergebnisse zur Frage vor, wie bestimmte Merkmale von Pflegenden mit dem Auftreten von Gewalt ihnen gegenüber zusammenhängen. Unter diesen Merkmalen verstehen die Forschenden Faktoren wie Alter, Geschlecht, Berufserfahrung und Arbeitspensum, aber auch die Einstellung der Pflegenden gegenüber Gewalt an ihrem Arbeitsplatz.

Eine Studie der Universität Basel unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Simon hat nun die Häufigkeit und den Schweregrad von verbaler, physischer und sexueller Gewalt von Patientinnen und Patienten gegenüber Pflegenden erfasst und den Zusammenhang zwischen Merkmalen der Pflegenden und dem Auftreten von Gewalt untersucht.

Die Ergebnisse lassen aufhorchen
Die Stichprobe der Studie umfasste insgesamt 1128 Pflegefachpersonen mit einem Arbeitsort in der Deutschschweiz. Sie wurden zum einen zu Erlebnissen mit Gewalt durch Patientinnen und Patienten befragt, die sich gegen Gegenstände richtete. Zum anderen sollten sie Angaben machen zu persönlichen Erfahrungen mit leichteren Formen von physischer und psychischer sowie spezifisch verbaler und physischer sexueller Gewalt, die im vorangegangenen Monat stattgefunden hatten. Die Anzahl von schweren Gewaltangriffen hingegen wurde über die gesamte berufliche Karriere erfragt.

Über die Zeitspanne von 30 Tagen waren 73 Prozent der befragten Pflegenden mindestens einmal von verbaler Gewalt betroffen. 63 Prozent beobachteten Gewalt gegenüber Gegenständen. 40 Prozent erlebten verbale sexuelle Gewalt und 14 Prozent berichten von physischer sexueller Gewalt. Leichtere Formen von physischer Gewalt betrafen 28 Prozent. Fast jede und jeder dritte Pflegende (30 Prozent) gab an, während der gesamten beruflichen Karriere in der Psychiatrie schon einmal körperlich schwer verletzt worden zu sein.

Die Studie zeigt: Sowohl Alter, Geschlecht als auch das Arbeitspensum von Pflegefachpersonen stehen in direktem Zusammenhang mit der Häufigkeit von Gewalterfahrungen. Bei jüngeren Frauen mit hohem Arbeitspensum und weniger als drei Jahren Berufserfahrung ist die Gefahr eines verbalen sexuellen Übergriffs besonders hoch.

Bisherige Gewaltprävention reicht nicht
Die Forschungsgruppe betont, dass inzwischen etablierte Strategien wie Aggressionsmanagement-Training oder Alarmgeräte auf den Stationen die Gewalt von Patientinnen und Patienten gegenüber Pflegenden auf der stationären Psychiatrie nicht ausreichend reduzieren. Sie fordern deshalb weiterführende, proaktive nationale und internationale Strategien zur Gewaltprävention für das Pflegepersonal in der Psychiatrie. (Universität Basel/mc/ps)

Originalpublikation
Nanja Schlup, Beatrice Gehri und Michael Simon
Prevalence and severity of verbal, physical, and sexual inpatient violence against nurses in Swiss psychiatric hospitals and associated nurse-related characteristics: Cross-sectional multicentre study
International Journal of Mental Health Nursing (2021), doi: 10.1111/inm.12905

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